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Baby und Hund blicken sich an

Hunde können in Gesichtern lesen

Ist ein Mensch gut gelaunt oder muss er sich gerade ärgern? Hunde können diese Frage laut einer Studie von Wiener Forschern nicht nur beantworten, sie ziehen daraus auch Konsequenzen, indem sie ein ärgerliches Gesicht meiden. Ihre Studie sei der erste Beleg dafür, dass ein Tier Emotionen artenübergreifend unterscheiden kann, so die Verhaltensforscher.

Verhaltensforschung 13.02.2015

Fauchen und Wedeln

Die Studie:

"Dogs Con Discriminate Emotional Expressions of Human Faces" ist am 12. Februar 2015 in "Current Biology" erschienen.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell am 13. Februar 2015 um 13.55 Uhr.

Innerhalb einer Art ist es meist recht einfach, die Gemütslage des Gegenübers zu erkennen. Eine Katze weiß, dass sie lieber das Weite suchen sollte, wenn die andere Mieze faucht und einen Buckel macht. Ebenso weiß ein Hund, dass er näher kommen darf, wenn ein Artgenosse mit dem Schwanz wedelt und sich im Nacken nichts sträubt.

Schwieriger wird es da schon, wenn verschiedene Arten aufeinander treffen. So mancher Hund hat beispielsweise schon schmerzhaft erfahren müssen, dass das Schwanzwedeln der Katze keine Einladung, sondern ein Warnsignal ist. Bisher galt deshalb die Devise: Nur der Mensch kann Hinweise auf den emotionalen Zustand des Gegenübers interpretieren, selbst wenn dieses einer anderen Art angehört. Die Forscher um Corsin Müller vom Clever Dog Lab der Veterinärmedizinischen Universität Wien sagen nun: Auch Hunde sind zu dieser Denkleistung imstande.

Interpretation von Gesichtshälften

Ein Hund schaut auf einen Bildschirm, auf dem zwei obere Gesichtshälften zu sehen sind.

Anjuli Barber, Messerli Institut

Glücklich oder zornig? Dieser Hund lernt die Unterscheidung anhand der oberen Gesichtshälfte.

Der Weg zu dieser Schlussfolgerung war nicht ganz einfach. Denn die Aussagekraft bisheriger Studien wurde immer wieder infrage gestellt, weil nicht herausgefiltert werden konnte, ob die Hunde tatsächlich die Bedeutung der Emotionen verstanden, oder nur auf äußere Reize wie die Sichtbarkeit von Zähnen beim Lachen reagiert hatten. Der Versuchsaufbau, mit dem der Verhaltensforscher Corsin Müller und seine Kollegen alle äußeren Faktoren ausschließen wollten, war deshalb relativ komplex:

In einem ersten Schritt lernten die Tiere anhand von Gesichtshälften, zwischen einem freundlichen und einem ärgerlichen Ausdruck zu unterscheiden, wobei jeweils eine Gruppe von Tieren nur anhand der oberen oder unteren Hälfte trainiert wurde. Konkret wurden sie dafür belohnt, wenn sie - je nach Vorgabe - mit der Schnauze auf das freundliche oder ärgerliche Gesicht tippten (siehe Bild oben).

Vier Aufgaben erfolgreich gelöst

So weit, so logisch - handelt es sich doch nur um eine einfache Konditionierung. Im nächsten Schritt wurden die Tiere aber mit vier zusätzlichen Situationen konfrontiert: Sie sahen 1. die gleiche Gesichtshälfte eines anderen Menschen, 2. die andere Gesichtshälfte des aus dem Training bekannten Menschen, 3. die andere Gesichtshälfte eines unbekannten Menschen und 4. nur die linke Gesichtshälfte des bekannten Menschen. In jeder dieser Situationen mussten die Hunde wiederum das freundliche vom ärgerlichen Gesicht unterscheiden.

"Wenn die Tiere nur anhand lokaler Reize wie beispielsweise sichtbare Zähne oder Falten die Gesichter wiedererkannt hätten, wären sie bei der Aufgabe gescheitert, anhand der ihnen nicht vertrauten Gesichtshälfte der Trainingsperson sowie des unbekannten Gesichts die Emotionen richtig zu interpretieren", schreiben die Wiener Forscher in ihrer Studie.

Die Auswertung zeigte aber, dass die elf Hunde, die das Training erfolgreich absolviert hatten, bei allen vier Aufgaben mehr Treffer erzielten, als durch reinen Zufall zustande gekommen wären. Außerdem war die Trefferquote der Tiere bei allen vier Aufgaben annähernd gleich. Darüber hinaus brauchten jene Hunde, die das ärgerliche Gesicht erkennen sollten, länger für die Bewältigung dieser Aufgabe - laut Forschern ein Hinweis darauf, dass sie den Sinn hinter der Emotion erkennen konnten und zornige Gesichter lieber meiden wollten.

Erfahrung …

"Das deutet darauf hin, dass die Hunde nicht nur anhand einzelner Reize entschieden, sondern aufgrund des emotionalen Ausdrucks des Gesichts", so Corsin Müller und Kollegen. "Das ist der erste solide Hinweis, dass ein anderes Tier als der Mensch den emotionalen Ausdruck einer anderen Spezies interpretieren kann", schlussfolgern die Forscher. Offenbar waren die Hunde imstande, den emotionalen Eindruck von einer Hälfte eines bestimmten Gesichts sowohl auf die andere Hälfte als auch auf einen anderen Menschen zu übertragen.

Woher diese Fähigkeit kommt, dazu gibt es bisher nur Vermutungen. Aber, so Studienleiter Corsin Müller im Gespräch mit science.ORF.at: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass das etwas mit den Erfahrungen zu tun hat, die die Tiere in ihrem Leben sammeln. Deshalb haben wir für diese Studie auch Hunde gewählt, weil Hunde als Haustiere natürlich sehr viel Erfahrungen mit Menschen machen und dabei natürlich oft diese Gesichtsausdrücke bei ihren Besitzern und anderen Menschen beobachten können."

… und Zähmung

Auch die Zähmungsgeschichte könnte eine Rolle spielen, so Corsin Müller: "Viele Tiere verstehen Augenkontakt als ein bedrohliches Signal. Es kann sein, dass Hunde aufgrund der Domestikation Augenkontakt nicht mehr so stark vermeiden, wodurch sie mehr Möglichkeiten haben, etwas zu den Gesichtsausdrücken der Menschen zu lernen."

Als nächstes möchten die Forscher gerne klären, ob sich die Hunde auch von den Emotionen ihres Herrchens anstecken lassen. Die Voraussetzung für die Ansteckung, nämlich Gefühle überhaupt zu erkennen, dürften die Tiere laut Studie jedenfalls erfüllen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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