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Weiße Handschuhe und Zauberstab

Wie es sich anfühlt, unsichtbar zu sein

Gänzlich unsichtbar sein: Diese alte Fantasie könnte dank neuer Materialien und Techniken bald wirklich werden. Wie sich das anfühlt, haben nun schwedische Forscher untersucht. Ein Resultat: "Unsichtbare" haben weniger Angst, vor einer großen Menschenmenge zu stehen.

Psychologie 24.04.2015

Damit könnte einmal Realität werden, was der britische Schriftsteller H.G. Wells schon 1897 in seinem berühmten Roman "The Invisible Man" beschrieben hat. Der Hauptdarsteller entdeckt darin eine chemische Formel, mit der man Gegenstände unsichtbar machen kann. Der Versuch, es bei sich selbst anzuwenden, endet letztlich fatal.

Weniger fatal als überraschend enden die Experimente, die nun ein Team an Neurowissenschaftlern um Arvid Guterstam vom Karolinska Institut in Stockholm vorgestellt hat. Die Forscher haben Menschen dabei nicht wirklich unsichtbar gemacht, sondern eine Illusion davon erzeugt - diese kommt der Realität aber sehr nahe.

Die Herstellung einer Illusion

Die Studie:

"Illusory ownership of an invisible body reduces autonomic and subjective social anxiety responses "von Arvid Guterstam und Kollegen ist am 23. 4. 2015 in "Scientific Reports" erschienen.

Versuchsanordnung zur Illusion einers unsichtbaren Körpers

Staffan Larsson

Das Experiment

Damit das gelingt, haben sie eine ausgeklügelte Methode verwendet: Wie am Bild oben zu sehen, wird den Versuchspersonen eine Videokamera vor die Augen geschnallt. Während ein Forscher mit einem großen Malerpinsel über ihre Konturen streicht, blicken sie nach unten auf ihren eigenen Körper (links). Sie sehen diesen aber nicht, sondern via Kamera einen "unsichtbaren Körper". Diese Illusion stellt der Versuchsleiter her, indem er zeitgleich Körperkonturen in der Luft nachzeichnet (rechts) - eine zweite Kamera filmt das, und die entsprechenden Bilder bekommen die Probanden zu sehen.

Die Illusion funktioniert, wie die rund 120 Teilnehmer des Experiments angaben: Die Kombination von (echter) Berührung und (virtuellem) Blick führte dazu, dass sie einen transparenten, hohlen Körper wahrnahmen. Er war also nicht gänzlich verschwunden, sondern weiterhin spürbar als eigenes, "unsichtbares" Selbst.

Dies entspricht der "multisensorischen Wahrnehmung" des Menschen: Ständig prasseln verschiedene Reize auf uns ein, üblicherweise passen sie auch gut zueinander - etwa wenn man die Größe eines Gegenstandes nicht nur sehen kann, sondern auch fühlen. Aus der Summe der Sinneseindrücke basteln sich Gehirn und Nervensystem verkürzt gesagt die Ich-Wahrnehmung der Welt.

Weniger Angst vor Fremden

Mit ihrer - nach Eigenangaben - erstmaligen Herstellung eines "unsichtbaren Körpers" gaben sich die schwedischen Forscher aber nicht zufrieden. Sie wollten auch wissen, wie er sich auswirkt, und zwar in einer Situation, die vielen Menschen unangenehm ist: vor einer Gruppe unbekannter Menschen zu stehen, die - so die Anforderung der Forscher - noch dazu streng schauen.

Resultat: Wer sich unsichtbar fühlt, hat deutlich weniger Angst vor Fremden. Das zeigten sowohl subjektive Einschätzungen als auch die Messung des Herzschlags. Offenbar, so vermuten die Forscher, verändert "Unsichtbarkeit" nicht nur die Wahrnehmung des eigenen Körpers, sondern auch die von anderen. Frei nach dem Motto: Wenn ich mich unsichtbar empfinde, dann sehen mich auch die anderen nicht - und das verringert vermutlich den sozialen Stress.

Mögliche Anwendung in der Psychotherapie

Ihre Experimente sind nicht bloße Spielerei, betonen die Forscher um Arvid Guterstam. Das Anwendungsgebiet sei reichhaltig, funktionierende Körperillusionen werden heute schon in der Therapie eingesetzt. Etwa bei Patienten, die unter Phantomschmerzen leiden, nachdem ihnen Gliedmaßen amputiert wurden. Spiegel täuschen dabei dem Gehirn vor, dass der fehlende Körperteil doch noch vorhanden ist, und das lindert die Schmerzen. Diese Methode wird u.a. am Wiener AKH angewandt.

So etwas Ähnliches können sich die schwedischen Forscher auch bei Menschen vorstellen, die unter starken Sozialängsten leiden. Mit Hilfe des neuen "unsichtbaren" Körpers könnten sie die ersten Schritte wagen, diese Ängste zu überwinden.

Dass Unsichtbarkeit nicht nur eine technologische Seite hat - wie etwa eine 2012 vorgestellte Tarnkappe aus Metamaterialien beweist -, sondern auch eine soziale, zeigte übrigens schon ein anderer Roman als jener von H.G. Wells. "Invisible Man" von Ralph Ellison aus dem Jahr 1952 heißt zwar fast gleich. Die beschriebene Unsichtbarkeit resultiert im Gegensatz zu seinem 50 Jahre älteren Vorgänger aber nicht auf Chemie: Der afroamerikanische Protagonist wird in den USA der Nachkriegszeit aufgrund seiner Hautfarbe von seiner Umwelt übergangen und fühlt sich deshalb "unsichtbar".

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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