Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gegenwärtige Geschichte(n)"

Barka Emini in Favoriten 1999

Gegenwärtige Geschichte(n)

Rund 40.000 Roma und Sinti leben in Österreich. Zwei Ausstellungen in Wien widmen sich ihrer Gegenwart und Geschichte. Vorurteile und Außenzuschreibungen prägten jahrhundertelang das öffentliche Bild dieser Volksgruppe. Nun kommen erstmals deren Mitglieder selbst umfassend zu Wort.

Roma und Sinti 11.02.2015

Oberwart, auf Romanes "Erba", im Südburgenland ist wohl der Ort, der am Stärksten mit der jüngeren Geschichte der österreichischen Roma verbunden wird. Am 4. Februar 1995 tötete dort eine Rohrbombe die vier Roma Peter Sarközi, Josef Simon, sowie Ervin und Karl Horvath. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und das Wien Museum zeigen nun Erinnerungs- und Lebensorte der österreichischen Roma und Sinti.

Links:

"Romane Thana - Orte der Roma und Sinti"
ist eine Kooperation von Wien Museum, Romano Centro, Intitiative Minderheiten und Landesmuseum Burgenland und ist bis zum 17. Mai zu sehen.

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zeigt "Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit" bis zum 12. März.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch das Mittagsjournal am 11. Februar um 12:00.

Romane Thana - Orte der Roma und Sinti

Ausstellung Romane Thana

ORF, Tanja Malle

Erinnerungsstücke von Roma und Sinti im Wien Museum.

Elf Stationen haben österreichische Roma und Sinti im Wien Museum aufgebaut. Jede davon zeugt von einem persönlichen Romano Than - einem Ort der Roma. So etwa die Station "Floridsdorf". Im 21. Wiener Gemeindebezirk ist der Schlagzeuger Willi S. Horvath aufgewachsen. Seine Familie hat dort zunächst mit Pferden und später mit Orientteppichen gehandelt: "Die meisten von uns haben beim SR Donaufeld Fußball gespielt. Sie waren sozusagen integriert, lange bevor es dieses Wort überhaupt gegeben hat." Der Romano Than Floridsdorf existiert zum Großteil nur noch auf den Erinnerungsfotos von Willi Horvath. Eines davon zeigt seine Tante Wilma in den 1970er Jahren im Dirndl: "Das war bei uns ein normales Kleidungsstück."

Die Ausstellung erzählt in drei Sprachen - auf Deutsch, Romanes und Englisch - über die Vielfalt der Lebenssituationen von Roma, Sinti und Lovara in Österreich. Man hofft, Vorurteile und Klischees zu destabilisieren: "Ortlosigkeit ist eines der gängigsten Stereotype, mit denen Roma und Sinti konfrontiert sind", sagt Cornelia Kogoj von der Initiative Minderheiten. Sie ist eine von insgesamt fünf Kuratorinnen und Kuratoren von "Romane Thana".

Behördliche Kriminalisierung und Verfolgung

Ausstellung Romane Thana

ORF, Tanja Malle

Fotografien und Dokumente.

Bei den ersten umfassenden fotografischen Zeugnissen von in Österreich beheimateten Roma und Sinti handelt es sich allerdings nicht um Familienfotos, sondern um behördliche Aufnahmen. In der Zwischenkriegszeit fertigte die Polizei Kartotheken mit Porträts von Roma und Sinti an. So etwa im Burgenland im Jahr 1924. Die Behörde wollte damit zwischen herumziehenden und sesshaften bzw. heimatberechtigten Personen unterscheiden.

Tatsächlich dienten die Evidenzen zunächst der behördlichen Diskriminierung und später, im Nationalsozialismus, der Verfolgung. "Im Burgenland überlebten mit 900 Personen nur rund zehn Prozent der damals dort ansässigen Roma und Sinti die NS-Zeit", sagt der Historiker Gerhard Baumgartner, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes. Er hat den historischen Teil der Ausstellung gestaltet und durch Bestände des Wien Museums ergänzt. Historische Zeichnungen aus dem Depot des Museums zeugen beispielsweise von der Exotisierung der Gruppe.

Arbeitsort, Wohnadresse, symbolische Plätze

Ausstellung Romane Thana

ORF, Tanja Malle

Roma-Frauen als Reinigungskräfte in Krankenhäusern.

Neben den autochtonen Roma und Sinti, die zum Großteil im Westen Österreichs leben, prägen Zugezogene vom Balkan die Ausstellung Romane Thana. Sie sind in den 1970er Jahren als Gastarbeiter und in den 1990er Jahren als Kriegsflüchtlinge nach Österreich gekommen. In der Folge wurden die Wiener Krankenhäuser zu einem Romano Than - dem sich eine weitere Station der Ausstellung widmet.

Romnja - also Roma-Frauen - die in den Krankenhäusern als Reinigungskräfte beschäftigt waren, übersetzen dort zwischen Ärzten und Patienten. Heute leben in Österreich schätzungsweise 40.000 Roma und Sinti. So auch Usnija Buligović, Romni aus Serbien. Sie hat für die Ausstellung Roma interviewt, die nach Österreich zugezogen sind. Der Tenor: Wien ist eine Traumstadt. "Ich glaube, das liegt einerseits an der geographischen Nähe Wiens zum Balkan und hat andererseits mit den Möglichkeiten am Arbeitsmarkt zu tun", sagt Usnija Buligović.

Noch kaum erforscht: Verfolgung in Niederösterreich

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) zeigt ab dieser Woche die Sonderausstellung "Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit". Die Ausstellung hat die Künstlerin Marika Schmiedt gestaltet. Am Beispiel ihrer Großmutter Amalia Horvath, die 1942 im KZ Ravensbrück ermordet wurde, hat sie die Geschichte einer bisher wenig erforschten Gruppe österreichischer Roma teilweise rekonstruieren können.

"Niederösterreich war bisher fast gänzlich unerforscht, obwohl dort seit dem 19. Jahrhundert Roma leben. Die Ausstellung versammelt nun alles, was in den lokalen Archiven und bei Behörden über Amalia Horvath und ihre Familie hängen geblieben ist. Interessanterweise lässt sich so das Leben der vielen Personen, die umgekommen sind, gut rekonstruieren", sagt Gerhard Baumgartner vom DÖW.

Knapp zwei Dutzend Ämter verfügten über Dokumente und Akten zu Amalia Horvath. Die nun zu sehende Ausstellung zeugt davon, dass sich in der österreichischen Gesellschaft der Zugang zu diesem Teil der Geschichte mittlerweile verändert hat. "Das Gemeindeamt in Krichstetten war zum Beispiel eine große Hilfe. Das ist ein gute Beispiel dafür, dass heute Betroffenen und Forschern nicht mehr diese grundsätzliche Abneigung entgegenschlägt, wie noch vor zwanzig Jahren", sagt Gerhard Baumgartner.

Tanja Malle, Ö1 Wissenschaft

Mehr zum Thema: