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Frau hält Hand zum Ohr

Musik trennt und verbindet

Ob als Pygmäe im Regenwald oder Hipster in Montréal - wo wir auch leben, manche musikalischen Aspekte berühren uns alle auf die gleiche Weise. Das ergab ein Vergleich von Forschern. Gleichzeitig gibt es aber Unterschiede: Welche Stimmung Musik letztlich erzeugt, ist doch kulturell geprägt.

Wahrnehmung 09.01.2015

Wie wirkt Musik?

Die Studie in "Frontiers of Psychology":

"Music Induces Universal Emotion-Related Psychophysiological Responses: Comparing Canadian Listeners to Congolese Pygmies" von H. Egermann et al., erschienen am 7. Jänner 2015.

Für ihre Untersuchung besuchten die Forscher eine isolierte Pygmäengruppe (Mbenzélé) im kongolesischen Regenwald. Das Volk lebt völlig abgeschlossen von der Außenwelt, ohne Zugang zu Radio, Fernsehen oder Elektrizität. Gesungen wird jedoch regelmäßig. Sämtliche Zeremonien werden von einem speziellen Gesang begleitet. Die polyphonen Musikstücke sind meist von einem fröhlichen Grundton geprägt. Sie sollen Ärger dämpfen, bei Todesfällen Trost spenden, weinende Kinder beruhigen oder Jagdglück beschwören.

Für die Studie mussten die Pygmäen jedoch für ihre Ohren ungewohnte Klänge hören: 19 kurze musikalische Ausschnitte bekamen sie für 30 bis 90 Sekunden vorgespielt, elf davon waren westlichen Ursprungs, acht Pygmäengesänge. Die westliche Musik war so ausgewählt worden, dass sie eine möglichst große Bandbreite von Gefühlen abbildet, von ruhig bis aufgeregt, von glücklich bis ängstlich oder traurig.

Neben Orchesterwerken wurde auch Filmmusik, z.B. von "Psycho" und "Star Wars" verwendet. Anhand eines Kontinuums zwischen zwei Emoticons, die entweder ein lachendes oder ein grüblerisches Gesicht zeigten, sollten die Teilnehmer einschätzen, wie sie sich nach dem Hören der Musikstücke fühlten. Zusätzlich sollten sie bewerten, ob sie die Musik eher beruhigt oder angeregt hat. Die Forscher erfassten zudem die Rate des Herzschlags, die Atmung und den Handschweiß.

Ähnlich, aber doch verschieden

Zurück in Montréal wurde die ganze Prozedur mit kanadischen Musikern wiederholt. Der anschließende Vergleich zeigte die Gemeinsamkeiten und die Differenzen in der musikalischen Wahrnehmung. Auf der einen Seite wirkte die Musik bei den Kanadiern wie bei den Pygmäen recht ähnlich: Demnach dürften z.B. die beruhigende oder anregende Wirkung universell sein. Das liege vermutlich an bestimmten musikalischen Aspekten, wie dem Tempo, der Tonhöhe und der Klangfarbe. Das ergab nicht nur die subjektive Einschätzung, sondern auch die körperlichen Daten. Auf der anderen Seite gab es jedoch große Unterschiede darin, ob die Musikstücke ein gutes oder schlechtes Gefühl beim Zuhörer hinterlassen haben.

Der Hauptunterschied lag den Forschern zufolge darin, dass die kanadischen Teilnehmer generell ein viel breiteres Gefühlspektrum beim Hören der westlichen Musik als die Pygmäen beim Hören der eigenen Musik beschrieben hatten. Die vertrauten Klänge lösten immer ein gutes Gefühl bei ihnen aus. Laut den Wissenschaftlern liegt das vermutlich an der unterschiedlichen kulturellen Rolle, die Musik jeweils spielt.

"Negative Gefühle stören für die Pygmäen die Harmonie des Waldes und gelten deswegen als gefährlich", erklärt Nathalie Fernando von der l'Université de Montréal, eine der Autorinnen, die seit zehn Jahren die Musik dieses Pygmäenvolks sammelt und dokumentiert. "Wenn ein Baby weint oder sich die Männer vor der Jagd fürchten, singen sie ein fröhliches Lied. Die Musik soll alle negativen Emotionen austreiben. Insofern ist es kein Wunder, dass ihnen jegliche Musik ein gutes Gefühl gibt", erklärt Fernando.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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