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KOPmet "67P/Tschurjumow-Gerassimenko" in Großaufnahme

"Tschuris" Wachstum gibt Rätsel auf

Wie ist "Tschuri" entstanden? Nach der Landung des Roboters "Philae" haben Wissenschaftler den Kometen erstmals aus der Nähe untersucht - und dabei eine wichtige Theorie widerlegt: Entgegen bisherigen Annahmen spielte der Magnetismus bei der Bildung des Himmelskörpers keine große Rolle.

Komet 14.04.2015

Die Forscher hatten mit speziellen Messgeräten, die auf der Raumsonde "Rosetta" und "Philae" installiert sind, den Magnetismus des Kometenkerns vermessen. Ergebnis: nichts. "Tschuris" Kern hat kein Magnetfeld.

Alternative: Die "Schneeballtheorie"

Die Studie

"The nonmagnetic nucleus of comet 67P/Churyumov-Gerasimenko", Science (14.4.2015; doi: 10.1126/science.aaa5102).

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet heute auch "Wissen aktuell", 14.4.2015, 13:55 Uhr.

Der Hintergrund: Bei der Bildung des rund vier Kilometer großen Kometen hat wohl die Gravitation eine wichtige Rolle gespielt - allerdings erst dann, als der Himmelskörper eine Größe von 100 Metern erreicht hatte. Zu dem Zeitpunkt, als "Tschuris" Bausteine noch ganz klein waren, dominierten hingegen ganz andere Kräfte, sagt der Erstautor der Studie, Hans-Ulrich Auster von der TU Braunschweig:

"Wenn die Bausteine nicht größer als einen Millimeter sind, sind die sogenannten Van-der-Waals-Kräfte am wichtigsten. Was beim Wachstum des Kometen zwischen einem Millimeter und 100 Metern passiert ist, wissen wir noch nicht."

Die Oberfläche von "67P/Tschurjumow-Gerassimenko" aka "Tschuri"

ESA/Rosetta/NAVCAM, CC BY-SA 3.0 IGO

Die Oberffläche von 67P/Tschurjumow-Gerassimenko aka "Tschuri".

Bisher hatten Forscher angenommen, dass die Kometenbildung in diesem Größenbereich vom Magnetismus beschleunigt wird. Das war bei "Tschuri", wie die aktuellen Messungen nahelegen, nicht der Fall. Was könnte sonst zum Wachstum des Protokometen beigetragen haben?

"Es gibt noch einige Möglichkeiten. Stellen Sie sich einen Schneeball vor, den man auf eine Hauswand schießt. Der größte Teil davon wird zu Boden fallen, aber ein Teil davon bleibt daran kleben. Ganz ähnlich könnte das auch bei Staubteilchen sein, wenn sie im Kosmos kollidieren", erklärt Auster gegenüber science.ORF.at. Er stellt seine Messergebnisse heute bei der Generalversammlung der Europäischen Vereinigung für Geowissenschaften in Wien vor.

Zehnjährige Reise, holprige Landung

Die Raumsonde "Rosetta" hatte zehn Jahre gebraucht, um "Tschuri" zu erreichen. Im November 2014 wurde das Landegerät dann auf dem Kometen abgesetzt. "Philae" konnte zwar kurzzeitig einige Daten senden, dann fiel das Landegerät aber wegen Strommangels in eine Art Winterschlaf. Das Aufsetzen des Landers war nicht ganz glatt gegangen.

Das Gerät machte mehrere Hüpfer und kam etwa einen Kilometer vom ursprünglichen Ziel entfernt zum stehen. Eine Katastrophe für einige Experimente, für Auster und seine Kollegen ein Glücksfall: "Uns kam die Sache natürlich entgegen, dass der mehrfach gehopst ist", sagt Auster.

So konnten die Forscher "Tschuri" an vier verschiedenen Stellen vermessen. Solange kein weiterer Komet untersucht sei, müsse man davon ausgehen, dass die Messungen auch für andere Kometen seiner Klasse repräsentativ seien, sagt Auster. "Tschuri", der einer riesigen Erdnuss ähnelt, wurde 1969 entdeckt.

An der Mission "Rosetta" sind auch österrechische Forscher und Firmen beteiligt. Die komplexe Außenhaut, die Isolierung der Raumsonde, stammt etwa von der RUAG-Space Austria, Österreichs größtem Weltraumkonzern.

science.ORF.at/dpa

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