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Hund und Besitzerin schauen sich an

Hunde: Tiefe Blicke gewinnen unser Herz

Der Hund gilt nicht zu Unrecht als der beste Freund des Menschen. Seine Bindung ähnelt körperlich jener zwischen Mutter und Kind, wie Forscher zeigen: Je intensiver die beiden einander ansehen, umso mehr Oxytocin - das Bindungshormon schlechthin - produzieren Hund wie Herrl.

Verhaltensforschung 17.04.2015

Tierisches Kommunikationsgenie

Die Studie in "Science":

"Oxytocin-gaze positive loop and the coevolution of human-dog bonds" von Miho Nagasawa et al., erschienen am 17. April 2015.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 17.4. um 13:55.

Obwohl der Hund nur sehr entfernt mit dem Mensch verwandt ist, scheint er ihm in vielen mehr zu gleichen als etwa sein nächster Verwandter, der Schimpanse. Vor allem die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten unseres tierischen Begleiters sind erstaunlich entwickelt. Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre haben bereits demonstriert, wie gut uns Hunde verstehen.

Sie können z.B. in unseren Gesichtern lesen und erkennen dabei, ob wir gut gelaunt oder gereizt sind. Zudem verarbeiten sie Sprache ähnlich wie Menschen. Schon als Welpen reagieren sie auf menschliche Gesten, um verstecktes Futter zu finden. Und ähnlich wie Kleinkinder imitieren sie das Verhalten anderer und man kann sie auch ähnlich in die Irre führen. Sogar eifersüchtig kann unser vierbeiniger Freund werden.

Alte Freundschaft

Aber warum sind uns Hunde so ähnlich und warum fühlen wir uns ihnen so verbunden? Eine wesentliche Rolle dürfte die Interaktion zwischen den Spezies gespielt haben. Immerhin begann die Domestizierung bereits vor vor etwa 19.000 bis 32.000 Jahren. Zu einer Zeit, als Europa noch von Jägern und Sammlern bevölkert war, wurde der Wolf ebenda zum besten Freund des Menschen.

Über die Jahrtausende wurden die hündischen kognitiven und psychologischen Fähigkeiten durch die enge Beziehung maßgeblich geprägt, so die Vermutung vieler Forscher. Manche sprechen auch von einer konvergenten Evolution von Hund und Mensch. So können die Tiere heute vieles automatisch, was Schimpansen oder Wölfe erst durch mühsames Training erlernen.

Positive Rückkopplung

Die Forscher um Miho Nagasawa von der japanischen Azabu Universität sind nun auf einen Mechanismus gestoßen, der erklären könnte, warum die artenübergreifende Beziehung so erfolgreich wurde. Im Mittelpunkt steht - wie so oft, wenn es um enge Bindungen geht - das auch als Kuschel- oder Liebeshormon bekannte Oxytocin. Es spielt eine wesentliche Rolle bei Liebesbeziehungen sowie bei der Interaktion zwischen Mutter und Kind.

Angekurbelt wird die Produktion beispielsweise durch gegenseitiges Anschauen. Das Hormon sorgt für Wohlbefinden. Beide bemühen sich, den angenehmen Zustand immer wieder herbeizuführen - zwischen Mutter und Kind entsteht so eine positive Rückkopplungsschleife. Die Bindung nimmt stetig zu. Das lässt sich auch messen. Je länger sich Mutter und Kind in die Augen sehen, desto mehr Oxytocin ist nachweisbar.

Intensiverer Blick, mehr Oxytocin

Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung legen nun nahe, dass sich Hunde und Besitzer in einer ähnlichen emotionale Rückkopplungsschleife befinden.

Für ihr erstes Experiment beobachteten die Forscher insgesamt 30 Hundebesitzer, wie sie mit ihren Lieblingen interagierten - d.h., sie sprachen mit ihnen, schauten sie an und berührten sie. Ein Teil der Hundehalter sollte möglichst intensiven Blickkontakt zu ihrem Tier zu suchen. Tatsächlich ließ der intensive Augenkontakt den Oxytocin-Spiegel im Urin von Hund und Herrchen bzw. Frauchen ansteigen. Bei demselben Experiment mit Wölfen, fanden die Forscher keinen vergleichbaren Zusammenhang - obwohl die Menschen die Wölfe aufgezogen hatten, beide also sehr vertraut miteinander waren.

Video Experiment 1:

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Im zweiten Experiment sprühten die Forscher den Hunden Oxytocin in die Nase, Kontrolltiere hatten nur eine Salzlösung bekommen. Die behandelten Hunde suchten danach besonders intensiv den Blickkontakt zu ihren Besitzern, was bei diesen wiederum eine steigende Oxytocin-Ausschüttung bewirkte. Allerdings klappte dies nur bei weiblichen Hunden. Möglicherweise reagierten diese stärker auf extern verabreichtes Oxytocin, vermuten die Forscher. Vielleicht schalte das Hormon bei Rüden auch andere hormonelle Regelkreise an.

Video Experiment 2:

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Heilsame Tiere

Wie Evan MacLean und Brian Hare von der Duke University in Durham in einem Begleitkommentar schreiben, ist die Evolution manchmal recht sparsam und recycelt alte Mechanismen für neue Zwecke. Das könnte auch bei der Hund-Mensch-Beziehung der Fall gewesen sein.

Hunde hätten gewissermaßen Nutzen aus unseren elterlichen Instinkten gezogen. Durch In-die-Augen-Schauen erzeugen sie bei Menschen Gefühle sozialer Belohnung und lösen fürsorgliches Verhalten aus. Weil diese Prozesse in beide Richtungen wirken, ist es wahrscheinlich, dass auch die Hunde ein Belohnungsgefühl empfinden. So ist die Rückkopplung sicher gestellt.

Diese Wechselwirkung könnte erklären, warum der Vierbeiner für Menschen sogar heilsam sein kann, etwa als Therapiehund für Menschen mit psychischen Erkrankungen und sozialen Schwierigkeiten. Außerdem - wie MacLean und Hare abschließend schreiben - sind die Erkenntnisse Balsam für die Seele von Hundehaltern: Wenn "Flocki" sein Frauerl bzw. Herrl anstarrt, bedeutet das nicht, dass er es nur auf ihr Schnitzel abgesehen hat.

Eva Obermüller, science.ORF.at/dpa

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