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Glühbirne vor blauem Grund

Neu: Das Journal für kurze Artikel

Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich knapp sagen: Dieser Maxime folgen die Erfinder des "Journal of Brief Ideas" (JBI). Die Beiträge in der Open-Access-Zeitschrift dürfen maximal 200 Wörter lang sein.

Medien 15.02.2015

Die selbstverordnete Bündigkeit lässt Assoziationen zur 140-Zeichen-Grenze von Twitter aufkommen, den Vergleich mit dem Kurznachrichtendienst mag David Harris, Herausgeber des neuen Journals, allerdings nicht besonders. Die im JBI erschienenen Artikel seien als echte Veröffentlichungen gedacht, betont der studierte Physiker, sie würden archiviert und erhielten eine digitale Adresse, mit deren Hilfe man sie auch nach Jahren in den Weiten des Web wiederfinden könne.

Eine fachliche Überprüfung durch Fachkollegen ("Peer-Review") ist beim JBI indes nicht geplant. Qualitätssicherung im engeren Sinne gibt es also keine. Harris baut in diesem Fall auf die Selbstkorrektur der Community. Forscher sollen die Qualität fremder Texte beurteilen, was Harris wiederum für eine automatische Reihung der Arbeiten nutzen will.

Milchstraße bis Zuckerwatte

Ob dieses Konzept funktioniert oder nicht, wird sich zeigen. Harris jedenfalls betrachtet die Offenheit des "Journal of Brief Ideas" als grundlegenden Vorteil. "Gute Wissenschaftler haben in der Regel viel mehr Ideen, als sie verwerten können. Es wäre besser, wenn sie diese mit anderen teilen könnten."

Ein Blick auf die bisher publizierten Artikel zeigt: Nicht alles, was dort erscheint, würde anderswo in der Rubrik "Wissenschaft" unterkommen. Thematisch reichen die Ideen von Zuckerwatte-Sandwiches bis hin zum Gravitationslinseneffekt. Immerhin: Sofern sie einen solchen besitzen, kommen die Beiträge ohne Umschweife zum Punkt.

Die Knappheit kann eine Tugend sein - das empfand man bereits in weniger hektischen Zeiten so. Als Ludwig Wittgenstein anno 1912 dem "Moral Sciences Club" an der Universität Cambridge beitrat, lautete seine erste Forderung, man möge die Präsentation eines wissenschaftlichen Papiers doch bitte auf sieben Minuten beschränken. Die erste Arbeit, die er in diesem Debattierclub vorstellte, hieß: "What is Philosophy?" Für die Beantwortung der Frage benötigte der österreichische Philosoph vier Minuten.

Robert Czepel, science.ORF.at

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