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Ein Schuh steht auf einer im Belvedere im Boden eingelassenen Tafel, die an den Staatsvertrag 1955 erinnert

Von Gedenkjahr zu Gedenkjahr

Gerade ist ein Gedenkjahr vergangen, schon hat das neue begonnen: Wurde 2014 des Beginns des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gedacht, so jähren sich heuer das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und der Staatsvertrag 1955. Anlass für die Historikerin Heidemarie Uhl, die beiden Gedenkjahre - rückblickend bzw. vorausschauend - zu vergleichen.

2014 - 2015 09.01.2015

Was beim Ersten Weltkrieg größtenteils geschehen ist - eine gemeinsame europäische Erinnerung -, erhofft sie sich auch für den Zweiten. Österreich solle heuer endgültig Abschied nehmen von den Heldenerzählungen der Nachkriegszeit. "Der heutige Blick auf 1945 kann nur jener der Verfolgten und Gegner des NS-Regimes sein", schreibt sie in einem science.ORF.at-Gastbeitrag.

Europäische Gedenkjahre im Kontrast

Von Heidemarie Uhl

Die Historikerin Heidemarie Uhl während eines Interviews im Juli 2012 vor der Krypta am Wiener Heldenplatz

APA - Robert Jäger

Heidemarie Uhl ist Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

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Dass das Gedenkjahr 2014 zu einem europäischen Ereignis wird, war keineswegs zu erwarten. Der Erste Weltkrieg zählte bisher nicht zum Kanon identitätsstiftender europäischer Gedächtnisorte und ist in den nationalen Erinnerungskulturen ganz unterschiedlich verankert. Nach 1918 war das Bild des Krieges geprägt von unvereinbaren und potenziell konfliktträchtigen Narrativen der Sieger und Besiegten. Dolchstoßlegenden und Ressentiments gegen die Friedensverträge bildeten ein toxisches Gedächtnis und den Nährboden für nationale Feindbilder.

Die Frage nach der Verantwortung für den Kriegsausbruch und die militärische Kriegsführung, die Millionen Opfer gefordert hatte, entzweite die Gesellschaften. Erst die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der NS-Verbrechen ließen die Spannungen zwischen den Sieger- und Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs in den Hintergrund treten. Der Europäische Versöhnungsprozess war das Ergebnis der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Im ausgehenden 20. Jahrhundert formierte sich das Holocaust-Gedächtnis als gemeinsame Konstante einer an den Menschen- und Bürgerrechten orientierten europäischen Identität.

Unerwartete Resonanz der "Urkatastrophe"

Der Erste Weltkrieg war national gerahmt und vor allem in Frankreich und Großbritannien in der Erinnerungskultur verankert. In anderen Ländern, auch in Österreich, hatte 1914 nur wenig Präsenz, die 100-jährige Wiederkehr des Kriegsbeginns erschien zunächst als eine der runden Zahl geschuldete Pflichtübung. Umso überraschender war die unerwartete und überwältigende Resonanz auf diesen Jahrestag. 2014 wurde der Erste Weltkrieg als "Urkatastrophe" Europas, als gemeinsame europäische Erfahrung erinnert.

Was waren die Gründe für das Phänomen 2014/1914? Paradoxerweise erfolgte der Anstoß zu diesem neuen europäischen Gedächtnisort auf nationaler Ebene: Frankreich und Großbritannien gaben mit ihren jeweiligen Gedenkjahr-Schwerpunkten den Anstoß, weitere Staaten - auch Österreich - folgten mit staatlichen Schwerpunktprogrammen, offiziellen Erklärungen und nationalen Gedenkfeiern. Insofern ist das Gedenkjahr 2014 ein paradigmatisches Beispiel dafür, dass "Nationen" und "Europa" kein Gegensatz sein müssen, sondern Interaktionsräume eröffnen.

Die Logik des european mainstreaming, der Synchronisierung von Aktivitäten auf nationaler Ebene, wurde zum Motor des europäischen Gedächtnisortes Erster Weltkrieg.

Ein Störenfried im Gedächtniskonsens

Bei generauerer Betrachtung treten allerdings Risse im harmonisch geeinten Europa zutage. Die ikonischen Gedächtnisorte Verdun und die Schlachtfelder Flanderns wurden nun europäisch verankert, der östliche Kriegsschauplatz blieb ein blinder Fleck. Zu den Paradoxien des Gedenkjahres zählt auch, dass ausgerechnet Serbien, jenes Land, in dem die Habsburgische Militärjustiz besonders blutig gewütet hatte, als Störenfried im Gedächtniskonsens identifiziert wurde (siehe "Habsburgs schmutziger Krieg).

Insofern hat Christopher Clarks "Sleepwalker" den Interpretationsrahmen für eine "usable past" abgesteckt und zugleich die "westliche" Definitionsmacht, die 2014 geprägt hat, befestigt. Alte europäische Konfrontationslinien in der Kriegsschuldfrage wurden aufgebrochen und neue - was die Rolle Serbiens betrifft - eröffnet.

Einfache Menschen rücken in den Mittelpunkt

Kollektives Gedächtnis wird allerdings nicht allein durch staatliche Initiativen produziert. Erst die Resonanz in der Gesellschaft lässt historische Ereignisse zu identitätsstiftenden Bezugspunkten für die Gegenwart werden. Welches gegenwärtige Erinnerungsbedürfnis lag dem Interesse an 1914 zugrunde? Welche Anknüpfungspunkte eröffnen sich für ein heutiges Geschichtsgefühl?

Offenkundig orientiert sich der neue Blick auf den Ersten Weltkrieg an der Gefühlskultur eines post-nationalen, post-heroischen Opfer-Gedächtnisses, das sich seit den 1980er Jahren im Gedenken an den Holocaust herausgebildet hat. Das Interesse richtete sich auf die militärischen und zivilen Opfer des Krieges, ungeachtet ihrer nationalen Zugehörigkeit. Nicht Herrscher, Feldherren und Kriegshelden, sondern "ordinary men" wurden in privaten Bildern, Tagebüchern, Briefen und anderen autobiographischen Dokumenten präsentiert.

Einfache Soldaten, Frauen und Kinder wurden zu Identifikationsfiguren, die die gesamteuropäische Erfahrung des Leidens unter einem sinnlosen Krieg vermittelten. Zu den ambitioniertesten Medien-Projekten zählt die Arte-Dokumentation "14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs", die Menschen aus ganz Europa eine Stimme verleiht.

Zum Sinnbild eines nationenübergreifenden Gedenkens an die militärischen Opfer wurde der "Ring der Erinnerung" am Soldatenfriedhof Notre-Dame-de-Lorette in Nordfrankreich. Die eingravierten Namen von rund 580.000 getöteten Soldaten vor allem aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich sind in alphabetischer Reihenfolge angeordnet, ungeachtet ihrer nationalen Zugehörigkeit.

Andere Herausforderungen im Gedenkjahr 2015

Der Ausgangspunkt des nun beginnenden europäischen Gedenkjahres 2015 an das Kriegsende 1945 könnte nicht unterschiedlicher sein. Die 70. Wiederkehr des 8. Mai 1945 wird voraussichtlich zum Lackmustest, der die Spaltung der Erinnerungskulturen zwischen "westlichem" und postkommunistischen Ländern neuerlich und verstärkt sichtbar macht, nicht zuletzt durch die gegenwärtigen Spannungen mit Russland.

Auch für Österreich ist dieses Gedenkjahr eine Herausforderung - der 8. Mai 1945 oszilliert nach wie vor zwischen "Befreiung" und "Besetzung". "Österreich ist frei" meint nicht die Befreiung vom NS-Regime und die Wiederherstellung von Österreich als demokratischem Rechtsstaat, sondern die Wiedererlangung der nationalen Souveränität durch den Staatsvertrag 1955.

In der Geschichtskultur der Zweiten Republik wurde das kontroversielle Datum "1945" immer mit dem patriotisch-euphorischen "1955" überschrieben - zuletzt im Jubeljahr 2005. Anders in der Bundesrepublik Deutschland, wo die Jahrestage des Kriegsendes regelmäßig Anstoß zur Auseinandersetzung mit der Involvierung in den Nationalsozialismus waren.

Zwei Opferthesen

In Österreich konzentrierte sich die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit seit den 1980er Jahren auf den "Anschluss" 1938 und die These von Österreich als "erstem Opfer" des Nationalsozialismus. Weit weniger Beachtung fand das Kriegsende 1945, zu Unrecht, denn damit verbindet sich eine gegenteilige und nach wie vor weitverbreitete Opferthese: die These von den Österreicherinnen und Österreichern als Opfer des Krieges gegen den Nationalsozialismus.

Die Wirkungsmächtigkeit dieses weitaus populäreren Opfermythos formierte sich im Gefallenengedenken der Nachkriegszeit. Die österreichischen Wehrmachtssoldaten wurden nicht als Opfer eines "sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg(s), (…) den kein Österreicher jemals gewollt hat" - so die Diktion in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 - erinnert, sondern als Helden der Pflichterfüllung und Verteidiger der "Heimat".

Der 8. Mai 1945 bedeutet aus dieser Perspektive Niederlage, nicht Befreiung. Dabei geht es nicht darum, die Leiden der Zivilbevölkerung unter den Kampfhandlungen, unter Übergriffe und Vergewaltigungen auszublenden. Es geht um den Abschied von den Heldenerzählungen der Nachkriegszeit und die Klärung der Perspektive auf das Kriegende.

Abgrenzung von heroischen Traditionen

Der heutige Blick auf 1945 kann nur jener der Verfolgten und Gegner des NS-Regimes sein. Zu den Opfern der letzten Kriegstage zählten auch Hunderte Wehrmachtssoldaten, die als Deserteure hingerichtet wurden. Die Verdichtung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in den letzten Kriegstagen ist Thema der Ausstellung "41 Tage. Kriegsende 1945", die von Ende März bis Anfang Juli im Wiener Heldendenkmal gezeigt wird.

Die Abgrenzung von heroischen Traditionen des Gefallenengedenkens hat erst in den letzten Jahren verstärkt eingesetzt - das zeigt sich etwa in der Entscheidung, das Österreichische Heldendenkmal am Heldenplatz als zeitgeschichtlichen Lernort neu zu gestalten und in der Errichtung eines Denkmals für die Opfer der NS-Militärjustiz am Ballhausplatz.

Für die österreichische Gesellschaft eröffnet das europäische Gedenkjahr 2015 ein window of opportunity: die überfällige Verankerung in den einen europäischen Erinnerungskonsens, der den 8. Mai als Tag der Befreiung vom menschenverachtenden nationalsozialistischen Regime würdigt.

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