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Fast identische Schaufensterpuppen stehen hintereinander aufgereiht

Nett oder neurotisch? Frag den Computer!

Möchte man sich ein Bild von einem Menschen machen, fragt man laut einer neuen Studie - nein, nicht die Familie oder die Arbeitskollegen, sondern den Computer. Denn werden genügend Facebook-Likes gesammelt und vernetzt, entspricht das Persönlichkeitsprofil in großen Zügen der Selbsteinschätzung der Befragten.

Psychologie 13.01.2015

Nur der Partner bzw. die Partnerin kann mit der automatisierten Auswertung mithalten, schreiben die britischen Psychologinnen und Psychologen um Wu Youyou von der Universität Cambridge - allerdings auch nur, bis 300 Likes eingespeist werden. Dann schlägt der Computer sogar den Menschen, mit dem man sein Bett teilt.

Persönlichkeitstest via App

Die Studie:

"Computer-based personality judgments are more accurate than those made by humans" ist am 12. Jänner 2015 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Insgesamt 86.220 Facebook-Benutzer meldeten sich freiwillig zur Studie. Sie unterzogen sich einem aus 100 Fragen bestehendem Persönlichkeitstest - natürlich via einer App. Der Test lieferte Angaben zu fünf "großen" Persönlichkeitszügen: Offenheit, Pflichtbewusstsein, Extrovertiertheit, Verträglichkeit bzw. Freundlichkeit und die neurotische Tendenz. Außerdem gewährten die Testpersonen den Psychologen Zugang zu ihren Facebook-Likes.

Nachdem sie den Persönlichkeitstest absolviert hatten, konnten die Freiwilligen Bekannte und Verwandte ebenfalls zur Teilnahme einladen mit der Bitte, die Persönlichkeit des- bzw. derjenigen zu bewerten. 17.622 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden von einem Freund bzw. einem Familienmitglied "bewertet", 14.410 von zwei nahestehenden Menschen.

Zehn Likes reichen

Anschließend verglichen die Psychologen die Selbsteinschätzungen mit den Bewertungen der anderen Menschen und der Auswertung von Facebook-Likes durch den Computer. Das Ergebnis: Der Computer konnte die Persönlichkeit einer Testperson mit nur zehn Likes akkurater beschreiben als ein Arbeitskollege, 70 Likes reichten, um einen Freund bzw. Mitbewohner auszustechen und 150 Likes, damit die Maschine über Eltern und Geschwister siegte.

Nur beim Partner bzw. der Partnerin konnten die Menschen fast mithalten: Da musste der Computer immerhin 300 Likes auswerten, um zu besseren Ergebnissen zu gelangen.

Maschine siegt durch "Big Data"

"Der durchschnittliche Facebook-Benutzer hat rund 227 Likes - und es werden immer mehr", so die Psychologen laut einer Aussendung der Universität Cambridge. Das sei ein riesiges Potenzial für automatisierte Auswertungen, die - zumindest laut dieser Studie - nahe an die Realität kommen. "Big Data", also die Ansammlung großer Datenmengen und ihre Auswertung, lässt in diesem Fall die Maschine besser als den Menschen abschneiden.

"Große Chance" oder Risiko?

Die Cambridge-Psychologen halten das für eine "große Chance": Arbeitgeber könnten sich rasch einen Eindruck verschaffen, ob ein Bewerber wirklich die Anforderungen eines Jobs erfüllen könnte. Services könnten besser auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten werden.

Aber sind diese Möglichkeiten nicht eigentlich eine Gefahr, weil das Bild von einem Bewerber schon feststeht, bevor er überhaupt eine Chance zu einem Gespräch bekommt? Das sieht Studienleiterin Wu Youyou auf Nachfrage von science.ORF.at nicht so, im Gegenteil, die Psychologin sieht es als Erleichterung: "Arbeitgeber müssen sich kein Bild von einer Person mehr machen, Computermodelle könnten Persönlichkeitsprofil und Jobanforderungen abgleichen."

Kontrolle über Fußspuren

Dass Menschen ihr Online-Profil faken und damit den Computer in die Irre führen, diese Gefahr sieht Wu Youyou nicht: "Die meisten Menschen kennen den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und digitalen Fußspuren nicht, und es würde zu viel Aufwand beispielsweise für eine unordentliche Person bedeuten, die Spuren einer ordentlichen zu hinterlassen."

Uneingeschränkt positiv sehen die Wissenschaftler die Möglichkeit, mittels Computer Persönlichkeitsprofile zu erstellen, dennoch nicht: "Die Vorstellung, dass Maschinen in unseren Gewohnheiten wie in einem offenen Buch lesen, stimmt auch uns nachdenklich. Wir hoffen, dass Konsumenten, Programmierer und Politiker diese Herausforderungen bewältigen werden - unterstützt durch Gesetze, die jedem und jeder einzelnen die Kontrolle über die eigenen digitalen Fußspuren zurückgibt."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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