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Zwei Würfel, die 6 bzw. 1 zeigen, liegen auf einem grünen Tisch

Ist Krebs nun vor allem Pech oder nicht?

Zwei Drittel bestimmter Krebsfälle sind keine Frage der Gene oder der Lebensführung, sondern schlicht Zufall: Dieses Fazit einer Studie, die vor einem Monat erschienen war, hat viel Staub aufgewirbelt. Haben sich die Forscher geirrt oder haben Journalisten übertrieben? Die Meinungen gehen weit auseinander, wie gleich sieben neue Fachartikel zeigen.

Medizin 06.02.2015

An Zufall bei der Entstehung von Krebs glaubt auch Maria Sibilia, die Leiterin des Instituts für Krebsforschung an der MedUni Wien - dass das bei zwei Drittel der Erkrankungen der Fall sein soll, hingegen nicht. Die entscheidende Frage laute, so Sibilia gegenüber science.ORF.at, was denn überhaupt Zufall sei: "Es kann gut sein, dass sich dahinter biologische Mechanismen verstecken, die wir einfach noch nicht kennen."

Umstrittene Berichte

Studien:

Alle Studien erschienen in der Fachzeitschrift "Science":

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Zugegeben, auch die Berichterstattung in science.ORF.at war zum Teil irreführend. "Zwei Drittel aller Krebsfälle von Erwachsenen sind einfach Pech - zufällige Mutationen von Zellen", hatte es im einleitenden Absatz des entsprechenden Artikels vom 2. Jänner geheißen, den die science-Redaktion mittlerweile geändert hat. Auch wenn gleich danach in dem Artikel die Präzisierung folgte, war der Satz so nicht korrekt. Denn die beiden Mediziner Cristian Tomasetti und Bert Vogelstein vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center hatten in ihrer in "Science" erschienenen Studie nicht "alle" Krebsarten untersucht, sondern "nur" 31. Nicht dabei waren etwa die sehr weit verbreiteten Krankheiten Brustkrebs und Prostatakrebs.

Doch auch mit dieser Einschränkung bleibt die Aussage "Krebs ist vor allem Pech" noch immer schwer zu schlucken. Beraubt sie Patienten damit nicht jeder Hoffnung? Gefährdet sie damit nicht eine Gesundheitspolitik, die jahrzehntelang auf vorbeugende Maßnahmen setzte? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ließ sich aus diesen Überlegungen zu einem seltenen Schritt mitreißen: Am 13. Jänner widersprach sie der Studie in einer Presseaussendung und stellte fest, dass "die meisten Krebsarten nicht das Ergebnis von Pech seien".

Gesundheitspolitische Bedenken der WHO

Die Aussage von Vogelstein und Tomasetti sei irreführend, schrieb der Direktor der Internationalen Agentur für Krebsforschung, Christopher Wilde: Sie würde davon abhalten, die Gründe der Krankheit zu erforschen und sie wirkungsvoll zu bekämpfen. Fast die Hälfte aller Krebsfälle weltweit könne man vorbeugend verhindern, hieß es von der WHO, die dabei zwei klassische Beispiele anführte: Lungenkrebs etwa durch Verzicht auf Rauchen und Leberkrebs durch eine Hepatitis-B-Schutzimpfung.

Nicht nur die WHO reagierte auf die Studie, auch die Kommentare in einschlägigen Onlineforen waren zahlreich wie lange nicht - und zwar sowohl in populären Medien wie auch in der Fachzunft. Den Autoren wurden allerlei unsaubere Praktiken unterstellt, den Journalisten, die darüber berichteten, ebenso. In der aktuellen Ausgabe von "Science" ging die Diskussion weiter. Gleich sechs Forscherteams, darunter auch jenes von Wilde, kritisierten darin die Studie. Tomasetti und Vogelstein erhielten zugleich die Möglichkeit, sofort auf diese Einwände zu reagieren.

Stammzellteilung und Krebsraten hängen zusammen

Doch was haben die beiden genau festgestellt? Hier eine Kurzzusammenfassung mit folgendem Ausgangspunkt: Krebs entsteht durch die fehlerhafte Teilung von Zellen. Wenn sich Stammzellen fehlerhaft teilen und somit mutieren, ist das besonders gefährlich: Denn sie leben länger als normale Zellen und erhöhen die Krebsgefahr. Die fehlerhafte Teilung von Stammzellen geschieht mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit - und zwar zufällig. Selbst unter idealen Lebensbedingungen im Labor und ohne karzinogene Einflüsse kommt es zu Mutationen.

Die Rate an Stammzellteilungen ist von Gewebe zu Gewebe unterschiedlich - im Dickdarm ist sie bei Menschen z. B. viel höher als im Dünndarm. Tomasetti und Vogelstein verglichen deshalb die Rate der Stammzellteilungen von 31 Gewebsarten mit der Anzahl der tatsächlichen Krebsfälle von US-Amerikanern. Dabei zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang: Je höher die Anzahl der Teilungen, desto höher ist auch die Krebsrate. Und über diesen Zusammenhang kamen die Forscher auch zu ihrer Aussage über die "zwei Drittel Pech" bei Erkrankungen. Korrekt formuliert muss es heißen: Verschiedene Gewebe werden unterschiedlich stark von Krebs befallen, mutierte Stammzellen erklären 65 Prozent dieser Unterschiede.

Fehlerrate alleine ist zu wenig

Den Ansatz, den die beiden US-Forscher gewählt haben, halte Krebsforscherin Sibilia prinzipiell für plausibel: "Viele Fehler an der Erbsubstanz DNA geschehen während der Zellteilung. Aus Zellen, die sich nicht mehr teilen wie z. B. Neuronen entstehen keine Tumore." Dass die Teilungsrate von Stammzellen aber zwei Drittel der untersuchten Krebsfälle erklärt, glaube die Biologin nicht: "Diese aus dem mathematischen Modell der beiden Forscher errechnete Zahl erscheint mir zu hoch gegriffen."

Es gebe klassische Gegenargumente, wie jenes der Elefanten: Obwohl die Dickhäuter sehr große Tiere sind und lange leben - und somit sehr viele Zellteilungen haben -, ist bei ihnen Krebs nicht weiter verbreitet als bei anderen Tieren. "Die reine Fehlerrate bei den Zellteilungen kann nicht dafür verantwortlich sein", so Sibilia gegenüber science.ORF.at.

Auch "Pech" könnte genetisch sein

Außerdem: Man weiß heute noch nicht genau, ob die Mutationsrate bei verschiedenen Stammzellen und individuell anders ist. Es könnte sein, dass in einigen Individuen viel effizientere Reparaturmechanismen vorhanden sind und deswegen weniger Fehler während der Teilung stattfinden. Nur, weil man diese noch nicht kennt, heißt das noch lange nicht, dass das Zufall ist.

"Wer weiß, ob dieses Pech nicht auch intrinsisch oder genetisch in die Zelle eingeschrieben ist", sagte Sibilia weiter. "DNA-Mutationsraten können viel höher sein, wenn bestimmte Enzyme, die die Schädigungen der Zellen reparieren, weniger oder in veränderter Form vorhanden sind. D. h., wenn ein Mensch bessere Reparaturmechanismen hat, dann macht er bei der Zellteilung weniger Fehler. Diese Mechanismen sind aber auch genetisch bedingt und viele von ihnen noch nicht bekannt."

Vermeidbare und unvermeidbare Faktoren

Die Krebsforscherin halte es deshalb für möglich, dass sich die "zwei Drittel Zufall" mit dem Fortschritt des Wissens reduzieren werden. "In zehn Jahren sagen wir vielleicht ein Drittel", so Sibilia. Tomasetti und Vogelstein hingegen hielten die Mutationen der Stammzellen für unvermeidbar und schicksalhaft, sie seien "Nebeneffekte der Evolution, ohne die diese nicht ablaufen könne".

Ein weiterer Einwand, der in den aktuellen Artikeln erhoben wird: Die Forscher hätten ausschließlich US-Daten verwendet, in anderen Ländern mit anderen Umwelteinflüssen könnte es ganz andere Zusammenhänge geben. Dem stimmten die beiden Biomediziner zu: "In einem Land etwa, in dem jeder übergewichtig ist und raucht, wird der Zusammenhang zwischen Stammzellteilung und Krebsrate viel geringer sein, weil die vermeidbaren Faktoren eine viel größere Rolle spielen."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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