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Weizenfeld vor blauem Himmel

Landwirtschaft verringert die Artenvielfalt

Der Mensch bestimmt seit langer Zeit maßgeblich, wie es dem Planeten Erde geht. In einer neuen Studie haben Biologen errechnet, was das für die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten heißt: In den vergangenen 500 Jahren habe sich die Biodiversität um mehr als 13 Prozent verringert - und zwar alleine durch die Landwirtschaft.

500-Jahres-Vergleich 02.04.2015

Flächen, die vor einem halben Jahrtausend Wälder oder Wiesen beherbergten, werden nun für die Land- und Weidewirtschaft genutzt, resümieren Forscher im Fachblatt "Nature". Das gilt vor allem für Nordamerika und Eurasien, wo die die Einbuße der Artenvielfalt besonders hoch ist.

27.000 Arten untersucht

Die Studie:

"Global effects of land use on local terrestrial biodiversity" von Tim Newbold und Kollegen, erschienen in "Nature" am 1. April 2015.

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 2.4.2015, 13.55 Uhr.

Es ist ein überaus ambitionierter Versuch, den ein Team um den Umweltbiologen Tim Newbold vom UNO-World Conservation Monitoring Centre unternommen hat: Die Forscher trugen Informationen aus 284 Veröffentlichungen zusammen, die Artenbestände an 11.500 Messorten rund um den Globus beinhalten - insgesamt rund 1,5 Millionen Datensätze. Beinhaltet waren fast 27.000 Arten.

"Da sind alle möglichen Organismen dabei – von Pflanzen und Pilzen, über Insekten und Kleintiere, bis hin zum Elefanten", erklärt der Studien-Koautor Jörn Scharlemann von der Universität Cambridge gegenüber science.ORF.at.

Während viele andere Studien zu dem Thema ausgestorbene Arten weltweit oder in Regionen untersuchen, haben die britischen Forscher die "lokale Biodiversität" in den Mittelpunkt gestellt. Dazu teilten sie die Landfläche der Erde in Vierecke auf, die in etwa so groß sind wie Fußballfelder. Wenn Arten von dort über den Untersuchungszeitraum verschwanden, zählte das als Minus in der Biodiversitätsbilanz - was aber nicht heißt, dass die Art gänzlich ausgestorben ist, sie konnte sich auf andere Felder zurückgezogen haben.

Bis zu minus 70 Prozent

"Wir haben herausgefunden, dass die lokale Biodiversität seit dem Jahr 1500 weltweit durchschnittlich um 13,6 Prozent zurückgegangen ist", fasst Scharlemann das Hauptergebnis der Studie zusammen. Auf manchen Landflächen war der Artenverlust aber deutlich höher, der Spitzenwert lag bei einem Minus von 70 Prozent.

Besonders betroffen sind Steppengebiete in Nordamerika und Eurasien, stark abgegraste, trockene Stellen in den Subtropen Afrikas und Regionen, in denen sich die Landwirtschaft wegen rasant wachsender Bevölkerungen besonders schnell entwickelt hat - wie in Indonesien, Indien, Brasilien und China.

Rückblick und Ausblick

Doch wie kommt man auf Daten aus dem 16. Jahrhundert? Scharlemann erklärt: "Natürlich haben wir keine so alten Daten. Wir haben Aufzeichnungen von 2000 bis heute." Alles davor basiere laut Scharlemann auf Berechnungen: "Wir haben die beobachteten Verhältnisse zwischen heutiger Landnutzung und Artenvielfalt genommen und diese schließlich auf vergangene Beobachtungen umgelegt." So konnte mit einer Schwankungsbreite von rund fünf Prozent berechnet werden, wie stark sich die Artenvielfalt in den vergangenen fünfhundert Jahren verändert hat.

Die Studienautoren blicken auch vorsichtig in die Zukunft. Denn: "Es gibt ein Gefahrenpotenzial", betont Scharlemann. Zwar verschwinden viele Arten "nur" lokal. "Doch der Verlust von Vielfalt bedeutet langfristig auch den Verlust von sauberem Wasser, sauberer Luft – generell: einer lebenswerten Umwelt."

Realistischen Schätzungen zufolge beeinträchtigt es ein Ökosystem erheblich, wenn die Biodiversität um 20 Prozent sinkt, so Scharlemann. Und genau das sei besonders in industrialisierten Ländern bereits zum Problem geworden.

Prognosen anhand der Szenarien des Weltklimarats

"Es gibt jedoch die Möglichkeit einer Trendumkehr", sagt Scharlemann. "Wir haben die vier Zukunftsszenarien des UNO-Weltklimarats IPCC verwendet, um Entwicklungen vorherzusagen", so der Forscher. Sie sagen unter anderem den globalen Temperaturanstieg, Emissionen, Bevölkerungsentwicklung und Energiebedarf bis zum Jahr 2100 voraus. Die aktuelle Studie zeigt, wie sich die Biodiversität parallel zu den vorhandenen IPCC-Szenarien entwickeln könnte.

Zwei der vier Szenarien sehen einen negativen Trend für die Biodiversität vor, die beiden anderen eine positive Entwicklung. "Machen wir weiter wie bisher, ist das unser Worst-Case-Szenario für Klima und Biodiversität", so Scharlemann. Weitere Verluste seien demnach vor allem in biodiversen, aber wirtschaftlich schwachen Entwicklungsländern zu erwarten. Besonders Südostasien und in Subsahara-Länder wären betroffen.

Paradox: Nicht einmal das "klimafreundlichste" IPCC-Szenario würde laut Studie zu mehr Biodiversität führen: Dieses sieht zwar den geringsten Temperaturanstieg vor, dieser wäre jedoch einer stärkeren Nutzung von Biokraftstoff zu verdanken. "Das bedeutet zwar weniger Treibhausgase, aber leidet letztlich die Biodiversität darunter, weil mehr Anbaufläche für dessen Gewinnung nötig ist", sagt Scharlemann. Dafür würde das "klimaschädlichste" IPCC-Szenario der Artenvielfalt helfen: "Denn dieses sieht keine große Ausweitung von landwirtschaftlichen Flächen vor, sondern mehr Erträge auf bereits bestehenden Flächen."

Noch ist Trendumkehr möglich

"13,6 Prozent klingt über einen Zeitraum von 500 Jahren zunächst nicht viel. Aber es ist ein erheblicher Verlust, und wir müssen vorsichtig sein", betont Scharlemann. Zwar könne niemand sagen, wie viele Arten unser Planet braucht, aber: "Das Verschwinden von Arten ist immer schlecht, sowohl lokal wie global. Früher oder später hat das negative Folgen. Doch unsere Studie zeigt, dass wir diese verhindern können."

Die richtigen Maßnahmen könnten die Biodiversität bewahren und bestenfalls auch Verluste rückgängig machen, so Scharlemann. "Regierungen, Entscheidungsträger, aber auch jeder Einzelne muss seinen Beitrag leisten, um auch in Zukunft die Artenvielfalt zu bewahren."

Die Datenbank enthält dazu nun klare Vorgaben. Sollten die Entwicklungen die richtige Richtung einschlagen, erwarten die Forscher bis 2100 zumindest einen durchschnittlichen Anstieg von 1,9 Prozent der Biodiversität weltweit.

Lukas Lottersberger/Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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