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Eine Schneekanone versprüht Schnee auf einen Skifahrer und eine Piste

Wie Kunstschnee den Böden schadet

Kunstschnee hilft dem Tourismus, schadet aber der Umwelt. Denn die Böden in den Skigebieten leiden unter den dichten Kunstschneedecken. Sie frieren oft tiefer als bei Naturschnee, weshalb Pflanzen und Bodenorganismen eher absterben.

Umwelt 29.01.2015

Kunstschnee ist, wie Naturschnee auch, gefrorenes Wasser. In Schneekanonen wird Wasser fein zerstäubt und bei einer Temperatur unter null Grad mit Luft vermischt. Dieses Gemisch sprühen die Schneekanonen dann aus. Ein wichtiger Unterschied beim Schnee aus Kanonen ist aber, dass er keine Schneekristalle ausbildet, sondern in kleinen, gefrorenen Tröpfchen herunterschneit.

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Über das Thema berichtete auch das Mittagsjournal, 29.1., 12.00 Uhr.

Die bekannten sechskantigen Schneekristalle aber sind nicht nur schön anzusehen, sondern lassen auch mehr Platz für Luft. Eine natürliche Schneedecke helfe damit, den Boden vor tiefem Frost zu schützen, erklärt Christian Newesely vom Institut für Ökologie der Universität Innsbruck: "So wie wir an unsere Hausfassaden Dämmplatten mit sehr viel Luft darin montieren, damit die Wärmeisolation gut ist, haben wir genau den gleichen Effekt auch im Schnee. Je dichter der Schnee ist, desto weniger Luft ist darin enthalten, und desto geringer ist diese Wärmeisolationsfähigkeit."

Sauerstoffmangel im Boden

Kunstschnee ist sehr dicht. Skifahrer kennen die harten Kunstschneepisten. In einem Bericht der Naturschutzanwaltschaft Vorarlberg heißt es, bei Kunstschnee könne die thermische Isolationsfähigkeit der Schneedecke sehr stark reduziert sein - was zu einem tieferen Frieren des Bodens führe. Als Folge komme es zum Ersticken und Absterben zahlreicher Pflanzenarten.

Gerade auf immer wieder präparierten Skipisten ersticken die Böden förmlich. Oberflächliches Schmelzwasser wird von Pistenraupen hinuntergedrückt, kann in die gefrorene Erde aber nicht einsickern und friert über Nacht direkt über der Erde ein. Es versiegelt so die Böden.

Das Bodenleben fange aber schon rund um den Gefrierpunkt an, erklärt Ökologe Newesely - also bei Temperaturen, die tiefer in der Erde auch im Winter öfter erreicht werden. Nachdem eine Luftzirkulation aber dann nicht mehr möglich sei, sei irgendwann in diesen Böden kein Sauerstoff mehr vorhanden. Newesely beschreibt das so: "Was im Boden drinnen ist, erstickt einfach - als würde man ihm ein Plastiksackerl aufsetzen."

Gerade dieses Problem ließe sich relativ leicht zumindest ein bisschen entschärfen, meint der Experte. Indem man nämlich die Skipisten nicht am Abend präpariert, wenn sie durchfeuchtet sind, sondern in der Früh, wenn es über Nacht gefroren hat.

Böden ohne Halt

Der Einsatz von Kunstschnee kann in Folge auch zu Bodenerosion führen. Denn werde Pflanzenleben gestört, störe das auch die Durchwurzelung. Und das schädige das Gerüst, das den Boden zusammenhält, erklärt Newesely. Solche Schäden entstünden auch immer wieder und würden nach dem Winter meist gleich abgesichert, um Bodenrutschungen zu vermeiden.

Der Bericht der Naturschutzanwaltschaft weist außerdem darauf hin, dass Kunstschneedecken meist später abschmelzen als Naturschnee - was die Belastung der Böden im Schnitt um fast drei Wochen verlängert. Aber immerhin: Bleibt der Naturschnee aus, übernimmt der Kunstschnee manche seiner Schutzfunktionen. Bei sehr geringer Naturschneehöhe schützt er zum Beispiel den Boden vor Schäden durch Skikanten und Pistenpräparation.

Fragile Ökosysteme

In Österreich verwendet man meist Wasser aus Speicherteichen und Seen, um Schneekanonen zu befüllen. Dieses Wasser hat einen höheren Gehalt an Mineralstoffen als Schnee aus der Wolke. Langfristig könne diese zusätzliche "Ernährung" die Balance einer Vegetation in ein Ungleichgewicht führen. Gerade in nährstoffarmen Gebieten könnten dann Pflanzenarten, die sonst in der Gegend gar nicht überleben würden, andere Spezies verdrängen.

Insgesamt solle man Kunstschnee aber nicht verteufeln, meint Newesely. Er habe auch gute Seiten, aber man müsse seine Wirkung auf die Umwelt mitdenken. In Österreich wird, so Newesely, immerhin bisher davon Abstand genommen, das Wasser in Schneekanonen mit Zusätzen zu versehen. Gesetzlich verboten ist es in Österreich laut Umweltbundesamt allerdings nicht, nur müsse jeder Einzelfall ein wasserrechtliches Genehmigungsverfahren durchlaufen.

International - etwa in den USA, aber auch in der Schweiz - ist es durchaus üblich, dem Kunstschnee Hilfsmittel beizufügen. Ein bekanntes Beispiel ist das nicht unumstrittene Protein Snomax. Es ermöglicht die Beschneiung sogar bei leichten Plusgraden. Umweltschützer beklagen, dass die Auswirkungen solcher Zusätze auf die Umwelt bisher kaum untersucht sind.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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