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Blick auf Machu Picchu

Pizarro brachte schlechte Luft

Umweltverschmutzung war auch schon vor der Industriellen Revolution ein Thema: Die spanischen Eroberer betrieben im ehemaligen Inkareich Bergbau - und verpesteten damit die Luft. Die Spuren dessen sind bis heute im südamerikanischen Gletschereis nachzuweisen.

Umweltgeschichte 10.02.2015

Der jüngste Zeitabschnitt der Erdgeschichte heißt, so haben wir es noch in der Schule gelernt, "Holozän". In jüngerer Zeit verzeichnete der Begriff "Anthropozän" einige Konjunktur.

Er stammt vom amerikanischen Biologen Eugene Stoermer, wurde vom Nobelpreisträger Paul Crutzen populär gemacht - und bezeichnet jene Periode, in der sich der Mensch zum bestimmenden Faktor im Öko- und Klimasystem Erde aufgeschwungen hat. (Oder abgeschwungen, je nach Betrachtungsweise.) Geologen haben diese Idee jedenfalls aufgegriffen und das "Anthropozän" in ihr Vokabular aufgenommen.

Wann begann das Anthropozän?

Die Frage ist allerdings: Wann trat die Erdgeschichte in ihre jüngste, "anthropische" Phase? Konservative Antwort: mit Anfang des Nuklearzeitalters. Klassische Antwort: mit der industriellen Revolution. Die zweite Variante hat deutlich mehr Anhänger, nicht zuletzt deswegen, weil uns das Maschinenzeitalter eben auch Luftverschmutzung und Klimaerwärmung gebracht hat.

Quelccaya-Gletscher im Süden Perus

Paolo Gabrielli

Quelccaya-Gletscher, Peru

Allerdings gibt es durchaus Argumente, das "Anthropozän" noch früher anzusetzen. Der jüngste Anstoß, diese Frage nochmals zu überdenken, stammt von Lonnie Thompson.

Die Studie

"Widespread pollution of the South American atmosphere predates the industrial revolution by 240 y" ist im Fachblatt PNAS erschienen (9.2.2015; doi: 10.1073/pnas.1421119112).

Der Umweltforscher von der Ohio State University hat Proben vom Quelccaya-Gletscher im Süden Perus genommen und in den Eisbohrkernen nach auffälligen Umwelteinflüssen gesucht. Wie Thompson im Fachblatt "PNAS" berichtet, haben die Proben vom größten tropischen Eisfeld der Erde so einiges über die Geschichte des Menschen zu erzählen.

Silbergewinnung mit Umweltfolgen

Insbesondere über die Folgen des spanischen Kolonialismus: 1532 eroberten die Conquistadores unter Führung von Francisco Pizarro das Inkareich und begannen in der Folge die neugewonnene Kolonie wirtschaftlich auszubeuten. Was Bodenschätze betrifft, zeigten sich die Spanier vor allem am Abbau von Silber interessiert. Die Inkas waren in dieser Hinsicht nicht untätig gewesen, sie hatten bereits Metallurgie betrieben, und zwar mit Hilfe von "huyaras", windbetriebenen Tonöfen.

Historisches Gemälde: Francisco Pizarro

AP Photo

Eroberer des Inkareiches: Francisco Pizarro

Doch was die spanischen Eroberer an Stelle der indigenen Metallverarbeitung setzten, sprengte die Maßstäbe alles Bisherigen. 1572 errichteten die Spanier die damals größte Silbermine der Welt in Potosi im heutigen Bolivien und holten dort solch gewaltige Mengen des Edelmetalls aus der Erde, dass der Silberpreis zu fallen begann und einen rapiden Schwund der Kaufkraft in Westeuropa auslöste.

Diese Episode früher Krisenökonomie ist Historikern als "Große Elisabethanische Inflation" bekannt - weniger bekannt sind ihre ökologischen Begleiterscheinungen: Wie Thompson in seiner Studie schreibt, führten die Spanier zu dieser Zeit auch ein neues Reinigungsverfahren für Silber, die sogenannte Amalgamierung, ein. Dabei wurden große Mengen von Schwermetallen - vor allem Quecksilber - freigesetzt.

Der Bergbau in Potosi beförderte eine toxische Wolke in die Atmosphäre. Und diese wurde offenbar durch den Wind hunderte Kilometer verfrachtet. So muss es gewesen sein, schließt Thompson. Ansonsten wäre es nicht zu erklären, schreibt er, dass man in den Eisbohrkernen aus Peru einen parallel gelagerten Anstieg und Rückgang von Schwermetallen - allem voran von Quecksilber - nachgewiesen habe. Der Anstieg begann laut Studie im späten 16. Jahrhundert. Um 1800 fielen die Werte wieder, in jener Zeit also, da sich erstmals südamerikanische Länder von Spanien unabhängig erklärten.

Auch Griechen und Römer hinterließen Spuren

"Dieses Ergebnis unterstützt die Idee, dass der menschliche Einfluss auf die Umwelt bereits vor der industriellen Revolution verbreitet war", sagt Paolo Gabrielli, ein Co-Autor der Studie. Der Fund im Quelccaya-Gletscher dürfte der älteste dieser Art in Südamerika sein, gleichwohl haben Umweltforscher andernorts noch bedeutend ältere zu Tage gefördert.

Vor fünf Jahren wiesen Wissenschaftler etwa nach, dass selbst die Phönizier, Griechen und Römer genügend Schwermetalle in die Atmosphäre geblasen haben, sodass die Reste dessen bis heute im arktischen Eis nachzuweisen sind. Was dafür spräche, den Beginn des Anthropozän noch weiter nach vorne zu rücken.

Einen weiteren Diskussionsbeitrag zu dieser Materie will demnächst auch Thompson beisteuern. Er plant nun eine Untersuchung des weltweit ältesten Eisbohrkerns. Dieser stammt vom Dasuopu-Gletscher im Himalaya und soll 8.000 Jahre Klimageschichte abdecken.

Robert Czepel, science.ORF.at

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