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Insel im Meer

Meeresspiegel steigt schneller als gedacht

Das Steigen des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren stärker beschleunigt als ursprünglich angenommen. Das errechnete eine neue US-Studie. Sie löste ein Rätsel, das Klimaforscher lange beschäftigt hatte.

Klimaforschung 15.01.2015

Es ist gar nicht leicht, den Stand und die Veränderung des Meeresspiegels zu bestimmen. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten machten Satellitenbeobachtungen genaue Berechnungen möglich. Davor stützte man sich auf die Messung von Gezeitenpegeln, die lokal den Stand des Meeresspiegels aufzeichnen, erklärte Klimaforscher Ben Marzeion von der Universität Innsbruck.

Unsichere Gezeiten

Diese Gezeitenpegel hätten das Problem, dass sie zum einen am Land festgemacht sind und das Land sich auch bewegt. Zum anderen steige der Meeresspiegel nicht überall gleich. Das heißt, dass sich beispielsweise Messungen aus Amsterdam, Stockholm und Tokio stark unterscheiden.

Die Studie

"Probabilistic reanalysis of twentieth-century sea-level rise" von Carling Hay und Kollegen ist am 14.1.2015 in "Nature" erschienen.

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Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 15.1., 13.55 Uhr.

Zu viel Wasser gibt Rätsel auf

Auf Basis dieser Daten von Gezeitenpegeln gab es dennoch Berechnungen. Das Problem dabei: Das Wissen darüber, wie Gletscher und Eiskappen schmelzen, konnte den errechneten Anstieg während des 20. Jahrhunderts nicht erklären.

Marzeion erklärte es anhand einer Badewanne: "Stellen Sie sich vor, Sie messen in Ihrer Badewanne den Wasserstand. Sie gehen zum Wasserhahn und schauen, wie schnell das Wasser herauskommt. Und Sie stellen fest: Das Wasser fließt langsamer heraus, als das Wasser in der Wanne ansteigt. Da hätten Sie ein Erklärungsproblem. Und das war die Situation, die wir bis zu dieser Studie hatten."

Gründlich berechnet

Die neue Studie fand nun einen jährlichen Anstieg von nur 1,2 Millimetern pro Jahr während des Zeitraums von 1901 bis 1990 - deutlich weniger als die bisherigen Schätzungen von etwa 1,6 bis 1,9 Millimetern. Die neue Berechnung stütze sich bei verschiedenen Faktoren - zum Beispiel bei der Bestimmung der vertikalen Landbewegung - nicht auf ein bestimmtes Modell.

Die Physikerin Carling Hay und ihr Team in Harvard verglichen die Zeitreihen der Pegelstände, das heißt, die Veränderung der Pegelstände in verschiedenen Zeiträumen, an verschiedenen Orten und setzten diese in Beziehung. Diese Daten kombinierten sie mit recht sicheren Modellen zu physikalischen Vorgängen - etwa, wie sich abschmelzendes Wasser um Grönland ausbreitet. Das Ergebnis zeigt einen deutlich langsameren Anstieg des Meeresspiegels bis 1990 - und ein deutlich beschleunigtes Ansteigen in den letzten 20 Jahren.

Heutige Modelle verlässlich

Die Vorhersagen über den zukünftigen Anstieg des Meeresspiegels müssen aber nicht angepasst werden. Diese Schätzungen liegen bei rund drei Millimetern für die kommenden Jahre. Die Prognosen wurden mit den aktuellen Ergebnissen nun eher bestätigt, sagte der Klimaforscher.

Wie rasant sich das Steigen des Meeresspiegels beschleunigt hat, wirkt allerdings im Vergleich zum Vergleichszeitraum im 20. Jahrhundert jetzt umso drastischer. Das Ergebnis zeige, so Experte Marzeion, dass man sich auf die heutigen Modelle verlassen könne. Er glaubt, dass die Berechnung in Fachkreisen wenig umstritten sein wird, die neuen Zahlen werden wohl lange Bestand haben.

Isabelle Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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