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Pumpen auf Ölfeld

Enteignung für den Klimaschutz?

Um einen Klimakollaps zu vermeiden, müssten 90 Prozent aller fossilen Energieträger im Boden bleiben, mahnt der Weltklimarat. Wie man das verwirklichen könnte, bleibt offen. Optimisten hoffen auf eine sanfte Transformation der Industrie - auch der Begriff "Enteignung" fällt in einschlägigen Debatten.

Klimapolitik 05.03.2015

Rohstoffhunger kontra Klimarettung: Falls der Mensch alle derzeit bekannten Lagerstätten von Kohle, Öl und Gas nutzen sollte, entstünden nach aktuellen Schätzungen etwa 11.000 Milliarden Tonnen (GT) Kohlendioxid.

Wenn die Erderwärmung in erträglichen Grenzen von zwei Grad Celsius gehalten werden soll, dürfen laut dem Weltklimarat IPCC jedoch nur noch rund 1.100 GT des Treibhausgases in die Atmosphäre gelangen. Gut 90 Prozent der heute erfassten fossilen Brennstoffe - und alle, die zukünftig noch entdeckt werden - müssten demnach im Boden bleiben.

Ölstaaten fordern Entschädigungszahlungen

Es wäre eine historisch beispiellose Entwertung fossiler Ressourcen - und damit faktisch eine Enteignung von deren Besitzern, meint der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik), Hans Joachim Schellnhuber, unter anderem mit Blick auf die Ölscheichs und Länder mit Kohleflözen. Tatsächlich haben einige Ölstaaten auf Klimakonferenzen schon Entschädigungszahlungen gefordert, falls sie ihre Rohstoffe aus Klimaschutzgründen in der Erde lassen sollen.

Wenn der Mensch solche Ressourcen weiter wie bisher ausbeutet, wird die Temperatur auf der Erde nach IPCC-Angaben bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung um 3,7 bis 4,8 Grad steigen. Das würde viele Ökosysteme überfordern, warnt Schellnhuber.

In einem Teil des Westantarktischen Eisschildes sei das Schmelzen wahrscheinlich jetzt schon nicht mehr aufzuhalten: "Das Klimasystem reagiert sehr, sehr langsam - aber einmal in Gang gekommen, sind das dann zum Teil unumkehrbare Veränderungen. Das Hinterhältige ist, dass die Entscheidungen über das Klima der Zukunft eben heute getroffen werden." Entscheidend seien die nächsten 10 bis 20 Jahre.

Industrie nicht vorbereitet

In der Industrie rechne fast niemand damit, fossile Rohstoffe im Boden lassen zu müssen, kritisiert Schellnhuber mit Blick auf seine Diskussionen beim Weltwirtschaftsforum Ende Januar. "Meine Erfahrung in Davos war wieder: Diese Notwendigkeit ist kaum jemandem bekannt - nicht mal den Leuten, die eigentlich im Ressourcengeschäft unterwegs sind. Das wird nicht eingepreist in die Konzernstrategien."

Der Begriff Enteignung sei natürlich das größte Schreckgespenst von allen Möglichkeiten, das Klima zu schützen. Er erwarte keine großräumige Enteignung per Dekret, sondern eine "industrielle Transformation". Deren Zutaten seien vor allem technischer Fortschritt und öffentlicher Druck, aber wahrscheinlich auch Steuern oder etwa Einspeisetarife für Ökostrom, meint Schellnhuber.

In der Geschichte seien solche De-facto-Enteignungen durch Innovation ständig passiert. So habe die Pastel-Industrie im 14. und 15. Jahrhundert einigen Menschen zu großem Reichtum verholfen. Das aus der Pastel-Pflanze gewonnene sogenannte blaue Gold Frankreichs wurde danach jedoch durch billigeres Indigo ersetzt. Wenn die erneuerbaren Energien kostengünstig, stabil und leicht erreichbar seien, "dann gibt es eigentlich keinen Grund mehr, Kohle aus der Erde zu kratzen".

Solarstrom billiger als Atomstrom

Die Chefin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres, gibt sich optimistisch. Die Solar- und die Windenergie seien global gesehen nicht mehr Außenseiter. "Die Investitionen dafür steigen. 2014 haben sie 312 Milliarden Dollar erreicht, 16 Prozent mehr als 2013", schreibt sie nach dem Wirtschaftsgipfel in Davos in ihrem Blog.

Energie aus diesen Quellen werde immer günstiger. Solarstrom habe in Dubai gerade einen Tiefstpreis von 5,98 US-Cent (5,35 Euro-Cent) pro Kilowattstunde erreicht - das ist weit günstiger als Atomstrom.

Weitere Lichtblicke für den Klimaschutz sind, dass etwa US-Fonds, die Weltbank und die staatliche deutsche Förderbank KfW zunehmend alternative Energien unterstützen. So will sich der 860 Millionen Dollar (760 Mio Euro) schwere, gemeinnützige Investmentfonds der Öl-Dynastie Rockefeller schrittweise aus Geschäften mit Öl und Kohle verabschieden und dafür mehr Geld in regenerative Energien stecken. Die KfW hat nach eigenen Angaben 2014 insgesamt 26,6 Milliarden Euro in Klima- und Umweltprojekte gesteckt - Tendenz steigend.

Nach Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) werden Kohle, Öl und Gas aber noch stark gefördert. "Die Subventionen für fossile Brennstoffe betrugen 2013 insgesamt 550 Milliarden Dollar - über das Vierfache der Subventionen für erneuerbare Energien - und behindern so Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien", schrieb die IEA in ihrem Energie-Ausblick 2014. In Nahost würden fast zwei Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte pro Tag zur Stromerzeugung verwendet, obwohl ohne Subventionen die wichtigsten Technologien erneuerbarer Energien konkurrenzfähig gegenüber Ölkraftwerken wären.

science.ORF.at/dpa

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