Standort: science.ORF.at / Meldung: "Vom Fließband zum Großraumbüro"

Ein Modell eines Großraumbüros

Vom Fließband zum Großraumbüro

Hunderte Angestellte auf einer Etage, keine Wände, oft nicht einmal ein eigener Schreibtisch - für die Bedürfnisse der Angestellten ist in Großraumbüros meist wenig Platz. Dennoch ist der Siegeszug des "Open Office" ungebrochen.

Arbeitssoziologie 10.03.2015

Vor knapp 60 Jahren haben die Gründer des "Quickborner Teams" die Bürolandschaft erfunden. Seit damals wurde das Bürokonzept, das Kosten sparen und die Produktivität der Mitarbeiter verbessern soll, laufend weiter entwickelt. Heute heißen diese offenen Büros "Open plan office", "Business-Club" oder "non-territoriales Büro". Für die Wohlfühlwelten, die Firmen wie Google oder Facebook für ihre Mitarbeiter errichten, gibt es noch nicht einmal eine eigene Bezeichnung. Manche Konzepte wollen einfach nur möglichst viele Angestellte auf möglichst kleinem Raum unterbringen. Andere wollen den Arbeitsplatz so ideal zu gestalten, dass die Angestellten gar nicht mehr auf die Idee kommen, nachhause zu gehen.

Die Mutter des Großraums

Für die meisten Unternehmen muss der gut geplante Arbeitsplatz vor allem eines ermöglichen: effiziente Arbeitsabläufe. Diese Leitidee ist nicht neu. Sie begleitet Konzepte zur Gestaltung von Büroarbeitsplätzen von Beginn an. Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung, war spätestens klar, dass die Massenproduktion von Gütern in den Fabriken zu einem immer größeren Administrationsaufwand führt. Buchhaltung, Kontoführung, Schriftverkehr waren dort umfangreich, wo auch viel produziert wurde. Eine neue Klasse von Beschäftigten entsteht: jene der Angestellten.

Bald wird versucht, ähnlich wie in der Fabrik, die Arbeitsabläufe der Büroangestellten zu optimieren. Wie die Arbeiter in den Fabrikhallen werden sie in Bürohallen gesetzt, in denen sich ein Schreibtisch an den anderen reiht. Zwischen den Reihen kann der Vorarbeiter entlangschreiten und kontrollieren, ob auch hier wie am Fließband produziert wird. Das Organisationsprinzip des Taylorismus, das auf die genaue Vorgabe und Kontrolle von Arbeitsabläufen setzt, hält auch in den Schreibstuben Einzug. Der Bürosaal, der in den USA Ende des 19. Jahrhunderts auftaucht, wird zur Mutter des Großraumbüros.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmen sich auch die Dimensionen am 9. März, um 19:05.

Eine Schicht, keine politische Klasse

Im Lauf des 20. Jahrhunderts werden die Angestellten als gesellschaftliche Klasse immer wichtiger. Nach dem zweiten Weltkrieg gibt es in den USA erstmals mehr Büroangestellte, die sogenannten "white collar worker", als "blue collar worker", Arbeiter. Abgeleitet von dem Umstand, dass man bei der Büroarbeit keinen Blaumann trägt, sondern ein weißes Hemd. Das Anwachsen dieser neuen Schicht veranlasst den Soziologen C. Wright Mills 1951 zu seiner Studie "White collar. The American Middle Classes" über die amerikanischen "Mittelschichten".

Mills analysierte damals, dass es sich bei den Angestellten zwar um eine gesellschaftliche, nicht jedoch um eine politische Klasse handelte, anders als die der Arbeiterschaft. Sein Urteil ist hart und durchaus umstritten: Für den amerikanischen Soziologen jagten die Angestellten der Nachkriegszeit einer Gesellschaftsordnung hinterher, die längst zu einem Phantom geworden war: der des amerikanischen Traums, der sozialen Mobilität über alle Schichten hinweg. Mills klassifizierte die Angestellten als Konformisten, die Gewerkschaften oder andere Formen der politischen Organisation ablehnen oder schlicht nicht zustande bringen. Selbst wenn sie mit ihren Arbeitsbedingungen oder ihrem Arbeitsplatz unzufrieden sind, schaffen sie es nicht, etwas daran zu ändern.

Schachteldenken

Obwohl die Studie mehr als 60 Jahre alt ist, wurde die Aktualität von C. Wright Mills Thesen im vergangenen Jahr in den USA eifrig diskutiert. Denn sie waren der Ausgangspunkt eines der erfolgreichsten Sachbücher auf dem US-amerikanischen Markt: "Cubed: A Secret History of the Workplace" des Journalisten Nikil Saval. Derzeit nur in englischer Sprache erhältlich, bedeutet der Titel so viel wie "in Würfel geschnitten".

Darin analysiert der Autor den Aufschwung einer speziellen Form der Arbeitsplatzgestaltung, des "Cubicles". So werden Arbeitskojen bezeichnet, die sich in Großraumbüros in großer Zahl aneinander reihen, die meist nicht mehr als zweieinhalb Quadratmeter umfassen und die Angestellten durch drei niedrige Trennwände mehr schlecht als recht von ihren Kollegen abschotten.
In den Vereinigten Staaten sitzen heute 60 Prozent aller Arbeitnehmer in solchen Cubicles, mehr als 90 Prozent davon sind damit sehr unzufrieden.

Literatur-Tipp:

Das Buch "Architektur immaterieller Arbeit" von Andreas Rumpfhuber ist bei TURIA + KANT (2013) erschienen.

Erste Bürolandschaft in Deutschland

Die erste Bürolandschaft des Verlags "Bild und Ton" von Bertelsmann in Gütersloh.

Quickborner Team

Eines der ersten Großraumbüros: Die Bürolandschaft des Verlags "Bild und Ton" von Bertelsmann in Gütersloh.

Diese Art des geschachtelten Großraumbüros entsteht in den 1960er Jahren und basiert auf einer anderen Arbeitsplatzinnovation, die kurz davor in Deutschland erstmalig geplant und realisiert wurde: der Bürolandschaft. Das Konzept dazu stammt von den deutschen Unternehmensberatern Eberhard und Wolfgang Schnelle, dem Quickborner Team. Die Versandtochter "Buch und Ton" der Bertelsmann GmbH. errichtet diese erste Bürolandschaft in Gütersloh.

270 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waren in dem komplett neuartigen Bürogroßraum dafür zuständig, den Versand der Bücher und Schallplatten des Bertelsmann Verlages sowie Druckwerke von vierzig anderen Verlagen zu administrieren. Zu diesem Büroexperiment gehört auch, dass die Kundendaten laufend erhoben und ausgewertet wurden. Angebot, Vertrieb, Lagerung und Versand sollten auf diese Weise permanent neu und flexibel an die Bedürfnisse der Kunden angepasst werden.

Die Entdeckung des Pausenraums

Den Unternehmensberatern Schnelle ging es nicht nur darum, die Bürokosten zu senken. Sie wollten einen möglichst effektiven Arbeitsraum schaffen. Deswegen machten sie Feldforschung im Betrieb, analysierten die Kommunikationsflüsse und Arbeitsabläufe, sagt der Architekt und Designforscher Andreas Rumpfhuber: "Dadurch haben sie nicht nur wichtiges Wissen über die Organisation erhalten. Die Angestellten waren auf diese Weise auch an Umgestaltung des Büros beteiligt und konnten bis zu einem gewissen Grad Einfluss auf das Design nehmen."

Durch Beobachtung der Belegschaft erkannten die Management Consulter Eberhard und Wolfgang Schnelle noch etwas: die enorme Bedeutung des Pausenraums. Dort, wo eigentlich nicht gearbeitet werden sollte, wurde mitunter am meisten und konstruktivsten kommuniziert. "Dem Design der Pausenräume wurde daraufhin ein hoher Stellenwert beigemessen. Ein Prinzip, das man auch heute noch in fast allen Großraumlösungen beobachten kann", sagt Andreas Rumpfhuber.

Der ideale Arbeitsplatz?

Viele der Probleme, die bereits den Planern der ersten Bürolandschaft Gedanken machten, sind bis heute nicht gelöst. Dazu gehört der Geräuschpegel in solch offenen Arbeitsstrukturen. Eine Studie der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) in Österreich hat gezeigt, dass Lärmbelastung der größte Störfaktor am Arbeitsplatz ist. "Erst danach haben die Befragten Temperatur, Zugluft, Geruch oder mangelhafte Beleuchtung genannt", erläutert der Soziologe Hubert Eichmann von FORBA.

In der Studie, an der knapp 600 Angestellte in Wien und Niederösterreich teilgenommen haben, wurde auch nach den idealen Arbeitsbedingungen gefragt. Zufrieden am Arbeitsplatz sind demnach diejenigen, die bei der Gestaltung von Büro und Arbeitsabläufen mitsprechen dürfen. Ein fixer Schreibtisch und die Möglichkeit, den eigenen Arbeitsplatz persönlich zu gestalten, mit Familienfotos, Pflanzen und ähnlichem, sorgen ebenfalls dafür, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen.

Flexibel wie Matrosen

Das widerspricht einem der neueren Trends in der Bürogestaltung gänzlich: Beim "Desk sharing" oder "Hot desking" haben die Angestellten keinen fixen Arbeitsplatz. Wer ins Büro kommt, muss sich zunächst einen Platz suchen, bevor er oder sie mir der eigentlichen Arbeit beginnen kann. Das Prinzip und der in den USA gebräuchliche Begriff "Hot desking" kommen aus der Seefahrt. Auf Schiffen der Marine gibt es weniger Schlafkojen als Matrosen. Sie Seeleute arbeiten und schlafen im Schichtbetrieb.

Beim "Hot racking" teilen sich die Matrosen die wenigen Betten. Wenn der eine aufsteht, um zu arbeiten, legt sich der andere hinein - die Matratze ist dann vermutlich noch warm. Wie bei den geteilten Betten haben auch bei den geteilten Schreibtische persönliche Dinge keinen Platz.

Alles hat am Ende des Arbeitstages wieder zu verschwinden - die clean desk policy. Die Unternehmen sparen sich mit dieser Maßnahme noch mehr Platz und damit Kosten. Denn sie brauchen weniger Schreibtische, als es Mitarbeiter gibt. Heimarbeit ist im Sinn der Kosten absolut erwünscht.

Zufriedenheit zahlt sich aus

Dass es sich jedoch durchaus auszahlen würde, in die Zufriedenheit der Angestellten zu investieren, haben zahlreiche Studien zum Arbeiten in Großraumbüros gezeigt. Zwar gibt es Arbeitnehmer, die mit den Anforderungen offener Räume gut zu recht kommen, doch ein großer Teil der Menschen reagiert schlecht auf das "Open Office".

Eine Studie der Universität Stockholm unter rund 2.000 Angestellten kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass in Großraumbüros mit Wechselarbeitsplätzen die Fehlzeiten fast doppelt so hoch sind wie in kleineren Büros.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

Mehr zu dem Thema: