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Ein Baby trinkt aus einer Flasche.

Studie: Auch Bisphenol-A-Ersatz ist schädlich

Bisphenol A (BPA) ist nicht nur eine beliebte Chemikalie der Plastikindustrie. Es ist auch ein Schadstoff, der ins Hormonsystem des Menschen eingreift und das Gehirn verändern kann. Seit einigen Jahren prangt der Aufkleber "BPA-frei" auf Babyprodukten. Forscher haben nun herausgefunden, dass der Ersatzstoff BPS aber ebenso schädlich ist.

Umweltmedizin 13.01.2015

BPA und BPS führen zu einem gesteigerten Wachstum von Nervenzellen in einer für Aufmerksamkeit und Aggressivität zuständigen Gehirnregion, berichten die Neurologin Deborah Kurrasch von der Universität Calgary und ihre Kollegen. Umweltmediziner raten deshalb, bei Babyprodukten Plastik zu meiden oder auf die Kennzeichnung "bisphenolfrei" (nicht nur "BPA-frei") zu achten.

Langsame "Verweiblichung"

Die Studie:

"Low-dose exposure to bisphenol A and replacement bisphenol S induces precocious hypothalamic neurogenesis in embryonic zebrafish" ist am 12. Jänner 2015 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Links:

Ö1-Sendungshinweis:

Über die Studie berichtete auch "Wissen Aktuell am 13. Jänner 2015 um 13.55 Uhr.

Es kann in der Beschichtung von Konservendosen ebenso enthalten sein wie in der Folie, die - zwecks längerer Haltbarkeit - über unser Gemüse gespannt ist. Sogar im Thermopapier, das wir als Rechnung erhalten, kann Bisphenol A (BPA) in großen Mengen vorhanden sein. Seine Wirkung wurde lange unterschätzt, weil es nicht sofort giftig wirkt.

Der Schaden tritt langfristig auf: BPA wirkt wie das Hormon Östrogen. Eine langsame "Verweiblichung" ist die Folge, schlechtere Samenqualität, aber auch Krebserkrankungen der Prostata oder der Brust können die Folge sein. Besonders schädlich ist BPA für Kinder - sowohl im Mutterleib als auch im Baby- und Kleinkindalter.

Bisphenol A und Aufmerksamkeit

In letzter Zeit erschienen mehrere Studien, die Bisphenol A in Verbindung mit Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität und Aufmerksamkeitsproblemen bei Kindern setzen. Die nun vorliegende Studie suchte nach dem Grund für diese Besonderheiten im Gehirn - und zwar von Zebrafischembryonen.

Dafür wurde den Muttertieren eine Dosis BPA verabreicht, die - auf das Körpergewicht umgerechnet - im Schnitt auch vom Menschen aufgenommen wird. Daraufhin kam es bei den Fischembryonen zu einer 180-prozentigen Steigerung der Neuentstehung von Nervenzellen. Betroffen war der Hypothalamus, eine Gehirnregion, die mit Aggression und Hyperaktivität eng in Verbindung steht.

BPS: Noch stärkerer Effekt

Der Schadstoff wurde den Muttertieren zu einem Zeitpunkt verabreicht, der dem zweiten Drittel einer menschlichen Schwangerschaft entsprechen würde. Entstünden in diesem Zeitraum zu viele Nervenzellen in diesem sensiblen Bereich des Gehirns, könne das später zu Verhaltensproblemen führen, heißt es in der Studie.

Weil die Schädlichkeit von Bisphenol A bekannt ist, hat die EU den Einsatz bei Babyprodukten wie Fläschchen und Schnullern verboten. Die Plastikindustrie entwickelte mehrere Ersatzstoffe, einer davon ist Bisphenol S. Auch diese Chemikalie haben die Forscher um Kurrasch untersucht. Ihr Ergebnis: Die Nervenzellen wuchsen um 240 Prozent schneller. Der Effekt war mit dem Ersatzstoff also noch deutlicher.

Expertin: Übertragbarkeit zulässig

Die Übertragbarkeit vom Tier auf den Menschen hält Claudia Gundacker auf Nachfrage von science.ORF.at für zulässig: "Die Studie ist eine positive Ausnahme, da relativ niedrige BPA/BPS-Dosen getestet wurden. Üblicherweise werden im Tiermodell (absurd) hohe Dosagen getestet, denen kein Mensch jemals ausgesetzt ist." Und: "Der Zebrafisch wird zunehmend als Modell für neurotoxische Effekte genutzt. Die Daten insgesamt kann man sicher nicht ignorieren."

Große Verbreitung

Bei Bisphenol S kommt noch das Problem dazu, dass man im Drogeriemarkt als Konsument schlicht nicht wissen kann, ob es in einem Fläschchen oder einem Schnuller enthalten ist. Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien meint dazu: "Es ist meistens nur eine Rezeptur angegeben, dass ein Produkt 'BPA-frei' ist. Internationale Literatur zeigt, dass sich dahinter oft Bisphenol S versteckt."

Diese These von Hutter wird auch durch eine Studie aus dem Jahr 2012 erhärtet, wonach bei 81 Prozent der untersuchten Menschen eine "feststellbare Menge an BPS im Urin gefunden wurde".

Ersatzstoffe besser prüfen

Der Umweltmediziner rät deshalb, Plastik bei Babyprodukten generell zu meiden und - wenn möglich - zu Glas zu greifen. Auch Produkte, auf denen "bisphenolfrei" (nicht nur "BPA-frei") steht, können als Alternativen dienen.

Und er hält abschließend fest: "Man kann nicht nur fordern, dass man einen Stoff wie beispielsweise BPA eliminiert, und dann einen deutlich weniger gut geprüften Ersatzstoff einsetzen. Es geht hier nicht um eine Nebenchemikalie: BPA ist die weltweit am häufigsten eingesetzte Chemikalie. Es stimmt, dass es aufwendig ist, einen besseren Einsatzstoff zu finden. Aber ohne Behutsamkeit und Aufmerksamkeit geht es hier nicht."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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