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Ein Schnitt durch Zellgewebe

Krebs ist vor allem: Pech

Die Ursachen von Krebs sind vielfältig. Sie reichen von "schlechten Genen" bis zu Umwelt und Lebensstil. Wer etwa mehr raucht, kriegt eher Lungenkrebs. Eine neue US-Studie relativiert nun: Zwei Drittel von bestimmten Krebsfällen bei Erwachsenen seien einfach Pech - zufällige Mutationen von Zellen.

Medizin 02.01.2015

Für Lungenkrebs trifft das nicht zu, denn hier trägt Rauchen tatsächlich entscheidend zur Bildung von Karzinomen bei. Bei 22 anderen Krebsarten ist es aber schlicht "bad luck", ob man erkrankt oder nicht, wie die beiden Mediziner Cristian Tomasetti und Bert Vogelstein vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center schreiben. Das beste Gegenmittel sei es, Tumoren möglichst früh zu erkennen und chirurgisch zu entfernen.

Die Studie:

"Variation in cancer risk among tissues can be explained by the number of stem cell divisions" von Cristian Tomasetti und Bert Vogelstein ist am 2. 1. in "Science" erschienen.

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Entscheidend: Teilungsrate von Stammzellen

"Alle Krebsarten sind das Ergebnis von Pech, Umwelt und Vererbung", erklärt Vogelstein in einer Aussendung. Um dieses "Pech" zu quantifizieren, haben sich die Forscher ein relativ einfaches statistisches Modell überlegt.

Sein Ausgangspunkt ist der Beginn einer Krebserkrankung: die fehlerhaften Zellteilungen von Stammzellen im Gewebe. Je mehr solcher Mutationen auftreten, desto höher ist das Risiko von Wucherungen. Mutierte Stammzellen sind gefährlicher als gewöhnliche Gewebszellen, da sie länger leben und damit die Krebsgefahr erhöhen.

Tomasetti und Vogelstein haben deshalb das Verhältnis von Stammzellen zu den übrigen, differenzierten Zellen in 31 Gewebsarten verglichen und ihre Teilungsrate ermittelt. Die These: Gewebe mit den meisten Stammzellteilungen sind am anfälligsten für Krebs. Die Zahlen, die sie gesammelt haben, verglichen sie mit den tatsächlichen Krebsfällen von US-Amerikanern. Dabei zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang: Je höher die Anzahl der Stammzellteilungen, desto höher ist auch die Krebsrate.

Beispiel Darm

Ein Beispiel: Karzinome im Dickdarm sind viel häufiger als im Dünndarm. Und zwar selbst bei Menschen mit einer bestimmten Genvariante, die eine erhöhte Krebsgefahr für ihren gesamten Darm darstellt.

Wie die Forscher errechnet haben, kommt es im Lebenslauf eines durchschnittlichen Dickdarms zu einer Billion Stammzellteilungen. Beim Dünndarm sind es "bloß" zehn Milliarden. Häufigkeit von Krebsfällen und Zellteilungsrate hängen also zusammen.

Dass dies nicht mit Umweltfaktoren zusammenhängt, denen der Dickdarm eher ausgesetzt ist, zeigt der Vergleich mit Mäusen. Bei ihnen ist Dünndarmkrebs häufiger, und auch die Rate der Stammzellteilungen ist bei ihnen im Dünndarm höher.

Zwei Drittel Zufall

65 Prozent eines Krebsrisikos können statistisch durch die Stammzellteilungen erklärt werden, schreiben die Forscher. Dies ist aber nur der Durchschnitt der 31 untersuchten Gewebstypen, im Einzelfall sieht es anders aus. Bei 22 Geweben ist ihnen zufolge tatsächlich das "Pech mutierter Stammzellen" hauptverantwortlich für die Entstehung von Tumoren - dazu zählen Leukämie, Eierstock- und Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Bei neun Gewebsarten liegen die tatsächlichen Krebsfälle hingegen über den Voraussagen durch die Zellteilungen. Dazu gehören Lungenkrebs, der stark mit Rauchen zusammenhängt, Hautkrebs, bei dem die Sonneinstrahlung eine wichtige Rolle spielt, und mehrere Krebsarten mit Risikogenen.

Wichtig ist auch, dass die Studie nicht alle Karzinomarten untersucht hat. Brust- und Prostatakrebs waren nicht enthalten, weil die Forscher dazu nicht ausreichend Daten zur Stammzellteilung hatten.

"Wie in der Lotterie verlieren"

Auch wenn die Studie den Faktor Zufall nun in Zahlen übersetzt hat: Die allgemeinen Empfehlungen zur Krebsvorbeugung - nicht Rauchen, wenig Alkohol, Bewegung etc. - sind deshalb nicht überholt. Ebenso wenig, dass es eine erbliche Vorbelastung gibt oder dass etwa HPV-Viren Gebärmutterhalskrebs auslösen können.

Ein wenig relativierend ist es dennoch, was die beiden US-Mediziner schreiben - vielleicht auch für Patienten und Patientinnen, die irrtümlich glauben, "selbst schuld" zu sein. "Wenn Menschen Krebs bekommen, wollen sie sofort wissen: Warum? Sie wollen glauben, dass es einen Grund gibt", sagt Vogelstein.

"Der wahre Grund ist aber in vielen Fällen nicht, dass sie sich falsch verhalten haben oder einem schlechten Einfluss der Umgebung ausgesetzt waren. Sie haben in vielen Fällen einfach Pech gehabt. Es ist, wie in der Lotterie zu verlieren."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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