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Boris Karloff im Film "Frankenstein", 1931

"Kopftransplantationen in zwei Jahren möglich"

Die Verpflanzung eines Menschenkopfes auf einen fremden Körper - dieses gruselige Szenario scheint in medizinisch greifbare Nähe zu rücken. Das behauptet zumindest der italienische Neurochirurg Sergio Canavero: Die Methoden stünden zur Verfügung, sagt er, man müsse es nur tun. Fachkollegen halten das für deutlich übertrieben.

Bizarr 27.02.2015

Seit der britische "New Scientist" einen Bericht über seine Forschungen veröffentlicht hat, klingelt bei ihm permanent das Telefon. "Ich müsste mir vier Köpfe transplantieren lassen, um allen Journalisten Interviews geben zu können", sagt Canavero im Gespräch mit science.ORF.at.

Der quirlige Forscher mit dem kahlrasierten Kopf hat eine Vision. Diese vertritt er gegenüber Medien mit vehementem Optimismus. Mitunter nehmen seine Ausführungen auch eine apodiktische Färbung an. Zweifel daran, dass seine Vision Wirklichkeit werden könnte, sind ihm jedenfalls nicht anzumerken.

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", Freitag, 27.2.2015, 13.55 Uhr.

Die Vision lautet: Patienten, die unter schweren Krankheiten wie fortgeschrittenem Krebs leiden, sollen einen neuen Körper erhalten, um wieder normal leben zu können. Zumindest ein besseres und erträglicheres Leben als zuvor. "Medizinisch sind alle großen Probleme gelöst", sagt Canavero. "Sofern ich von einer medizinischen Ethikkommission grünes Licht bekomme und die entsprechende finanzielle Ausstattung erhalte, brauche ich zwei Jahre, um ein Team zusammenzustellen und ein entsprechendes Forschungsprojekt zu koordinieren."

"Ich hatte fragwürdige Angebote"

Das sind freilich keine geringen "Wenns". Dass er sein Projekt dereinst in Italien realisieren werden könne, schließt der Forscher der Advanced Neuromodulation Group in Turin aus. "Italien ist ein Land der Pizzabäcker." Ganz Europa scheint ihm diesbezüglich zu zögerlich, als dass seine Pläne hier Aussicht auf Verwirklichung hätten. Russland, China, USA - das sind Länder, wo seiner Ansicht nach die erste Kopftransplantation stattfinden könnte.

"Wissen sie, ich habe bereits finanzielle Angebote von fragwürdigen Quellen erhalten, die ich hier nicht nennen kann. Ich möchte eine saubere Finanzierung." Crowdfunding ist das Modell, das Canavero für die Realisierung seines Projektes vorschwebt. Plus Buchverkäufe: Die Tantiemen seines Buches "Head Transplantation and the Quest for Immortality" sollen dem Projekt ebenfalls zu Gute kommen. "Wenn ich eine Million Exemplare verkaufe, habe ich zehn Millionen Dollar für die Forschung."

Wenn Canavero Sätze wie diesen sagt, ist nicht immer klar: Spricht hier noch der überzeugte Wissenschaftler oder schon der Wissenschaftsentertainer, der sich mit ironischen Übertreibungen zu vermarkten weiß? Dass Canavero unterhaltsam vortragen kann, hat er letztes Jahr bei einer TEDx-Konferenz unter Beweis gestellt.

In medizinischer Hinsicht ist ihm die Sache ernst, daran lässt er keinen Zweifel. Das größte Problem sei bisher die Verbindung der Nervenbahnen gewesen, sagt er, und hier sei letztes Jahr deutschen Forschern ein entscheidender Durchbruch gelungen.

Fortschritte bei gelähmten Ratten

Gemeint ist eine Studie von Werner Müller von der Universität Düsseldorf. Dieser hatte in das Rückenmark gelähmter Ratten eine Matrix aus Polyethylenglykol eingesetzt, um das Wachstum von Nerven und Adern anzuregen. Ein Eingriff, der tatsächlich Wirkung zeigte. Die Ratten konnten zehn bis zwölf Wochen später wieder ihre Beine bewegen, wenngleich nicht in vollem Umfang.

"Teilwiederherstellung" heißt das im Neurologendeutsch. Canavero hat laut Eigendarstellung ähnliche Versuche an Ratten in Südkorea durchgeführt und innerhalb einer Stunde die Wanderung motorischer Signale durch die neue Nervenverbindung beobachtet. Die Studie sei derzeit in Begutachtung.

Allerdings mache es einen großen Unterschied, ob man durchtrennte Nerven im Rücken oder in der Halsgegend zusammenflicken muss, betont Müller im Gespräch mit science.ORF.at. "Ich halte es für sehr unrealistisch, dass man mit dieser Methode einen Kopf transplantieren kann. Das ist ein extrem sensibles System - die Atmung, der Herzschlag - all das müsste wieder hergestellt werden. Und zwar innerhalb kurzer Zeit."

Ähnlich äußert sich Harry Goldsmith, ein Chirurg von der University of California in Davis. Er sagte kürzlich gegenüber dem Magazin "New Scientist": "Ich glaube nicht, dass das jemals klappen wird."

Canavero indes bleibt von der Machbarkeit überzeugt. Auch andere Probleme, wie die Abstoßung des Kopfes durch das Immunsystem oder die Gefahr von postoperativem Dauerschmerz ("Central Pain Syndrome") seien lösbar oder bereits überwunden. Wie das vor sich gehen könnte, hat der italienische Forscher kürzlich im Fachblatt "Surgical Neurology International" beschrieben. Nächsten Juni wird er sein Projekt bei einem Fachkongress in Annapolis, Maryland, vorstellen. Er hofft dabei andere Wissenschaftler für seine Sache gewinnen zu können.

Hunde mit zwei Köpfen

Historisch betrachtet steht Canavero mit seinem Ansinnen keineswegs allein. In den 70ern transplantierte der Amerikaner Robert White den Kopf eines Affen auf den Körper eines anderen. Neun Tage überlebte das Tier - paralysiert, weil White nicht imstande war, die Rückenmarksnerven zu verbinden. Dann stieß das Immunsystem des Körpers den neuen Kopf ab.

Noch monströser lesen sich die Beschreibungen von Wladimir Demichows Versuchen. Der Russe hat bereits in den 50ern Kopf und Vorderbeine eines Welpen auf den Rücken eines erwachsenen Hundes verpflanzt - und damit den Beweis geführt, dass lebenswichtige Organe zumindest eine Zeit lang in oder an einem fremden Körper weiterleben können. In der Sowjetunion wurde Demichow als "Sputnik der Chirurgie" gefeiert. Ein Bild, das auch Canavero in den Sinn kommt, wenn er über seine Arbeit spricht. Er betrachte sich als Pionier, der die Grenzen des Machbaren verschieben möchte.

Angenommen, sämtliche medizinischen Hürden wären tatsächlich überwunden. Was wäre aus ethischer Sicht von so einem Vorhaben zu halten? Einen Kopf auf einen anderen Körper zu verpflanzen - ist das nicht schlichtweg furchterregend? "Dazu möchte ich mich nicht äußern. Man nennt mich ohnehin schon Doktor Frankenstein", sagt Canavero. "Ich sage nur so viel: Ich will das Leben von Menschen verlängern. Ich möchte die Natur zähmen."

Robert Czepel, science.ORF.at

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