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Zwei Stück Würfelzucker

Mit Zucker fängt man Forscher

Dass Zucker schlecht für die Zähne ist, hat man schon vor mindestens 60 Jahren gewusst. Mit gezielter Intervention gelang es der US-Zuckerindustrie dennoch, von dieser Tatsache abzulenken. Historische Dokumente zeigen nun, wie sie die Forschung zu Karies in die von ihr gewünschte Richtung umleitete.

Einflussnahme 11.03.2015

Die Studie in "PLOS Medicine":

"Sugar Industry Influence on the Scienctific Agenda of the National Institute of Dental Research's 1971 National Caries Program: A Historical Analysis of Internal Documents" von Cristin E. Kearns et al., erschienen am 10. März 2015.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in "Wissen aktuell" am 11. März 2015 um 13.55 Uhr.

Erst vor einer Woche hat die Weltgesundheitsorganisation WHO eine neue Empfehlung zum Zuckerkonsum veröffentlicht. Statt der bisher höchstens zehn Prozent soll der Zuckeranteil in der Ernährung nun möglichst nur noch bis zu fünf Prozent betragen. Damit setzte sich die WHO gegenüber den kritischen Stimmen der World Sugar Research Association (WSRO) durch. In der Organisation sitzen Vertreter der Zuckerindustrie aus 30 Nationen.

Auch in Europa hagelte es schon im Vorfeld heftige Kritik seitens der Lebensmittelbranche, viele halten die Forderung für übertrieben. Vor mehr als zehn Jahren hatte die WHO schon Ähnliches erlebt, als sie versuchte, das Limit erstmals auf zehn Prozent zu senken. Den Zuckerindustrievertretern, zu denen unter anderem Coca Cola gehört, gelang es damals, die gemeinsame quantifizierte Empfehlung von WHO und FAO (Food and Agriculture Organization) zu kippen. Übrig geblieben ist der allgemeine Ratschlag, die Aufnahme von Zucker zu reduzieren.

Diese Kämpfe illustrieren nur das jüngste Kapitel einer unseeligen Allianz, nämlich jener zwischen Zuckerindustrie und Gesundheitsbehörden. Heute ist die wirtschaftliche Macht der Lebensmittelkonzerne zwar deutlich größer als vor 50 Jahren, die Forschung und die Politik ihr aber nicht ganz so ausgeliefert wie damals. Das zeigen Dokumente, auf die Cristin E. Kearns von der University of California San Francisco durch Zufall gestoßen ist. Die Analyse zeichnet ein Bild der Abhängigkeit, die in manchem an die Einflussnahme der US-Tabakindustrie erinnert.

Gezielte Einflussnahme

Kearns entdeckte 319 Dokumente an der Bibliothek der University of Illinois, der diese von Roger Adams überlassen worden waren. Adams war Professor für organische Chemie und jahrelanges Mitglied der Sugar Research Foundation (SFR) in den USA sowie im wissenschaftlichen Beirat der International Sugar Research Foundation (ISFR), dem Vorläufer der WSRO.

Die Papiere dokumentieren die Aktivitäten der Zuckerindustrie zwischen 1959 und 1971. Laut den Autoren der aktuellen Studie wird daraus ersichtlich, dass den Vertretern der Branche schon 1950 bewusst gewesen war, dass Zucker eine wesentliche Ursache für schlechte Zähne, d.h. für Karies, ist. Erst im darauf folgenden Jahrzehnt wurde von Forschern allmählich verstanden, auf welche Weise der süße Stoff die Zahnschäden verursacht. Zucker ist die Hauptnahrungsquelle für Bakterien wie z.B. Streptococcus mutans, die sich an die Oberfläche der Zähne heften und so Schmelz und Substanz schädigen.

Die nun analysierten Dokumente enthalten insgesamt 1.551 Seiten: Korrespondenzen, Protokolle und Berichte. Zum Vergleich untersuchten die Autoren Unterlagen des National Institute of Dental Research (NIDR). So konnten sie feststellen, dass und wie die Zuckerindustrie die Forschungspolitik beeinflusst hat, unter anderem jene im 1971 lancierten "National Caries Program". Das Programm wollte Karies innerhalb eines Jahrzehnts ausrotten - ein Ziel, das ganz offensichtlich gescheitert ist. Heute leidet in den USA noch immer mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen an Karies, mehr als ein Fünftel davon unbehandelt. In Österreich hat sich die Situation in den vergangenen Jahrzehnten etwas gebessert, aber noch immer hat jedes dritte Kind "Löcher" in den Zähnen.

Zuckerreduktion unpraktikabel

Somit ist Karies nach wie vor die am weitesten verbreitete Zivilisationskrankheit der Zähne. Zumindest mit Schuld an diesem Umstand ist nach Ansicht der Studienautoren die gerissene Ablenkungsstrategie der Zuckerindustrie. Die Interessensvertreter hätten nämlich gar nicht erst versucht, den Einfluss von Zucker auf die Zahngesundheit zu leugnen, sie ließen ihn mehr oder weniger beiläufig unter den Tisch fallen und richteten die Aufmerksamkeit auf andere Forschungsansätze.

So förderte die Zuckerindustrie gemeinsam mit anderen Nahrungsmittelproduzenten z.B. Forschungsprojekte zu Enzymen und Lebensmittelzusatzstoffen, die Karies entgegenwirken sollten. Sogar die Arbeit an einer Kariesimpfung wurde unterstützt. Das alles passierte in enger Zusammenarbeit mit dem NIDR. Wie erschreckend eng diese war, verdeutlichen personelle Überschneidungen: Das Expertengremium der Zuckerindustrie war mit jenem des NIDRs bis auf eine Person identisch. Die Grundlage für das "National Caries Program" und dessen Prioritäten bildete ebenfalls ein Bericht der einschlägigen Industrie. Die Reduktion von Zucker wurde dabei als nicht praktikabel einfach links liegen gelassen.

Die Entflechtung von wirtschaftlichen Interessen und Forschung steckte damals zwar noch in den Kinderschuhen, aber es gab schon in den frühen 1960er Jahren die ersten Empfehlungen zur Deklaration von Interessenskonflikten, wie ist bei heutigen Publikationen Standard ist. Die Kariesforschung hat sich diese offensichtlich nicht zu Herzen genommen. Auch Konsumentenvertretungen waren damals noch recht schwach.

Lehrmeister Zuckerindustrie

Abgesehen vom Fluorzusatz in Nahrungsmitteln versandeten die meisten geförderten Forschungsvorhaben still und wurden eingestellt. Im Jahr 1976 bezeichnete die US Food and Drug Administration (FDA) dann Zucker erstmals deutlich als "schädlich für die Zähne". 1977 begann man, gezielt an der Zahnschädlichkeit von Lebensmitteln zu forschen. Erst seit 1993 müssen verpackte Produkte in den USA den Zuckergehalt ausweisen.

"Die Taktik der Zuckerindustrie ähnelt in vielem jener der Tabakindustrie in dieser Zeit", so Stanton Glantz in einer Aussendung zur Studie. Der Mediziner war in den 1990er Jahren maßgeblich an der Aufklärung der Verstrickung der US-Tabakindustrie mit den Gesundheitsbehörden beteiligt. Laut den Ausführungen der Autoren war die Zuckerindustrie dabei sogar der Lehrmeister. Nachdem sie bereits 1943 ihre erste Forschungsstiftung gegründet hat, stand sie der Tabakindustrie elf Jahre später bei der Gründung ihrer Forschungseinrichtung mit Rat und Tat zur Seite.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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