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Skelett von Homo neanderthalensis (rechts) und Homo sapiens (links)

Warum sind die Neandertaler verschwunden?

Hat der Mensch den Neandertaler verdrängt? Hinweise dazu gibt es einige, eine neue Studie liefert weitere Argumente: Bisher nicht zuordenbare Gegenstände einer Steinzeitkultur stammen demzufolge eindeutig vom modernen Menschen. Zur gleichen Zeit - vor rund 40.000 Jahren - verschwand der Neandertaler.

Archäologie 24.04.2015

Menschliche Artefakte

Das Aurignacien, benannt nach einer Fundstelle in Südfrankreich, ist die erste archäologische Kultur der jüngeren Altsteinzeit in Europa, die komplett dem modernen Menschen zugeschrieben wird. Mit dieser Kulturstufe soll er sich im Zeitraum von vor etwa 45.000 bis 35.000 Jahren über große Teile West-, Mittel- und Osteuropas ausgebreitet haben.

Die Studie in "Science":

"The makers of the Protoaurignacian and implications for Neandertal extinction" von S. Benazzi et al., erschienen am 24. April 2015.

Schneidezähne des modernen MEnschen

Daniele Panetta, CNR Institute of Clinical Physiology, Pisa, Italy

Einer der untersuchten Zähne.

Weniger klar war das bisher bei der Schwester- oder Vorläuferkultur (auch dabei gehen die Meinungen auseinander) des Protoaurignacien. D.h., es war ungewiss, ob die einfachen Artefakte dieser Kultur, wie Lamellen - das sind kleine, schmale Steingegenstände - und simple Ornamente, noch von Neandertalern oder bereits vom modernen Menschen gefertigt worden sind.

Menschliche Überreste dieser Kultur sind rar. 1976 bzw 1992 wurden aber zwei Zähne in Italien gefunden, die eindeutig der Kultur des Protoaurignacien zugeschrieben werden. Stefano Benazzi von der Universität Bologna und Kollegen haben nun den Zahnschmelz der beiden Zähne untersucht und ihre DNA mit anderen Menschenvorfahren verglichen. Ergebnis: Sie stammen aus dem Gebiss eines modernen Menschen.

Mit einem geschätzten Alter von 38.500 bis 41.110 Jahren respektive 35.660 bis 40.710 Jahren zählen die zwei Zähne zu den ältesten Überresten des modernen Menschen, die mit archäologischen Überbleibseln der Kultur des Protoaurignacien zusammenhängen.

Überschneidung mit Neandertalern

Steinzeitliches Ornament auf Vogelknochen

Fabio Negrino, Dipartimento di Antichità, Filosofia, Storia e Geografia, Università di Genova, Genova, Italy

Steinzeitliches Ornament auf einem Vogelknochen, zum Vergleich eine Zehe.

Das untermauert laut den Forschern die Vermutung, dass sich der moderne Mensch - als Träger der Kultur des Protoaurignacien sowie des Aurignacien - ca. vor 41.000 vom Mittelmeerraum ausgehend nach und nach über ganz Europa ausgebreitet hat. Die Verbreitung des Protoaurignacien hat sich demnach mit dem Leben der letzten Neandertaler überschnitten, bevor diese vor etwa 39.000 Jahren endgültig aus Europa verschwunden ist.

Wie die Forscher schlussfolgern, könnte es durchaus einen direkten oder indirekten Zusammenhang zwischen ihrem Verschwinden und der kulturellen Ausbreitung des Menschen geben - welchen, bleibt weiterhin offen.

Klar ist, dass die beiden mindestens einige tausend Jahre in denselben Gebieten Europas gelebt haben, sich kulturell ausgetauscht haben und sogar gemeinsame Kinder bekommen haben, wie genetische Spuren des Neandertalers im Erbgut des modernen Menschen zeigen. Trotzdem verschwand der Neandertaler dann relativ plötzlich von der Bildfläche. Erst vergangenes Jahr widersprachen Forscher der Vermutung, der Neandertaler wäre uns einfach in jeder Hinsicht unterlegen gewesen. Etwas wahrscheinlicher ist die These, dass der Mensch schlicht zahlenmäßig überlegen war.

Komplexe Kolonialisierung

Abgesehen von den Mutmaßungen zum Verschwinden des Neandertalers machen die Ergebnisse der aktuellen Studie das Wissen über eine noch immer rätselhafte Epoche um einige Facetten reicher, wie Nicholas J. Conrad und Michael Bolus in einem Begleitkommentar schreiben.

Sie machen beispielsweise klar, dass sich die Kolonialisierung Europas durch den modernen Menschen vermutlich weitaus komplexer vollzogen hat, als gegenwärtige Modelle nahelegen. Wahrscheinlich habe sich nicht eine Kultur monolithisch über den Kontinent ausgebreitet, wie das für jene des Aurignacien oft angenommen wurde.

Das Nacheinander und Nebeneinander der Kulturen der damaligen Zeit glichen wohl eher einem Fleckerlteppich. Wie der aussah, könnten nur weitere genaue Analysen klären. Irgendwann wissen wir dann vielleicht auch, warum der Neandertaler verschwand und was der Mensch damit zu tun hatte.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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