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Schwarze Kohlestücke

Fossile Energie, die besser nicht genutzt wird

Die Erde sollte im Durchschnitt nicht mehr als zwei Grad wärmer sein als vor der Industrialisierung: Dann wären die Folgen des Klimawandels noch halbwegs verkraftbar, sagen Experten. Um das Ziel zu erreichen, dürften aber große Mengen an Kohle, Öl und Gas nicht verbrannt werden. Forscher haben nun genau berechnet, wie viel.

Klimaerwärmung 08.01.2015

Weltweit sollten demnach in den nächsten 40 Jahren etwa ein Drittel der gegenwärtig technisch und wirtschaftlich förderbaren Ölreserven ungenutzt bleiben. Bei Gas wäre es die Hälfte, und bei Kohle sollten mehr als 80 Prozent der Reserven nicht gefördert werden, schreiben Christophe McGlade und Paul Ekins vom University College London in einer aktuellen Studie.

Die Studie:

"The geographical distribution of fossil fuels unused when limiting global warming to 2 degree C" von Christophe McGlade und Paul Ekins ist am 7. 1. 2015 in "Nature" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 8. Jänner 2015 um 13:55.

Unter diesen Bedingungen bestünde zumindest eine 50-prozentige Chance, die Zwei-Grad-Erwärmung nicht zu überschreiten. Sie ermittelten darüber hinaus, in welchen Regionen der Welt welche Mengen fossiler Energieträger ausgebeutet werden sollten.

Nur Zehntel der Ressourcen sollte verbraucht werden

In früheren Studien haben Experten bereits errechnet, dass zwischen den Jahren 2011 und 2050 noch etwa 1.100 Gigatonnen Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen werden dürfen, wenn das Klimaziel erreicht werden soll. Die in den vorhandenen fossilen Ressourcen festgelegten Kohlendioxidmengen der Erde liegen deutlich darüber, sie belaufen sich Schätzungen zufolge auf bis zu 11.000 Gigatonnen.

Davon könnten 2.900 Gigatonnen derzeit technisch und wirtschaftlich vertretbar gefördert werden. Eine unverminderte Nutzung dieser Reserven ist mit dem Zwei-Grad-Ziel nicht vereinbar, schreiben McGlade und Ekins.

Mit Hilfe komplexer Computermodelle ermittelten sie nun, wo welche Mengen gefördert werden dürften, um die globale Erwärmung zu begrenzen. Diese Modelle berücksichtigen zahlreiche Annahmen, u.a. über Aufwand und Kosten der Förderung sowie die künftige technologische Entwicklung. Die Forscher errechneten auf diese Weise, wo welche Ressourcen besonders günstig ausgebeutet werden können, also so etwas wie eine globale Optimallösung.

CO2-Speicherung wird kaum helfen

Den Ergebnissen zufolge liegt im Nahe Osten etwa die Hälfte der derzeit technisch förderbaren Ölreserven, die im Boden bleiben sollten. Gut 260 Milliarden Barrel Öl - etwa 38 Prozent der förderbaren Gesamtreserven - müssten die dortigen Länder ungenutzt lassen.

Die USA und Australien dürften wiederum nur knapp zehn Prozent ihrer derzeit nutzbaren Kohlemengen verbrauchen. Die Förderung von unkonventionellen Gasreserven, wie das in Gestein gebundene Schiefergas, müsste in China, Indien, Afrika und dem Mittleren Osten stark eingeschränkt werden. Die fossilen Vorräte in der Arktis sollten gänzlich unangetastet bleiben.

Technologien zur Speicherung und Abscheidung von Kohlendioxid, die in den kommenden Jahrzehnten möglicherweise eingesetzt werden können, erhöhten die nutzbaren Mengen fossiler Energieträger nur leicht, schreiben die Forscher weiter. So könnten unter Nutzung solcher CCS-Technologien etwa sechs Prozent mehr Kohle verbraucht werden, der förderbare Gas-und Öl-Anteil steige um nur zwei Prozent.

Globaler Klimavertrag muss gerecht sein

Die Stärke der Studie liege in der detaillierten regionalen Aufspaltung der Analyse, die es so zuvor noch nicht gegeben habe, sagt Michael Jakob vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Gemeinsam mit Jérôme Hilaire vom gleichen Institut hat der Klimaforscher auch einen Kommentar zu der "Nature"-Studie geschrieben.

"Eine erfolgreiche Klimapolitik ist letztlich eine Frage der Entschädigung", sagt Jakob. "Einige Entwicklungsländer fragen sich natürlich, warum sie ihre vorhandenen Reserven ungenutzt lassen sollten, wenn dies doch ihr vorrangiges Ziel - die Bekämpfung der Armut - erschwert."

Nur ein globales Klimaübereinkommen, das Verlierer entschädige und von allen Teilnehmern als gerecht empfunden werde, könne auf lange Sicht die Nutzung fossiler Energieträger streng begrenzen, heißt es in dem Kommentar. Künftige Technologien zum CO2-Entzug aus der Atmosphäre könnten es möglicherweise erlauben, auch nach 2050 weitere fossile Reserven zu verbrennen, es sei jedoch noch sehr unsicher, etwas über diese Verfahren zu sagen.

science.ORF.at/APA/dpa

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