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Ein Mann und eine Frau sitzen auf einem C4 Auto und schauen mit Ferngläsern in den Himmel

Die Schattenseiten von Citizen Science

"Datensklaven", die gratis Grundlagen für Forschungsprojekte liefern; Jungwissenschaftler, die fürchten, durch Laien ersetzt zu werden; Förderorganisationen, die Budgets wegen der kostenlosen Mitarbeit kürzen - Citizen Science, also die Einbeziehung von Laien in Forschungsprojekte, kann auch negative Seiten haben.

Debatte 05.03.2015

"Ich teile den generellen Enthusiasmus zu Citizen Science", so der Soziologe und Wissenschaftsforscher Hauke Riesch von der britischen Brunel University. Gleichzeitig müsse man aber auch über mögliche Fallstricke reden.

Durchbruch per Computerspiel

Literatur:

"Citizen science seen by scientists: Methodological, epistemological and ethical dimensions" von Hauke Riesch und Clive Potter, erschienen 2014 im Journal "Public Understanding of Science"

"Understanding Participation: The 'Citizen Science' of Genetics" von Barbara Prainsack, erschienen in: "Genetics as Social Practice", Farnham: Ashgate 2014

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Debatte zu Citizen Science berichtet auch "Wissen Aktuell" am 5.3.2015.

Links:

Der Durchbruch für Citizen Science kam im Jahr 2011: Damals haben User des wissenschaftlichen Computerspiels "Foldit" die Struktur der sogenannten "Retroviralen Protease", dem Schlüssel zur Reproduktion des HI-Virus, aufgedeckt - und zwar innerhalb von zehn Tagen. An dieser Frage hatten Forscherinnen und Forscher viele Jahre ohne Lösung gearbeitet.

Dieser Erfolg löste laut einer Analyse der Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack vom King's College in London eine große Euphorie aus: "Man hoffte, mit Hilfe von Citizen Science viele alte und neue Probleme der Wissenschaft lösen zu können - insbesondere solche, bei denen große Mengen von Daten gesammelt und ausgewertet werden müssen."

Zahlreiche Projekte mit Beteiligung von Laien entstanden, inhaltlich reichten und reichen sie von der Vogelbeobachtung über die Analyse von Galaxien bis hin zur Dokumentation von im Straßenverkehr getöteten Tieren. Aber auch medizinische Forschungsprojekte, die auf großen Datenmengen zu bestimmten Gesundheitswerten aufbauen, gehören dazu.

"Datensklaven" arbeiten für Unternehmen

In einem stimmen wohl alle Fachleute, die sich mit Citizen Science beschäftigen, überein: Die Öffnung für Laien verändert auch die Wissenschaft selbst. Denn läuft die Beteiligung gut, fließen Aspekte ein, die - hätten nur Forscherinnen und Forscher ein Projekt aufgesetzt - unbeachtet geblieben wären. Und umgekehrt finden Ergebnisse ein größeres interessiertes Publikum, als sie mit einer reinen Publikation in einem Fachmedium erreicht hätten.

Eine sehr positive Entwicklung also, allerdings nicht unumschränkt, meint Barbara Prainsack, die insbesondere das Spannungsverhältnis von Genomforschung und Citizen Science analysiert hat: "Seitens der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an solchen Projekten wird immer wieder die Sorge geäußert, dass sie zu 'Datensklaven' werden, die jene Arbeit machen, die ansonsten professionelle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erledigen - und die dafür auch nicht bezahlt werden." Besonders problematisch werde es dann, wenn unklar ist, wer von den Ergebnissen solcher Projekte profitieren kann. "Sehr häufig sind das professionelle Institutionen oder Unternehmen und nicht die Bürgerinnen und Bürger", so Prainsack.

Einsparungen durch die Crowd?

Ein anderer problematischer Aspekt ist laut der Politologin, dass "man partizipative Praktiken als Teil der Lösung des Kostenproblems ansehen könnte". Zwar gebe es noch keine Zahlen dazu, in welchem Ausmaß das "Crowd Sourcen", also die Auslagerung von Arbeit auf eine große Menge von Laien, zu Einsparungen beiträgt, aber die Überlegung dürfte zumindest existieren.

Das bestätigt auch der Soziologe Hauke Riesch, der für ein Projekt 30 qualitative Interviews mit Forscherinnen und Forschern führte, die in sogenannten "Open Air Laboratories" arbeiteten. Diese Einrichtungen sollten Menschen dazu motivieren, Daten zu umweltrelevanten Fragen wie beispielsweise Boden-, Luft- und Wasserverschmutzung zu sammeln. Nach der Auswertung durch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler flossen die Ergebnisse zu den Menschen zurück. Letztlich sollten sie in konkreten Umweltschutzmaßnahmen münden.

Weniger Arbeit für junge Forscher

Auch die befragten Forscherinnen und Forscher sahen Citizen Science nicht unumschränkt positiv, erklärt Hauke Riesch im Gespräch mit science.ORF.at: "Mehrere haben erzählt, dass die Erwartungen, mit denen sie ins Projekt gegangen sind, letztlich nicht gehalten haben. In einem Fall etwa konnten die Laien einfach nicht leisten, was von ihnen erwartet wurde, weshalb die Aufgabenstellung verändert wurde."

Aber auch die eigenen Perspektiven spielten eine Rolle: "Zwei Post-Docs haben unabhängig voneinander angesprochen, dass sie sich fragen, was junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch tun werden, wenn ihre Aufgaben zumindest zum Teil von den Citizens übernommen werden." Es sei nicht mehr so einfach, eine Anstellung in der Wissenschaft zu bekommen. Überall müsse gespart werden, und was liege da näher, als bezahlte Doktoranden durch unbezahlte Laien zu ersetzen, so die Befürchtung.

Label und Wirklichkeit

Grundsätzlich plädieren Hauke Riesch und auch Barbara Prainsack dafür, genau zu schauen, ob auch das in einem Forschungsprojekt drinnen ist, was das Label "Citizen Science" verspricht. "Wer bestimmt die Forschungsfrage? Welche Möglichkeiten gibt es, darauf Einfluss zu nehmen? Wer darf die Ergebnisse nicht nur sehen, sondern auch verwenden?" Alle diese Fragen könnten Aufschluss geben, ob Citizen Science den Teil mit den Citizens auch wirklich ernst meint.

Und manchmal müsse man sich auch entscheiden, ob man in erster Linie Einbeziehung einer breiteren Öffentlichkeit in ein wissenschaftliches Projekt oder exzellente Wissenschaft haben möchte. "Beides ist nicht immer gleichzeitig möglich", so Hauke Riesch.

Grundsätzlich sei Citizen Science sehr zu befürworten, meinen beide Forscher. Eine Debatte auch über die Schwächen und Gefahren sei aber nötig, um einen Missbrauch des Ansatzes für Sparprogramme oder Datensammlung zu kommerziellen Zwecken zu verhindern.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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