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Türkische Demonstranten, die auf ihrer Sicht der Dinge beharren: es gibt keinen Völkermord an den Armeniern

Die Armenier-Massaker aus türkischer Sicht

Am 24. April 1915 hat das Osmanische Reich den "Völkermord" an den Armeniern begonnen. Was seit dieser Woche auch das österreichische Parlament so bezeichnet, sieht die offizielle türkische Geschichtsschreibung ganz anders. Die Türken waren ihr zufolge Opfer radikaler Armenier.

Geschichte 23.04.2015

Im Ersten Weltkrieg seien die christlichen Armenier, die als osmanische Soldaten gekämpft hätten, zum Feind - den Russen - übergelaufen. Hinter der Front hätten sie Massaker an den türkischen Zivilisten - auch Frauen, Kindern und älteren Menschen - verübt.

In türkischen Geschichtsbüchern ist in diesem Zusammenhang bis heute von "Kollateralschäden" im Krieg die Rede.

Deportation "aus militärischen Gründen notwendig"

Laut dem nationalistischen Historiker Hikmet Özdemir - Mitverfasser des Buchs "Die Armenier - Exil und Umsiedlung" - sind "insgesamt 570.000 Türken von armenischer Hand" gestorben. In absoluten Zahlen, so Özdemir, seien "vielleicht weniger Armenier als Türken" gestorben. Dass die Regierung des Osmanischen Reiches die Vernichtung der Armenier beabsichtigt habe, dafür gebe es keinen Beleg. Ihre Deportation sei aus militärischen Gründen notwendig gewesen.

Dabei, so Özdemir in einem Interview, gehe aus allen Dokumenten hervor, "dass die Regierung um den Schutz der Zivilisten bemüht war, sogar die Vertreibung vom Winter auf den Frühling verschob, um die Menschen zu schonen". Dass so viele gestorben seien, "war Folge der Kriegswirren, der Witterung, der primitiven Umstände". Allgemein räumt die Türkei den Tod von etwa 300.000 Armeniern ein.

Neben den historischen "Klarstellungen" ist die offizielle Türkei auch bemüht, auf die Terroraktivitäten armenischer Untergrundgruppen wie der ASALA hinzuweisen, denen in den 70er und 80er Jahren zahlreiche türkische Diplomaten zum Opfer fielen - auch in Österreich. So wurde 1975 der türkische Botschafter in Wien, Danis Tunagil, im Botschaftsgebäude von einem Killerkommando erschossen.

Hauptverantwortlicher Held für Nationalisten

Die treibende Kraft hinter den Armenier-Massakern, Mehmed Talat Pascha, der am 15. März 1921 von einem armenischen Attentäter in Berlin auf offener Straße erschossen wurde, gilt vielen in der Türkei noch als Nationalheld. 1943 wurde Talats Leiche nach Istanbul überführt, sein Grab ist heute Pilgerstätte für Nationalisten.

Die Armenier-Massaker belasten auch nach wie vor das Verhältnis zum Nachbarstaat Armenien. Obwohl die Türkei 1991 die ehemalige Sowjetrepublik als einer der ersten Staaten anerkannte, gibt es bis heute keine diplomatischen Beziehungen zwischen Ankara und Eriwan. Zusätzlich belastet ist das Verhältnis wegen des Konflikts Armeniens mit Aserbaidschan um die armenische Enklave Berg-Karabach.

Zwar gab es unter der AKP-Regierung in Ankara Bemühungen um eine Normalisierung der Beziehungen. Ein 2009 unterzeichnetes Protokoll über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen wurde bis heute nicht ratifiziert.

Armenien werden Fälschungen vorgeworfen

Die jahrzehntelange Tabuisierung der Armenier-Frage in der Türkei hat eine ernsthafte Diskussion auch über die Stichhaltigkeit der Argumente der armenischen Seite verhindert. Ankara wirft nämlich der armenischen Diaspora vor, zahlreiche Dokumente, mit denen die Völkermord-These belegt werden soll, gefälscht zu haben. Das zu überprüfen ist aber nur durch eine unvoreingenommene wissenschaftliche Diskussion möglich.

Als der sowjetische Diktator Josef Stalin im März 1945 die Abtretung der Provinzen Kars und Ardahan als "Entschädigung" für die Armenier-Massaker von 1915 forderte, sah die Türkei dies als Angriff auf ihre territoriale Integrität.

Der türkische Generalstab unterstellte schließlich den Armeniern, einem Plan zu folgen, der die "vier T" genannt wird. Dazu gehören das Beweisen ("tanitmak") und die Anerkennung ("tanimak") des Völkermordes, Entschädigungszahlungen ("tazminat") und Gebietsforderungen ("toprak").

Paul Zabloudil, APA

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