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Nahaufnahme einer Maus und ihrer Bartharte

Bakterien als Appetithemmer

Bringen Bakterien den neuesten Diättrend? Das legt zumindest eine Studie amerikanischer Forscher nahe: Mäuse, die genetisch maßgeschneiderte Bakterien im Darm tragen, haben weniger Appetit und sind schlanker als ihre Artgenossen.

Medizin 25.03.2015

In den USA gilt mittlerweile jeder Dritte als fettleibig, also krankhaft dick. Die Zahlen sind in Europa nicht ganz so dramatisch, doch die Erfahrung zeigt: Was die Amerikaner an Ernährungstrends vorgeben, holen die Europäer mit zeitlichem Abstand nach.

Wäre das rasante Wachstum der Speckringe in westlichen Konsumgesellschaften nur ein ästhetisches Problem, würde sich die WHO kaum regelmäßig zu Wort melden. Doch Übergewicht, zumal pathologisches, gilt auch als potenter Treiber für die sogenannten Wohlstandskrankheiten, als da wären: Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, in manchen Fällen auch Krebs.

Darmflora beeinflusst Körpergewicht

Was könnte man dagegen tun? Im Prinzip wäre es ganz einfach, sagt die WHO: Mehr Bewegung im Alltag, Obst und Gemüse statt Fleisch und Fett. Das ist hinlänglich bekannt, größere Überraschungen kann man sich allenfalls von einem Unterfach der Mikrobiologie erwarten, das sich mit der Darmflora beschäftigt.

Studien aus den letzten Jahren haben nämlich geziegt, dass manche Bakterien aus der Nahrung deutlich mehr Energie ziehen als andere - würde man solche "Dickmacher-Bakterien" im Darm ersetzen, wäre auch das ein Ansatz für mögliche Therapien. Das hat bislang bei Versuchen an Mäusen recht gut geklappt, Forscher um Sean Davies von der Vanderbilt University haben diesen Ansatz nun mit einem neuen Dreh versehen.

Das Prinzip: Man nehme statt normaler Bakterien gentechnisch modifizierte. Das ermöglicht noch gezieltere Eingriffe ins Ökosystem Darm und in den Stoffwechsel der Versuchstiere.

Bakterien geben Hormone ab

Wie Sean Davies bei der Jahrestagung der "American Chemical Society" berichtet, könnten sich etwa Hormone mit der Kurzbezeichnung "NAPEs" für einen solchen Eingriff eignen. Im Normalfall entstehen NAPEs im Dünndarm nach der Nahrungsaufnahme, wo sie kurz darauf in Lipide ("NAEs") umgewandelt werden. Letztere dämpfen das Hungergefühl - und dieser Effekt lässt sich laut Davies auch künstlich herstellen.

Er setzte Mäuse auf Fett-Diät und verabreichte einigen von ihnen über das Trinkwasser genetisch veränderte Kolibakterien, die NAPE-Hormone herstellen konnten. Resultat: Die Kotrollmäuse legten durch die einseitige Diät stark an Gewicht zu und entwickelten außerdem Anzeichen von Diabetes und Fettleber.

Mäuse leichter und gesünder

Die behandelten Mäuse blieben zwar nicht so dünn wie zuvor, aber der Effekt der Diät war deutlich abgeschwächt: Ihr Gewicht blieb 15 Prozent geringer und ihre Leber- und Blutzuckerwerte waren ebenfalls besser.

Davies fand außerdem heraus, dass die Mäuse nur dann von der Therapie profitierten, wenn sie die entsprechenden Enzyme besaßen, um NAPEs in NAEs umzuwandeln. Das ließ sich beheben, indem er den Bakterien gleich NAEs-Gene ins Erbgut einsetzte.

Eine Strategie, die er auch für mögliche klinische Tests in Erwägung zieht: "Ich glaube, das würde auch bei Menschen gut funktionieren", sagt der Forscher von der Vanderbilt University.

Ganz risikolos wären solche Versuche allerdings nicht. Unter anderem deswegen, weil die Bakterien auf andere, nicht-übergewichtige Patienten übertragen werden könnten. Vor allem bei Kindern und Senioren wären die bakteriellen Appetithemmer wohl unerwünscht.

Robert Czepel, science.ORF.at

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