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Ein männlicher Finger drückt auf einem Handy auf ein Twitter-Symbol

Böse Tweets sagen Herzkrankheiten voraus

Trolle aufgepasst: Wer über Twitter negative Gefühle verbreitet, kann seiner Nachbarschaft nachhaltig schaden. Denn wie US-Forscher nun festgestellt haben, gibt es einen Zusammenhang zwischen der gewählten Sprache auf Twitter und der Sterblichkeitsrate durch Herzkrankheiten.

Psychologie 23.01.2015

Soziale Medien als Orakel in Sachen Krankheit - das kennen wir bereits. So will etwa Google unter Einbezug der Suchanfragen Grippeepidemien voraussagen können: Je öfter in einem bestimmten Zeitraum nach Begriffen gesucht wird, die mit der Grippe zu tun haben, desto eher steht ein Krankheitsausbruch bevor, so die These.

Kein Wunder, dass sich immer mehr Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen die unendlichen Weiten des Internets als Datenquelle zu Nutze machen, denn nirgendwo anders geben so viele Menschen freiwillig und kostenlos so viele Informationen über sich preis, wie dort. So auch das Forscherteam rund um den Psychologen Johannes Eichstaedt von der University of Pennsylvania.

Sie haben untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der Sprache auf Twitter und der Sterblichkeitsrate durch Herzkrankheiten gibt. Die schlechte Nachricht: Es gibt ihn. Wer also die Plattform gerne nutzt, um seinem Ärger Luft zu machen, sollte das noch einmal überdenken. Denn wie die Ergebnisse der Studie zeigen, hängt die Äußerung von negativen Gefühlen wie etwa Wut, Stress, Hass oder Erschöpfung mit dem Risiko an einer Herzkrankheit zu sterben, zusammen.

Gefährlich: Schlechte Stimmung in der Nachbarschaft

Aber: Nicht jeder, der gerne einmal einen Kraftausdruck in seinen Tweets verwendet, muss jetzt Angst haben, alsbald an einem Herzinfarkt zu sterben. "Der Zusammenhang von Sprache und Sterblichkeit ist teilweise sehr überraschend. Menschen, die wütende Tweets abgeben, sind nicht per se diejenigen, die an Herzerkrankung sterben. Aber, wenn viele deiner Nachbarn wütend sind, stirbst du eher an einer Herzkrankheit", so Co-Studienautor und Informatiker Andrew Schwartz in einer Aussendung.

Das ergibt sich aus dem Ansatz der Forscher. Denn das Team hat nicht einzelne Wut-Poster und deren individuellen Gesundheitszustand untersucht, sondern viel mehr den Zusammenhang des mentalen Zustands einer Gesellschaft in einem bestimmten US-Bezirk, mit der Rate der Herzerkrankungen im selben Bezirk in Verbindung gebracht.

Tweets aus 1.300 US-Bezirken untersucht

Dafür haben sie sich Tweets aus den Jahren 2009 und 2010 zu Nutze gemacht, deren Autoren ihren Standort bekannt gegeben haben. Sie haben deren sprachlichen Gehalt anhand etablierter Wörterbücher und automatisch generierter Wörter-Cluster untersucht, um so Verhalten und Attitüde einer bestimmten Gruppe zu analysieren. Dabei lieferte Twitter Daten in Hülle und Fülle: 1.300 US-Bezirke, in denen 88 Prozent der US-Bevölkerung leben, konnten einbezogen werden.

Verglichen wurde die Twitter-Analyse mit den Gesundheitsdaten dieser Bezirke, die durch Gesundheitsbehörden zur Verfügung gestellt wurden. Da Herzkrankheiten zu den häufigsten Todesursachen zählen, gibt es hierzu sehr genaue Aufzeichnungen, die auch "gewöhnliche" Faktoren wie Rauchen, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und wenig Bewegung miteinbeziehen.

Bei diesem Vergleich hat sich gezeigt, dass dort, wo häufig negative Begriffe wie etwa "Hass" oder Flüche auftauchten, auch eine höhere Sterblichkeitsrate durch Herzkrankheiten zu finden war - und das, auch nachdem Variablen wie Einkommen oder Ausbildung miteinbezogen wurden.

Twitter; Herzkrankheit; Zusammenhang;

University of Pennsylvania

Links: Verzeichnete Todesfälle; Rechts: Vohrersage durch analysierte Tweets

Die Ergebnisse zeigen laut den Studienautoren, dass Twitter als Fenster genutzt werden kann, durch das man einen Blick auf den kollektiven, psychologischen Zustand eines bestimmten Bezirks werfen kann - und das kann wiederum für die Prävention von Herzkrankheiten sehr nützlich sein.

"Psychologische Daten-Fülle"

"Müssten wir all diese Daten durch Umfragen erheben, wäre das sehr teuer und zeitaufwendig. Darüber hinaus ist man sehr limitiert, was die Fragen betrifft", sagt Studienautor Eichstaedt. "Man würde nie diese psychologische Fülle beobachten können, die sich aber sehr wohl durch den unendlichen, selbstgewählten Wortschatz ergibt."

Die gute Nachricht: Die Äußerung von positiven Gefühlen, wie etwa Optimismus und Freude, hängt mit einem niedrigeren Sterblichkeitsrisiko durch Herzkrankheiten zusammen. Wer also häufig Worte wie "wundervoll", "schön" oder "Freunde" und andere nette Begriffe twittert, kann laut den Studienautoren etwas zum mentalen Wohlbefinden in der Nachbarschaft beitragen. Und somit indirekt auch zu seinem eigenen: denn als Bestandteil der Nachbarschaft wirken sowohl negative als auch positive Stimmungen stets auch auf einen selbst zurück.

Nützlich sein könnten die Daten laut den Forschern insbesondere dafür, um die öffentliche Gesundheitsversorgung auf einer kommunalen, anstatt einer individuellen Ebene zu überprüfen und zu verbessern.

Theresa Aigner, science.ORF.at

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