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Eine Japanerin hält ein Atom-Warnschild in der Hand

Fukushima hinterließ "tiefe Gräben"

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat tiefe Gräben in der japanischen Gesellschaft hinterlassen. "Fukushima ist viel mehr als nur eine Nuklearkatastrophe", ist Satoshi Sato überzeugt. Er arbeitete jahrelang in der Atomindustrie und war Mitglied einer Expertenkommission, die den Atomunfall untersuchte.

Gesellschaft 17.04.2015

Das zentrale Ergebnis dieser vom Parlament eingesetzten Kommission lautete: "Es ist eine vom Menschen verursachte Katastrophe." Das möchte Sato vier Jahre nach dem Atomunfall in Fukushima immer noch betonen. Denn bis heute besage die amtliche Stellungnahme der Regierung, dass der Tsunami den Unfall verursacht habe. Doch auch das vorhergehende Erdbeben richtete großen Schaden an, und dieser sei vermeidbar gewesen, sagt Sato. Denn die Infrastruktur der Atomanlage in Fukushima war nicht auf Erdbeben vorbereitet.

Satoshi Sato

J. Nagiller

Satoshi Sato

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Darüber berichtete auch Wissen Aktuell am 17. April.

Zwischen Opferrolle und Profiteur

"Der Atomunfall hat auch tiefe Spuren in der japanischen Gesellschaft hinterlassen", so der Physiker. Viele waren gezwungen, die Region rund um Fukushima zu verlassen. Diese Menschen andernorts wieder in eine Gemeinschaft zu integrieren sei schwierig. In der neuen Umgebung sind sie nicht nur fremd. Die Tatsache, dass sie aus den verseuchten Gebieten kommen, führe zu einer regelrechten Stigmatisierung. Und die Regierung verstärkt diesen Prozess laut Sato sogar, indem sie an die evakuierten Menschen Kompensationszahlungen ausschüttet. Das mache sie in den Augen vieler zu "Profiteuren des Unglücks".

In Japan sei zwar die erhöhte Suizidrate nach dem Atomunglück Thema. Es werde aber viel zu wenig über die Hintergründe diskutiert, kritisiert Sato. "Was hat diese Menschen so sehr belastet? Wir müssen uns mehr auf die gesellschaftlichen Auswirkungen des Atomunfalls konzentrieren."

"Japan hat sich verändert"

Viele Japaner kaufen keine Lebensmittel aus der Region Fukushima. Auch wenn diese getestet wurden und ihre Strahlenbelastung unbedenklich ist. Man glaubt den Regierungsbehörden nicht mehr. "Es wird Jahrzehnte dauern, bis Japan beginnt, die Atomkatastrophe zu vergessen."

Es gebe ein medizinisches Programm, das den Gesundheitszustand der Menschen aus der Region Fukushima überwache. Die Kosten dafür trage der Staat, erzählt Sato. Doch auch vier Jahre nach der Katastrophe gebe es noch zahlreiche Probleme im Zusammenhang mit dem Atomunfall. Das Ausmaß von verunreinigtem Wasser steige weiter, und verunreinigtes Grundwasser sei immer noch nicht isoliert worden, kritisiert Sato. Und auch den Fahrplan zur Stilllegung der Anlage schätzt er als unglaubwürdig ein.

Juliane Nagiller, Ö1 Wissenschaft

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