Standort: science.ORF.at / Meldung: "Grenzwert für Bisphenol A stark abgesenkt"

Eine offene Konservendose

Grenzwert für Bisphenol A stark abgesenkt

Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hat den "sicheren Grenzwert" für die in Verpackungen vorkommende umstrittene Chemikalie Bisphenol A (BPA) gesenkt. Der Grenzwert betrage nun vier Mikrogramm anstelle der bisherigen 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, erklärte die EFSA am Mittwoch.

EU-Lebensmittelbehörde 21.01.2015

Zugleich kam die im italienischen Parma ansässige EFSA in ihrer neuen Risikobewertung zum Schluss, dass BPA "bei der derzeitigen Verbraucherexposition", also so wie es heute im täglichen Leben vorkommt, "für keine Altersgruppe ein Gesundheitsrisiko darstellt".

Der neue Grenzwert sei vorläufig, solange die Ergebnisse einer Langzeitstudie noch ausstünden.

Massive Kritik

Die EFSA-Stellungnahme:

Die Studie "Scientific Opinion on the risks to public health related to the presence of bisphenol A" wurde am 21. Jänner 2015 veröffentlicht.

Bisphenol A steckt in zahlreichen Lebensmittelverpackungen: In Plastikflaschen, Konserven- und Getränkedosen, aber auch in Mehrweg-Plastikgeschirr und Kochutensilien. Zudem ist es in Kassenzettel aus Thermopapier und zahlreichen weiteren Alltagsgegenständen wie beispielsweise Hüllen von CDs enthalten.

Die Chemikalie steht seit Jahren massiv in der Kritik. Sie beeinflusse die Fortpflanzung, wurde geltend gemacht. Forschern zufolge gibt es zudem Anzeichen dafür, dass Bisphenol A die Gehirnentwicklung bei Ungeborenen und Kleinkindern schädige. Genannt wurde die Chemikalie auch im Zusammenhang mit Herzkreislaufproblemen und Krebs.

In Babyfläschchen ist der Stoff seit Jänner 2011 EU-weit verboten. Als erstes EU-Land hat Frankreich seit 1. Jänner 2015 die Chemikalie sogar in allen Lebensmittelverpackungen untersagt.

"… konnten nicht ausgeschlossen werden"

Die neue Risiko-Einschätzung der EFSA ist auch eine Reaktion auf die anhaltende Debatte. Die EFSA kommt darin unter anderem zu dem Schluss, dass BPA "in hohen Konzentrationen", die den Grenzwert um mehr als das Hundertfache überschreiten, "sich wahrscheinlich schädlich auf Leber und Nieren auswirkt".

Zugleich stellt die Behörde fest: "Auswirkungen auf die Fortpflanzungsorgane, das Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf-, Nerven-und Immunsystem sowie auf die Entstehung von Krebserkrankungen werden derzeit nicht als wahrscheinlich erachtet, konnten aber anhand der verfügbaren Daten nicht ausgeschlossen werden." Sie seien daher für den neuen Grenzwert berücksichtigt worden.

Die EFSA kann den Grenzwert zwar feststellen, aber nicht bindend vorschreiben. Für die Festsetzung bindender BPA-Werte in Lebensmittelverpackungen und anderen Waren ist der Gesetzgeber zuständig. Die EFSA will den Grenzwert nochmals überprüfen, wenn die Ergebnisse einer Langzeitstudie mit Ratten in zwei bis drei Jahren vorliegen.

Bisphenol A meiden

"Im Allgemeinen ist die Belastung für Kinder geringer als die 4 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht und Tag", bestätigte der deutsche Chemikalien-Experte Andreas Gies vom Umweltbundesamt in Dessau. In einer europäischen Studie mit 600 Kindern sei der Wert nur in zwei Fällen überschritten worden.

Dennoch sollte man Bisphenol A möglichst meiden. "Hauptquellen sind Innenbeschichtungen von Konservendosen sowie Polycarbonat im klaren Plastik, das in DVDs, Plastikgeschirr und Möbeln vorkommt." Es stecke aber auch im Thermopapier von Kassenbons. "Ich rate, es zu vermeiden und etwa auf Konserven zu verzichten. Kassenbons sollten nicht in Kinderhände gelangen und nicht in Taschen zerknüllt werden."

Experten vom deutschen Umweltbundesamt gehen davon aus, dass alle Bisphenole die Funktion des Hormonsystems beeinflussen können. Sie raten deshalb dazu, beim Kauf von Pastikartikeln auf die Aufschrift "Bisphenol-frei" und nicht nur "BPA-frei" zu achten. Erst kürzlich hatte eine Studie gezeigt, dass der Ersatzstoff Bisphenol S sogar noch gesundheitsschädlicher ist als BPA.

science.ORF.at/APA/dpa/AFP

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