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Wehrmachtssoldaten bei Kampfhandlungen

Wie andere sich an Zweiten Weltkrieg erinnern

In Deutschland ist das Bewusstsein für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der eigenen Verbrechen groß. Auch in Österreich ist das - spätestens seit Kanzler Franz Vranitzky 1991 die Mitschuld der Österreicher am Krieg eingestanden hat - größtenteils so. Doch wie sehr beschäftigt der Zweite Weltkrieg noch die junge Generation anderer Länder?

70 Jahre Kriegsende 23.04.2015

Polen: "Wächter der Erinnerung"

In Polen, das so lange wie kein Land unter den Nationalsozialisten litt, ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs auch für viele junge Menschen allgegenwärtig - nicht nur, weil überall Gedenktafeln an Besatzungsterror und Widerstand erinnern. Viele sind stolz, dass ihre Vorfahren - anders als in einigen anderen Ländern - nicht umfangreich mit den Deutschen kollaborierten und stattdessen eine Untergrundbewegung bildeten, die sowohl militärischen als auch zivilen Widerstand leistete.

Das Museum des Warschauer Aufstands etwa hatte in den zehn Jahren seines bisherigen Bestehens über 4,6 Millionen Besucher, das einstige NS-Todeslager Auschwitz-Birkenau hat sogar mehr als 1,5 Millionen jährlich, darunter viele polnische Schulklassen. Und in Danzig (Gdansk) entsteht derzeit ein neues Museum zum Zweiten Weltkrieg.

Symbole aus der Zeit des Untergrundkampfes gegen die deutsche Besatzung haben auch Einzug in die Mode Jugendlicher gehalten: So tragen manche das historische Graffito-Kürzel "PW" für "Kämpfendes Polen" auf dem T-Shirt, andere den Schriftzug "Warszawa 44". Seit einigen Jahren sind zudem Comics über Widerstandskämpfer selbst bei wenig geschichtsinteressierten jungen Polen populär. Das Land sieht sich als "Wächter der Erinnerung", wie etwa Staatspräsident Bronislaw Komorowski am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jänner betonte.

Russland: Feiertag für ganze Nation

In Russland liegen beim Kriegsgedenken Stolz und Schmerz eng beisammen. Mit etwa 27 Millionen Toten erlitt die Sowjetunion von 1941 bis 1945 so schwere Verluste wie kein anderes Land. Der Tag des Sieges am 9. Mai ist für viele Russen denn auch der wichtigste aller Feiertage.

Das Interesse der jüngeren Generation gilt als groß. In einer Umfrage sagten vor Kurzem 87 Prozent der 18- bis 24-Jährigen, der 9. Mai sei ein Feiertag nicht nur für Veteranen, sondern die ganze Nation. Als einen Grund dafür sehen Soziologen, dass viele Kinder in Russland mit Geschichten über den Krieg aufwachsen. Schüler schreiben Aufsätze darüber und gedenken der Opfer mit Gedichten und Liedern.

Der Tag des Sieges wird vielerorts mit Militärparaden gefeiert. Viele Menschen - auch Jugendliche - legen an den Denkmälern für die Vaterlandsverteidiger Blumen nieder. Viele tragen das orange-schwarze Georgsband, das Symbol für den Sieg vor 70 Jahren.

Allzu kritische Töne, etwa über den Sowjetdiktator Josef Stalin, sind verpönt. Der Kreml warnt davor, das Andenken der Soldaten "in den Schmutz zu ziehen" und "Geschichte zu fälschen".

Großbritannien: Immer seltener Weltkriegsvergleiche

In Großbritannien ist der Zweite Weltkrieg nach wie vor Gesprächsthema. Die Briten leben ihre Siegermentalität, manche halten den Beitrag Großbritanniens und ihres Kriegspremiers Winston Churchill für entscheidend beim Sieg im Kampf gegen Nazi-Deutschland. Noch heute treffen sich Enthusiasten und stellen wichtige Schlachten des Zweiten Weltkriegs originalgetreu nach - die Teilnehmer schrecken dabei auch nicht vor dem Tragen von SS-Uniformen zurück.

Insgesamt sind die Weltkriegsvergleiche in den Medien zurückgegangen. Überschriften zu Fußballspielen mit deutscher Beteiligung beinhalten nicht mehr automatisch das Wort "Tank" (Panzer). Den Sinneswandel hat kürzlich auch eine vielbeachtete Deutschland-Ausstellung im British Museum unter der Leitung von Neil MacGregor dokumentiert.

USA ehren Veteranen

In den USA ist das Grauen des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen. Bis heute wird die als "D-Day" bekannte Landung in der Normandie, die für Zehntausende Soldaten den traumatischen Eintritt in einen verheerenden Krieg bedeutete, als Beginn der Befreiung Europas gefeiert. Die Teilnehmer gelten als die "größte Generation", viele der noch lebenden gut 850.000 Veteranen werden in offiziellen Veranstaltungen immer wieder geehrt. Man ist stolz auf die Dienste der Männer und Frauen in Uniform. Das World War II Museum in New Orleans - auf dessen Schätzung die Zahl beruht - ist sehr populär.

Auch Aktionen an der nationalen Gedenkstätte zum Zweiten Weltkrieg in Washington rufen die blutige Geschichte in Erinnerung: Dort versammeln sich Veteranen, teils in Uniform, wenn es gilt, ihre Interessen zu verteidigen - wie etwa im Haushaltsstreit 2013, als sie in der 16 Tage dauernden Lähmung der Regierungsbehörden um ihre Sozialleistungen fürchteten. Veteranenverbände einzelner Staaten organisieren zudem Ausflugsreisen in die Hauptstadt, um das bekannte Denkmal oder das viel besuchte Holocaust-Museum zu sehen. 1,6 Millionen Besucher verzeichnete das Museum im vergangenen Jahr.

science.ORF.at/APA/dpa

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