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"Valentine's Day" auf dem Display eines Taschenrechners

Die Mathematik der Liebe

Mathematische Formeln und romantische Liebe: Das klingt wie ein glatter Gegensatz. Stimmt aber nicht, meint die britische Mathematikerin Hannah Fry. Algorithmen könnten helfen, den optimalen Partner zu finden - und zwar sowohl beim Online-Dating als auch im "echten Leben", abends an der Bar.

Valentinstag 13.02.2015

science.ORF.at: Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "The Mathematics of Love". Warum?

Hannah Fry: Ich wollte über etwas schreiben, womit jeder Erfahrung hat und wovon jeder von uns früher oder später betroffen ist. Natürlich kann die Mathematik nicht den unbegreiflichen Reiz von romantischen Gefühlen beschreiben oder irgendeine andere emotionale Seite des Liebeslebens. Aber das heißt nicht, dass die Mathematik in der Liebe nichts anzubieten hat.

Zur Person:

Porträtfoto der Mathematikerin Hannah Fry

Hannah Fry

Hannah Fry ist Lecturer am Centre for Advanced Spatial Analysis am University College London.

Link:
TEDx-Vortrag von Hannah Fry

Die Art, wie wir uns kennenlernen, wen und wie wir unsere Partner auswählen, was wir in unseren Beziehungen machen, wann wir die Entscheidung treffen, wer unser Lebenspartner wird und wie wir streiten: In all diesen Bereichen gibt es Muster und Ähnlichkeiten, die sich wunderbar mathematisch beschreiben und versuchen lassen. Wir sind alle sehr vorhersehbar und zugleich irrational in unserem Verhalten. Die Mathematik bringt uns also ein wenig Licht ins Dunkel des menschlichen Verhaltens, wenn es um romantische Gefühle geht.

Welche mathematische Formel gefällt Ihnen dabei persönlich am besten?

Mein Favorit ist ein Algorithmus, der ein sehr starkes Argument dafür ist, dass man aktiv sein soll und die Initiative nicht scheut. Er kommt vom so genannten "Stable-Marriage-Problem". Ein Beispiel: Es ist Freitagabend, in einer Bar. Jeder der Gäste hat die Absicht, mit jemandem nach Hause zu gehen. Nun hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man ist aktiv und versucht, das zu bekommen, was man will. Man macht sich dabei eine Liste von potenziellen Kandidaten und beginnt, diese abzuarbeiten.

Natürlich riskiert man auf diese Weise Demütigungen im Falle von Absagen. Die andere Möglichkeit ist, man bleibt in der Ecke stehen und wartet darauf, bis man von jemandem der potenziellen Kandidaten der Liste angesprochen wird: Keine Gefahr der Demütigung. Welche Strategie man wählt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Aber genau darin liegt das mathematische Problem. Man kann jedoch mithilfe der Mathematik beweisen, dass die aktiven Menschen am Ende immer mehr Erfolg haben, als jene, die sich passiv verhalten. Das ist der so genannte Gale-Shapley-Algorithmus.

Wenn also jeder sich aktiv verhalten würde, würde in der Theorie jeder einen Partner finden?

Idealerweise, ja. Wer rausgeht, aktiv ist und versucht zu bekommen, was er oder sie will, wird früher oder später belohnt. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, ergibt das mathematisch auch Sinn. Wenn man also entscheidet, aktiv zu werden, sich eben eine Liste macht und diese abarbeitet, führt es letztlich dazu, dass man mit der besten Person zusammenkommt, die Interesse an einem hat. Entscheidet man sich für die passive Variante, bekommt man lediglich die am wenigsten schlechte Option. So sieht das in der Regel aus.

In einem Vortrag von Ihnen, der auf YouTube zu sehen ist, erwähnen Sie ein Phänomen, das in der Natur bei einer Fischart vorkommt: Diese Fische lehnen in der Paarungszeit die ersten 37 Prozent aller potenziellen Partner ab. Sie sagen, dass auch Menschen diese Strategie unbewusst anwenden. Aber wie?

Stellen Sie sich vor, Sie blicken am Ende Ihres Lebens zurück auf alle Partner, die sie je hatten. Zu diesem Zeitpunkt wäre es ziemlich einfach zu sagen: "Ich hätte mit Person XY den Rest meines Lebens verbringen sollen." Unglücklicherweise ist das natürlich nicht möglich. Was jedoch im Verlauf seines Lebens jeder versucht zu tun, ist, sich einen passenden Partner zum passenden Zeitpunkt auszusuchen.

Man sollte also durch das Leben gehen, ohne daran zu denken, was für mögliche Partner die Zukunft für mich bereithalten könnte. Und natürlich auch im Hinterkopf behalten, dass es am Ende eben nicht möglich ist, den Verlauf der Dinge zu ändern, wenn man in jungen Jahren jemanden sozusagen fälschlicherweise verlassen hat, weil man dachte, dass man jemand besseren findet.

In der Mathematik führt uns das zur "Optimal-Stopping-Theorie". Diese bietet eine Strategie, die man anwenden kann. Das bedeutet "Stopp" zu sagen und seine Chancen zu maximieren, mit dem besten Partner zusammenzukommen, den das Schicksal für einen bereithält. Es ist eigentlich ziemlich einfach, sehr intuitiv; die meisten Menschen wenden das ohnehin unbewusst an.

Wir gehen also von einem Zeithorizont aus: Sie haben Ihr erstes Rendezvous mit 15 Jahren. Mit 35 entscheiden Sie sich, zu heiraten bzw. in einer Lebensgemeinschaft zu sein. Dazwischen haben sie verschieden viele Partner. Erst nach 37 Prozent unseres Liebeslebens stufen wir andere als "ernsthaftes Heiratsmaterial" ein. Natürlich hat man während dieser 37 Prozent der Zeit dennoch Spaß und bekommt ein Gefühl für das Angebot am "Markt". Man kann diesen Prozentsatz auch auf die Anzahl der Partner anwenden.

Aber anders als bei den Fischen geht es beim Menschen in diesem ersten Drittel nicht primär um Arterhalt und Reproduktion, sondern um romantische Gefühle.

Ja, man kann natürlich in dieser Zeit ernsthafte romantische Beziehungen haben, aber es geht hier noch nicht darum, den richtigen Lebenspartner zu finden. Viele Menschen haben ernsthafte Langzeitbeziehungen bis Mitte zwanzig. Aber die meisten Menschen warten bis Ende zwanzig, bis sie beginnen, sich ernsthafte Gedanken über Heirat und Beständigkeit machen.

Nehmen wir also an, ich bin eine Person Mitte zwanzig, alleinstehend und auf der Suche nach einem Partner. Was würden Sie mir für das Valentinstags-Wochenende empfehlen, außer aktiv zu sein?

Nun, eine Sache, die die Mathematik in der Liebe so interessant macht, ist, dass die Ratschläge sich direkt aus den Gleichungen und Statistiken ergeben. Diese Tipps sind eigentlich alle sehr positiv. Nehmen wir Onlinedating als Beispiel: Es gibt genügend Beweise dafür, dass man sich nicht so viele Gedanken machen soll, gut auszusehen. Die Menschen, die beim Onlinedating am erfolgreichsten sind, sind jene, bei denen die Meinungen bezüglich Attraktivität am meisten auseinander gehen.

Das heißt im Klartext: Einige denken diese Person ist gutaussehend, etwa ebenso viele denken das genaue Gegenteil. Menschen, die etwas Sonderbares an sich haben, sind diejenigen, die beim Onlinedating relativ erfolgreich sind.

Der Grund dafür ist vermutlich, dass Menschen eben nicht nur über das Aussehen nachdenken, sondern auch über die eigenen Chancen, wenn sie versuchen, sich jemandem anzunähern. Folglich heißt das allerdings, dass man nicht versuchen soll, seine sonderbaren Eigenschaften zu verstecken, sondern das genaue Gegenteil machen soll. Sie wollen ja nicht der Masse gefallen, sondern jenen Menschen, die Ihnen auch gefallen könnten.

Das heißt: Egal ob online, oder in einem "Real-Life-Setting": Betonen Sie, was Sie von anderen unterscheidet. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Aufmerksamkeit bekommen, ist damit am höchsten.

Lässt sich das bei Männern und Frauen gleichermaßen sagen?

Ich denke, dass das Modell auf jeden angewandt werden kann, obwohl ich dazu sagen muss, dass dieses Experiment nur mit den Profilen von weiblichen Onlinedating-Usern durchgeführt wurde. Aber ich hab noch einen zweiten Tipp. Nehmen wir jene Menschen beim Onlinedating, von denen die Mehrheit denkt, dass sie sehr attraktiv wären. Das schüchtert viele ein. Aber glauben Sie mir, diese Menschen bekommen weitaus weniger Aufmerksamkeit, als Sie vielleicht denken.

Haben Sie eigentlich eine der Strategien, die Sie in Ihrem Buch beschreiben im Selbstversuch getestet?

Nun, als ich die Anfrage bekommen habe, ein Buch über dieses Thema zu schreiben, war ich gerade auf meiner Hochzeitsreise. Das heißt ich habe viel darüber erst erfahren, als ich vergeben war. Wenn ich früher mehr über das Thema gewusst hätte, wäre ich mit Sicherheit ein besserer Single gewesen.

Ich verstehe. Vielen Dank für das Gespräch und schönes Valentinstags-Wochenende!

Ihnen auch!

Interview: Lukas Lottersberger, science.ORF.at

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