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Porträfoto des Germanisten und Wörterbuch-Chefredakteurs Herbert Fussy

Von "anpampfen" bis "Pizzaschnitte fahren"

Wörterbücher haben einen Haken: Man muss wissen, wie man ein Wort richtig schreibt, um es zu finden. 40 Jahre lang war Herbert Fussy mit diesem Phänomen konfrontiert - als Chefredakteur des Österreichischen Wörterbuchs (ÖWB). Zum Pensionsantritt hält er ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Verwendung von Sprache - inklusive "anpampfen", "Pizzaschnitte fahren" und "verwordakelt".

Sprache 19.03.2015

science.ORF.at: Im Duden stehen 135.000 Wörter, im ÖWB "nur" 90.000. Ist der Duden das bessere Sprachlexikon?

Herbert Fussy: Beide sind hervorragend. Die Anzahl der Wörter ist sicher ein wichtiges Kriterium für die Qualität eines Wörterbuchs. Aber wichtiger noch ist, was bei einem Wort alles dabeisteht. Nicht nur Genitiv, Plural und Bedeutung, sondern auch Redewendungen und Kollokationen wie bei uns. Der Rechtschreib-Duden ist auch kein Schulbuch wie das ÖWB. Es ist hart, Schüler mit 1.300 Seiten in die Schule zu schicken. Wir haben eine Barriere von 1.000 Seiten, und die wollen wir nicht überschreiten.

Wie sehen Sie das Verhältnis von österreichischem Deutsch und deutschem Deutsch?

Fussy: Als ich vor 40 Jahren mit der Arbeit begonnen habe, war der Duden das große Vorbild der Lexikographie. Er war halt nur in seiner Sprachdarstellung jenseits der Sahnefront beheimatet - das war die Grenze, über die die deutschen Ausdrücke nach Österreich gekommen sind. Zu der Zeit hat man aufgepasst, dass das nur ja nicht geschieht. Heute ist das natürlich lächerlich, die Grenze ist längst durchbrochen. Ich muss das leider auch bei meinen Enkelkindern feststellen. Wenn ich die höre, denke ich oft: Das kann doch nicht sein! Diese leicht affektierte, fast schon gekünstelte, bühnensprachnahe Aussprache!

Woher kommt das?

Fussy: Das ist halt Mode im Kindergarten und in der Volksschule. Die Aussprache stammt von den Fernsehserien, Zeichentrickfilmen etc., die ich nachmittags in den Kinderkanälen mit ansehen muss. Sie wird von den Kindern ganz wertfrei übernommen. Das ist ihre akustische Norm. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen, warten wir auf die Gegenbewegung.

Sie sind selbst Teil dieser Gegenbewegung: Auf Seite 54 der aktuellen Ausgabe des ÖWB steht das Wort "anpampfen". Darf man das in der Schule verwenden?

Fussy: Ja warum denn nicht? Das ist doch ein wunderbarer Ausdruck. Die Literatur ist voll davon. Es ist sicher ein deftiges Wort, aber sehr lautmalerisch. Kennen Sie etwas Treffenderes? "Angegessen" ist farblos. In der Sprache kann ich verwenden, was ich will: Arsch, Popo, Allerwertester, vier Buchstaben - alle Ausdrücke sind legitim. Als Sprachbenutzer muss ich aussuchen, was ich nehme, um den besten Ausdruck zu kriegen.

Dürfen Schüler also bei einer Schularbeit alles schreiben, was im ÖWB steht?

Fussy: Viele fragen sich, ob sie "verwordakelt" oder "schiach" schreiben dürfen. Wenn sie im ÖWB nachschauen, werden sie sehen, dass sie das dürfen. Wenn dann dabei steht "abwertend" oder "umgangssprachlich", dann ist klar, wie das einzustufen ist. Ich bin überzeugt, dass kluge Lehrende nichts anderes machen, als ihren Schülern zu sagen: "Ihr wisst schon, dass es neutralere Wörter gibt, aber für diesen oder jenen Zweck ist der Ausdruck treffend.“ Die österreichische Sprache zu dokumentieren und zu kodifizieren war von Anfang an die Aufgabe des ÖWB. Das ist noch immer so. Wenn sich jemand etwas nicht zu schreiben getraut: Wir geben ihm die Legitimation. Unser Ziel war und ist es, das Selbstverständnis der Sprachbenutzer zu erhöhen. Und das nimmt auch zu, wie ich meine.

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Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell am 19. 3. um 13.55 Uhr.

Herbert Fussy im ORF-Funkhaus

ORF, Lukas Wieselberg

Herbert Fussy im ORF-Funkhaus

Sie sind auf der Suche nach neuen Wörtern, wie machen Sie das?

Fussy: Wie ein Spürhund, man schnüffelt. Überall, in Zeitungen, in den Medien, in der U-Bahn oder im Autobus. So bin ich zuletzt etwa auf die "Hand-Fuß-Mund-Krankheit" gestoßen, die ich vorher nicht kannte. Oder auf "Chia", eine Pflanze und Nahrungsmittel mit viel Nährstoffen. Als erstes ist sie mir in einem großen Bericht einer kleinformatigen Zeitung aufgefallen. Ich habe daraufhin unsere Experten befragt, wie man das richtig ausspricht und botanisch einordnet. Ob das Wort dann in das ÖWB aufgenommen wird, entscheidet ein Gremium von rund 30 Leuten - das ist ein langer Prozess.

Und halten die aufgenommenen Wörter in der Praxis?

Fussy: Vor zehn Jahren habe ich die "Deixfigur" aufgenommen, heute hält das jeder für allgemein gültig. Man muss das Ohr an der Sprache haben und ahnen, was bleiben wird. Wir haben uns da selten geirrt, glaube ich. Von 100 aufgenommen Wörtern sind 90 aktuell geblieben.

Sie gehen nun nach 40 Jahren in Pension – was hat sich in der Zeit alles verändert?

Fussy: Damals hatten wir 250 Seiten und 20.000 Wörter, heute sind es fast 1.000 Seiten und 90.000 Stichwörter. Das wichtigste ist die Aktualität. Der Wortschatz ändert sich ständig. Denken Sie an eine Abkürzung wie "BM". Die Leute kennen das von den Autokennzeichen und glauben: Bruck an der Mur. Seit der Zusammenlegung der Bezirke steht das aber für "Bruck-Mürzzuschlag". Ich bin selbst Steirer. Oder die "Rettungsgasse". Die wird zwar vermutlich einmal verschwinden, ist aber in der Literatur vorhanden. Man soll sie also nicht mehr aus dem Wörterbuch herausnehmen.

Wie werden Wörter denn generell aus dem ÖWB gestrichen?

Fussy: Solange ich lebe, nur sehr schwer (lacht). Aber natürlich gibt es Grenzen. Weil das D-Netz zu antiquiert ist, werden wir es herausnehmen, so werden wir das gelegentlich auch bei veralteten mundartlichen Ausdrücken machen. Aber ich werde wie Zerberus darauf achten, dass das nicht so oft passiert. Und wir werden einen Trick anwenden: Bei der kommenden 43. Auflage wollen wir zwar nicht die Seitenzahl erhöhen, aber viel mehr im Internet zugänglich machen.

Haben Sie schon neue Wörter in petto?

Fussy: Natürlich. Mein Vermächtnis besteht jetzt schon aus 2.000 neuen Wörtern. Ich bin begeisterter Skifahrer und sammle z. B. alles aus dem Bereich: In Skischulen wird heute nicht mehr Pflug gefahren, sondern "Pizzaschnitte" - was aber das Gleiche bedeutet. Die Skier gehen bei einer Pizzaschnitte vorne zusammen wie beim Pflug. Es gibt Schneeteller, Skateslider und Snowkiten. Abgesehen vom Skisport: Die ÖIAG wurde umbenannt und heißt jetzt ÖBIB, die "Österreichische Bundes- und Industriebeteiligungsholding" muss sofort als solche rein ins Wörterbuch. Oder die "Likes" von Facebook, das "Datenleck" und der "Selfiestick".

Kann man ein Wort wie "liken" konjugieren?

Fussy: Ich denke schon: Ich like, du likst ... Wenn Fremdwörter eingedeutscht werden, ist das ein dynamischer Prozess. Z. B. downloaden. Heißt das "ich habe downgeloadet" oder "ich habe gedownloadet"? Da gibt es sprachliche Muster, nach denen sich die Form richtet. So wie beim Geschlecht: das oder der Laptop? Manche sagen das eine, andere das andere. Blöd ist es, wenn die Österreicher mehrheitlich "das E-Mail" sagen und die Deutschen "die E-Mail". Denn das bedeutet ähnlich wie im Fußball: A la longue verlieren wir.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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