Standort: science.ORF.at / Meldung: "Natur: Auf die Dosis kommt es an"

Ein Mann schlendert durch den Wiener Volksgarten.

Natur: Auf die Dosis kommt es an

Passend zum endlich frühlingshafteren Wetter erinnern Forscher daran, wie gesund der Aufenthalt in der Natur ist. Dieser Umstand ließe sich viel gezielter nutzen. Wüsste man, wie viel Natur optimal ist, könnte man sie ähnlich wie ein Medikament in der richtigen Dosis verordnen. Studien legen nahe: Bereits ein paar Minuten im Grünen wirken sich positiv auf Körper und Geist aus.

Gesundheit 09.04.2015

Unterschätzte Natur

Die Studie in "BioScience":

"The Health Benefits of Urban Nature: How Much Do We Need?" von D.F. Shanahan et al., erschienen am 8. April 2015.

Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, laut WHO sollen es in 30 Jahren gar 70 Prozent sein. Das Leben in der Stadt hat jedoch seine Schattenseiten. Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Probleme und Übergewicht, aber auch Atemwegserkrankungen als Folge der schlechten Luft sind in der betonierten Umgebung deutlich häufiger als im ländlichen Bereich.

Dabei gäbe es eine einfache und billige vorbeugende Maßnahme - nämlich städtischen Grünraum. Das schreiben die Forscher um Danielle F. Shanahan von der australischen University of Queensland in einer aktuellen Überblicksarbeit. Unzählige Studien haben in den vergangenen 30 Jahren belegt, dass die sich Natur positiv auf das physische, psychologische und soziale Wohlbefinden auswirkt.

Die direkten und indirekten Wirkungen sind breit gefächert. So führt etwa die gezielte Begrünung urbaner Gebiete zu messbaren physikalischen Veränderungen - die Luft wird gleichzeitig reiner und städtische Hitzeinseln werden gekühlt. Aber auch indirekt hat die Natur einen Nutzen: Eine angenehme Umgebung, wie z.B. ein städtischer Park, regt zu sportlichen Aktivitäten an, wovon langfristig die Gesundheit des einzelnen profitiert.

Auch die Psyche reagiert auf Grün: Der Aufenthalt in einer entsprechenden Umgebung soll Studien zufolge den Stress reduzieren, die Konzentration fördern und ganz allgemein das subjektive Wohlbefinden heben.

Welche Dosis nützt?

So weit so gut - was den Forschern um Shanahan aber fehlt sind konkrete quantitative Analysen bzw. daran anschließende Empfehlungen: Welche Dosis Natur ist optimal? Auf kommunaler Ebene hieße das, in welchem Ausmaß und in welcher Weise man die Stadt begrünen sollte. Und für den einzelnen könnte man konkrete Zeitempfehlungen abgeben, z.B. täglich zehn Minuten im Grünen verbringen. Derartige unaufwändige Interventionen könnten den Autoren zufolge große Auswirkungen auf das Gesundheitssystem haben, sie vergleichen dies mit der Empfehlung fünf Portionen Obst oder Gemüse pro Tag zu essen.

Zumindest im Bereich der psychischen Wirkungen gibt es bereits einige Untersuchungen zur effektiven Dosis. Schon im Minutenbereich zeigen sich Effekte, wie etwa bei den Teilnehmern einer Studie aus dem Jahr 2010. Nach nur zwanzig Minuten im Grünen fühlten sie sich lebendiger, frischer und weniger erschöpft. Einer anderen Studie zufolge steigern schon fünf Minuten Bewegung in der Natur das Selbstwertgefühl und tragen so zur psychischen Erholung bei. Auch Stress und Ängste sollen sich auf diese Weise lindern lassen. Interessanterweise reicht oft schon der Blick ins Grüne - wie jener aus dem Fenster-, damit es einem besser geht.

Ein paar Nachweise für ähnliche Kurzzeitwirkungen gibt es auch im physischen Bereich: Schon kurze Auszeiten in der freien Natur lassen Herzschlag und Blutdruck sinken. Schwieriger wird es mit der Dosisempfehlung bei Langzeiteffekten, obwohl Studien zeigen, dass es sie gibt. So kam eine Untersuchung im "Lancet" 2008 zum Schluss, dass die Sterblichkeit in begrünten städtischen Gebieten generell niedriger ist als in sehr verbauten.

Optimales Maß finden

Die Forscher gehen davon aus, dass die Wirkungskurven in allen Bereichen ein Plateau haben, das es ebenfalls herauszufinden gilt. D.h., ab einer gewissen Dosis bringt ein zusätzliches Mehr nichts oder schadet sogar. So zeigen etwa die Studien zu den positiven psychischen Effekten, dass diese über einen kurzen Zeitraum am stärksten sind. Anders ausgedrückt: Wer die ganze Zeit im Grünen ist, hat nicht mehr viel davon. Im Bereich der städtischen Begrünung gibt es laut den Autoren sogar ein Zuviel des Guten. Untersuchungen hätten ergeben, dass eine zu üppige Vegetation - wenn alles verwachsen und undurchsichtig wird - Menschen auch verunsichern und Stress auslösen kann.

Angesichts der vielen Ebenen und Detaileffekte ist es noch schwierig, eindeutige Empfehlungen auszusprechen. Immerhin sollten diese gleich mehrere Aspekte abdecken - wie viel Natur sollte uns umgeben und wie sollte diese aussehen? Wie oft und wie lang sollten wir uns in ihr aufhalten, damit sie uns kurz- genauso wie langfristig gesundheitlich nutzt?

Laut den Forschern bräuchte es ein interdisziplinäres mechanistisches Modell, um den komplexen Dosis-Wirkung-Zusammenhang abzubilden. Nachdem sich aber zumindest in Teilbereichen bereits solche Wirkungskurven skizzieren lassen, geben sie sich zuversichtlich, dass es möglich ist, die Komplexität formal zu fassen. So könnte man eines Tages tatsächlich sehr konkreten Empfehlungen ableiten: nämlich eine minimale Naturdosis für den einzelnen und konkrete gesundheitliche Richtlinien für die gezielte Begrünung von Städten.

Eva Obermüller, science.ORF.at

Mehr zum Thema: