Standort: science.ORF.at / Meldung: "In Wien wurde lange gern geheiratet"

Eheringe liegen aufeinander.

In Wien wurde lange gern geheiratet

Auch wenn es so gar nicht zum zügellosen Großstadtleben zu passen scheint: In Wien blieb die Zahl der Eheschließungen bis 2005 konstant, obwohl sie im Rest Österreichs schon lange abnahm. Der Grund könnte die Migration gewesen sein, heißt es in einer aktuellen Studie.

Gesellschaft 05.01.2015

Die Soziologin Sigrid Kroismayr hat verglichen, in welchen Bundesländern wie oft geheiratet wird und welchen Hintergrund die Brautleute haben.

Kein leichter Stand für die Ehe

Die Studie:

"Aktuelle Entwicklungen im Heiratsverhalten - ein Vergleich zwischen Wien und den anderen Bundesländern" ist im Heft 4/2014 der "SWS Rundschau" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 5.1., 13:55 Uhr.

Die Ehe hat schon seit einem halben Jahrhundert keinen leichten Stand. Bis in die 1960er Jahre heirateten in Österreich rund 55.000 Paare pro Jahr, danach immer weniger. Die damalige SPÖ-Alleinregierung versuchte 1972, mit einer Heiratsbeihilfe in der Höhe von 15.000 Schilling (1.090,90 Euro) gegenzusteuern, was laut Sigrid Kroismayr allerdings nur kurz Wirkung zeigte: Denn ab 1973 gingen die Zahlen wieder merklich zurück.

Mit der Ausnahme von zwei Spitzen in den Jahren 1983 (Gerüchte über die Abschaffung der Prämie) und 1987 (ab 1.1.1988 wurde sie tatsächlich abgeschafft) lassen sich immer weniger Menschen trauen. Waren es 1975 noch rund 46.500, gaben sich 1998 österreichweit erstmals weniger als 40.000 Menschen das Ja-Wort, 2013 waren es 36.140.

Wien stabil bis 2005

So weit, so kontinuierlich. Vergleicht man aber die Bundesländer untereinander, sieht man, dass es einen Teil Österreichs gab, der bei diesem Abwärtstrend nicht bzw. erst mit sehr viel Verspätung mitgemacht hat: In Wien blieben die Zahlen bis 2005 mit rund 9.000 Eheschließungen im Jahr stabil.

Erst danach begann der Sinkflug: 2013 gaben sich noch 7.814 Menschen das Ja-Wort. "Dies passt so gar nicht in das Bild, das man sich üblicherweise von einem 'großstädtischen' Leben zu machen pflegt", stellt Sigrid Kroismayr in ihrer Studie fest.

Geheiratet wird vor den Kindern

Zwei weitere Faktoren sind in Wien auffällig, schreibt die Soziologin: Erstens blieb die Zahl der Erst-Ehen - also einer Eheschließung von zwei vorher nicht verheirateten Menschen - in Wien stabil, während sie in allen anderen Bundesländern zurückging. Und zweitens heirateten bzw. heiraten in Wien besonders viele Menschen, die noch keine Kinder hatten bzw. haben.

Noch 1995 waren knapp 90 Prozent der Wiener Brautleute kinderlos, während es in den anderen Bundesländern etwas mehr als 70 Prozent waren. Bekanntestes Beispiel in Österreich ist Kärnten, wo Anfang der 1980er Jahre 80 Prozent der Kinder "unehelich" auf die Welt kamen.

Migration hinterlässt Spuren

"Die ausgewiesenen Zahlen kehren quasi das Bild von den 'traditionellen' ländlichen Regionen um", heißt es in der Studie - bleibt die Frage: Warum? Sigrid Kroismayr sieht eine moderne Entwicklung als Grund: Ab 1989 und dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Wien zunehmend zum Ziel von Zuwanderern, und sie haben auch in der Heiratsstatistik ihre Spuren hinterlassen.

Der Anteil von Brautpaaren, von denen einer oder beide eine andere Staatsbürgerschaft hatten, ist kontinuierlich gestiegen, bis er 2004 seinen Höhepunkt mit 54,4 Prozent in Wien (23,6 Prozent in den anderen Bundesländern) erreichte. Danach sank er wieder auf nunmehr rund 30 Prozent - unter anderem wegen gesetzlicher Änderungen, die den Erwerb der Staatsbürgerschaft über eine Eheschließung an bestimmte Bedingungen knüpfte.

Ehe verliert Wiener Refugium

Das "Ja" so vieler Migrantinnen und Migranten nur darauf zurückzuführen, dass sie damit ihren Aufenthaltsstatus absichern wollten, wäre aber verfehlt, meint Sigrid Kroismayr. Sie führt auch "kulturelle Hintergründe und religiöse Überzeugungen" ins Treffen. Die Ehe habe besonders in Nord-, West- und Mitteleuropa an Bedeutung verloren, während sie in Süd- und Osteuropa noch eher hochgehalten wurde und wird - und eben von dort kam der Großteil der Einwanderer.

Im Grunde war es also die Entwicklung hin zu einer multiethnischen Gesellschaft, die der traditionellen Institution der Ehe in Wien Stabilität verlieh. Aber seit 2006 scheint sich das zu ändern, weil die Zahl der Eheschließungen nun auch in Wien zurückgeht. Eine These der Soziologin: Kinder und Enkel von früheren Migrantinnen und Migranten haben sich hinsichtlich ihrer Wertschätzung für die Ehe der "Mehrheitsbevölkerung" angepasst und heiraten nur mehr zögerlich. Die Ehe scheint also ihr Wiener Refugium zu verlieren.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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