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Schweine im Stall

Auch Tierzucht schuld an Resistenzen?

Immer mehr Antibiotika sind wirkungslos. Unklar ist, welche Rolle dabei die Tiermast spielt. Nun wurde erstmals in 26 europäischen Ländern erhoben, wie viele Antibiotika Menschen bzw. Masttieren verabreicht werden. Die Daten liefern zumindest Hinweise auf einen Zusammenhang.

Antibiotikaeinsatz 03.02.2015

Drei europäische Behörden haben gemeinsam umfassende Zahlen zum Antibiotikaeinsatz erhoben: die Europäische Zentrale für Krankheitskontrolle (European Center for Disease Prevention and Control), die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) und EU-Arzneimittelagentur (European Medicine Agency).

Der Bericht beinhaltet genaue Daten zum Gesamtkonsum von Antibiotika bei Tier und Mensch sowie Angaben dazu, wie viel Milligramm Antibiotika pro Kilogramm Körpergewicht konsumiert wurden. Gleichzeitig versucht er, einen Zusammenhang zwischen dem Konsum eines bestimmten antibiotischen Medikaments und den Resistenzen auf ebendieses herzustellen.

Dem Bericht zufolge gibt es sowohl bei Tieren als auch bei Menschen zumindest eine statistische Korrelation. Das heißt, bei jenen Tieren, die besonders viel eines bestimmten Antibiotikums zu sich genommen hatten, wirkte dieses auch weniger. Genauso verhält es sich beim Menschen. In einigen Fällen zeigte sich auch eine positive Assoziation zwischen tierischem Konsum und menschlicher Resistenz - ein schon lange vermuteter Zusammenhang.

Kausalität ungeklärt?

Die Autoren mahnen jedoch selbst zur Vorsicht bei der Interpretation. Dazu sei das Phänomen der Antibiotikaresistenzen zu komplex. Dennoch sei das nun erhobene Datenmaterial eine gute Forschungsgrundlage. Ähnlich sieht das auch die Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Antibiotikaresistenz in Österreich, Petra Apfalter: "Wir hatten in der Vergangenheit noch nie so schöne Daten oder überhaupt die Möglichkeit, Vergleiche anzustellen, zwischen dem Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin, in der lebensmittelproduzierenden Industrie und in der Humanmedizin."

Der festgestellte Zusammenhang von Antibiotikaeinsatz bei Tieren und menschlichen Resistenzen basiere zwar nur auf Statistiken und nicht auf biologischen Nachweisen. Dennoch betont die österreichische Expertin den Wert des neuen Berichts: "Jetzt haben wir eine Grundlage, die wir genau studieren müssen. Wir müssen klare Ziele definieren, wie wir den Zusammenhang nach wissenschaftlichen Kriterien untersuchen werden, um eindeutige Aussagen zu erhalten. Erst dann können wir sagen: 'Ja, wenn wir dieses Präparat an dem einen Ende einsetzen, wird sich das am anderen negativ auswirken'."

In Österreich relativ wenige Antibiotika

In Österreich werden im Vergleich der 26 Staaten übrigens relativ wenige Antibiotika sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierzucht verwendet: Bei Menschen sind es etwa 70 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, der europäische Durchschnittswert liegt bei 166 Milligramm.

In Österreich wurde allerdings wie in einigen anderen Ländern der Verbrauch im Krankenhaus nicht eingerechnet. Laut Apfalter würde das aber die Zahlen nicht wesentlich verändern. Tiere nehmen hierzulande circa 55 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht zu sich, im Länderdurchschnitt sind es fast dreimal so viel, nämlich 144 Milligramm.

Grundsätzlich mahnt die Fachfrau für Antibiotikaresistenz zur Umsicht: Antibiotika sollten nur gezielt von Ärzten verschrieben werden und von Patienten nicht etwa bei Husten, Schnupfen und Heiserkeit verlangt werden - da sind sie nämlich ohnehin wirkungslos.

science.ORF.at

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