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170 Jahre alte Bierflasche

170 Jahre altes Bier: Unangenehm bitter

Natürlich haben sie gekostet. Geschmeckt hat es nicht, aber trotzdem hat es die Forscher begeistert: Sie konnten ein Bier analysieren, das ungefähr 170 Jahre auf dem Meeresgrund lagerte. Ergebnis: Es dürfte etwas weniger Alkohol gehabt haben, eine leicht rosige Geruchsnote - und wäre nach heutigem Geschmack unangenehm bitter.

Analyse 13.03.2015

Die Flaschen stammten aus einem Schiffswrack in der Ostsee, das unweit der finnischen Küste um 1840 gesunken war. Obwohl in die beiden noch intakten Bierflaschen Salzwasser gedrungen war, konnten Wissenschaftler des VTT Technical Research Centre of Finland und der Technischen Universität München (TUM) den historischen Gerstensaft analysieren.

Anders bitter

Die Studie im "Journal of Agricultural & Food Chemistry":

"Analysis of Beers from an 1840s’ Shipwreck" von John Londesborough et al., erschienen im Februar 2015.

Eineinhalb Jahre untersuchten die Forscher das Getränk mit einer speziellen Massenspektrometrie-Methode, mit der mehr als 60 Geschmackskomponenten des Hopfens binnen 30 Minuten sichtbar gemacht werden können. "Aus den Ergebnissen konnten wir unter anderem ableiten, dass das Bier von 1840 mit beta-säurereichen Hopfensorten gebraut wurde", sagt Thomas Hofmann vom Institut für Lebensmittelchemie. Sprich: Es war anders bitter als heutiges Bier. Denn bei heutigen Sorten stehen die Alphasäuren im Vordergrund. Bei den Hefe-abhängigen Geschmacksnoten unterschied sich das havarierte Bier kaum von modernen Sorten.

Das Bier war zusammen mit 168 Flaschen Champagner im Sommer 2010 in dem Wrack vor der Gemeinde Föglö auf Aland zwischen den Küsten Finnlands und Schwedens in 45 Metern Tiefe gefunden worden. Der Champagner, im Gegensatz zu dem Bier unversehrt, könnte der älteste trinkbare Champagner der Welt sein und sollte versteigert werden - spekuliert wurde, dass eine Flasche bis zu 100.000 Euro erzielen könnte. Der Erlös sollte die Kassen finnischer Behörden füllen, die der rechtmäßige Eigentümer sind. Mehrfach sanken Schiffe mit Alkoholika an Bord: Wein, Champagner und Spirituosen waren Luxusgüter - nicht zuletzt waren Schmuggler damit auf den Meeren unterwegs.

Vor knapp 20 Jahren wurde der von einem deutschen U-Boot der 1907 versenkte schwedische Zweimastschoner "Jönköping" gehoben. An Bord ein wertvoller alkoholischer Schatz von Millionenwert: Champagner, Cognac und Wein. Eine einzige Flasche Heidsieck-Champagner brachte später bei Christie's in London 2.420 Pfund (etwa 3.400 Euro). Manche Alkoholika schienen unter den speziellen Lagerbedingungen in kühler Tiefe und Dunkelheit ungeahntes Aroma zu entfalten. Ein 300 Jahre alter Wein, den Taucher in einer verkorkten Flasche vom Meeresboden holten, schmeckte angeblich "wie eine alte, verzuckerte Marmelade."

Bier nachgebraut

"Wir wären sehr daran interessiert, auch ein bisschen Wein zu bekommen" - für weitere Untersuchungen, sagt der Weihenstephaner Lebensmittelchemiker Andreas Dunkel. Bisher hatten die Forscher kein Glück - schließlich verzücken manche der alten Tröpfchen die Sommeliers komplett: "Ein derartiges Aromen-Feuerwerk habe ich noch nie erlebt: Blumen, Zitronen, mitunter eine Prise Mandarine - und vor allem ein wahnsinnig langer Abgang", schwärmte der Weinexperte Francois Hautekur vom Champagnerhaus Veuve Clicquot bei der Verkostung des Champagners von Bord des finnischen Wracks.

Das Bier vom Meeresgrund löste keine derartigen Begeisterungsstürme aus. Entsprechend seines Alters seien auch zahlreiche Abbauprodukte identifiziert worden, deuteten die Forscher in ihrer Mitteilung an. Milchsäuregärung hatte ihr Werk getan, außerdem war Salzwasser eingesickert. "Unangenehm sauer, salzig - man würde nicht von Bier ausgehen", schildert Dunkel seinen Selbstversuch.

Die Forschungsergebnisse erlauben es aber, das Bier vergangener Jahrhunderte tatsächlich zu schmecken: Eine finnische Brauerei hat es nachgebraut. Der Retrotrend beim Bier ist nicht neu, sagt Walter König vom Bayerischen Brauerbund. Zu Jubiläen - wie zum 200-jährigen Bestehen des Oktoberfests - wird historisch gebraut, meist ist das Bier wie jenes aus dem Wrack etwas dunkler und herber.

Eine Renaissance erleben Bügelverschlussflaschen oder im Holzfass gereifte Starkbiere - sie wurden früher auf die lange Reise in die Kolonien geschickt. König: "Die holzfassgereiften Biere sind also auch eine Art Retro- oder Nostalgiebiere."

Sabine Dobel/dpa

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