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Szenenausschnitt aus dem Film "Hasenjagd - Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen", zwei Gefangene und ein Soldat

Unbeachtete Massengräber der "Hasenjagd"

In der Endphase des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren ist es zu zahlreichen Verbrechen gekommen. Recht gut erforscht ist die "Kremser Hasenjagd", bei der mehr als 300 Häftlinge des Zuchthauses Stein ermordet wurden. Es gibt aber nach wie vor unbeleuchtete Aspekte: etwa Massengräber, die bis heute unbeachtet blieben.

70 Jahre Kriegsende 24.04.2015

Zuchthaus Stein in Niederösterreich

In der Strafanstalt Stein in der niederösterreichischen Stadt Krems sind während des Nationalsozialismus zahlreiche politische Gegner des NS-Regimes interniert. Die Häftlinge stammen nicht nur aus Österreich. Viele kommen aus Tschechien, Kroatien oder Griechenland.

Als sich die Rote Armee im Februar 1945 der Grenze nähert, erhalten die Anstaltsleiter aller Gefängnisse auf heute österreichischem Gebiet eine Anweisung: Bei Feindannäherung sollten sie "gewöhnliche" Kriminelle entlassen, politische Häftlinge jedoch aus dem Frontbereich abtransportieren. Wenn das nicht möglich sein sollte, müssten letztere getötet werden.

Als am 2. April der Bahnhof von Krems bombardiert wird, reißt die Zugverbindung nach Wien ab. Nicht nur in der Stadt Krems, auch im Zuchthaus verschlechtert sich die Versorgungslage. Es zeichnet sich ab, dass die Verpflegung nur mehr für wenige Tage ausreichen wird.

Sendungshinweise:

Der "Kremser Hasenjagd" widmeten sich auch die Ö1 Dimensionen: " Verdichtung der Gewalt. Die letzten Kriegstage 1945", 23.4. 2015, 19:05 Uhr.

ORF 3 zeigt am 6.5., 23 Uhr, sowie am 11.5., 12:15 Uhr den Film "Hasenjagd - Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen.

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Der Leiter der Anstalt, Franz Kodré, beschließt am 6. April, alle Häftlinge freizulassen. Der Plan ist, die Gefangene traktweise zu entlassen. Im Hof der Anstalt werden sie mit Kleidung und entsprechenden Papieren ausgestattet. "Es hat sogar Justizwachebeamte gegeben, die versucht haben, den Häftlingen Decken mitzugeben", sagt der Historiker Robert Streibel, Direktor der Volkshochschule Hietzing in Wien.

"Dann beginnt ein Wüten"

Franz Kodré war bereits vor 1938 Leiter der Anstalt. Er dürfte kein NSDAP-Mitglied gewesen sein, soll aber die illegalen Nationalsozialisten, die vor dem sogenannten Anschluss Österreichs in Stein interniert waren, wohlwollend behandelt haben. Sieben Jahre lang trägt er das System mit, dient dem NS-Regime. Am 6. April beschließt er, sich dem Befehl der Machthaber zu widersetzen.

Doch unter den Justizwachebeamten gibt es nur wenige, die seinen Entschluss mittragen wollen. Die Entlassungen verzögern sich. Regimetreue Aufseher informieren die Kreisleitung. Alarmeinheiten der Schutzpolizei, des Kremser Volkssturms und der Waffen-SS kommen nach Stein. Das Tor der Anstalt wird mit Handgranaten gesprengt.

"Und dann beginnt ein Wüten im Zuchthaus, das bis in den Nachmittag dauert", erläutert Robert Streibel: "Das war eine entfesselte Gewalt, die sich hier abgespielt hat." Die Nazis versuchen, in alle Winkel des Zuchthauses vorzudringen. Selbst in der Krankenstation erschießen sie zurückgebliebene Insassen. Häftlinge, die bereits auf den Straßen unterwegs sind, werden zum Teil wieder eingefangen und zurück nach Stein gebracht. Franz Kodré und jene Justizwachebeamte, die ihm geholfen haben, werden hingerichtet.

Unbeachtete Massengräber der "Kremser Hasenjagd"

Die Freigelassenen, die nicht sofort wieder aufgegriffen werden konnten, werden verfolgt. Sie sollen getötet werden. Einige wenige finden Unterschlupf bei der Bevölkerung. Viele werden unter Mithilfe der Hitlerjugend, der Gendarmerie und des Volkssturms aufgegriffen und ermordet.

Eines der Verbrechen dieser "Kremser Hasenjagd" ereignet sich am 7. April in Hadersdorf am Kamp: 61 Häftlinge werden einer lokalen SS-Einheit übergeben. Unter schweren Misshandlungen müssen sie am Gemeindefriedhof ihr eigenes Massengrab ausheben.

Doch in Hadersdorf befindet sich bei weitem nicht das einzige Massengrab dieser Tage, betont Robert Streibel: "Erschießungen hat es auch auf dem Weg bis nach St. Pölten gegeben. Wobei man sagen muss, dass bis heute nicht alle Massengräber markiert sind."

Seit damals liegen tote Häftlinge aus Stein an verschiedenen Orten in Niederösterreich begraben. "Das Bedürfnis diese Gräber zu finden, war enden wollend. Man könnte auch sagen, es war den örtlichen Bewohnern egal", ergänzt Streibel.

Zeitzeugen melden sich

Der Historiker Robert Streibel hat vor kurzem einen Roman veröffentlicht, der das Massaker in Stein und die "Kremser Hasenjagd" behandelt. Seit Erscheinen des Buches, haben sich zahlreiche Zeitzeugen und -zeuginnen der Apriltage 1945 bei ihm gemeldet.

Einige haben von Hilfeleistungen der Zivilbevölkerung berichtet, von Bauern, die die Häftlinge nicht denunziert, sondern versteckt und mit Kleidung und Essen unterstützt haben. "Etwa in Scheibenhof, da haben sich Häftlinge im Wald versteckt, und die Kinder eines Bauern haben ihnen über Tage hinweg essen dorthin gebracht."

Ein anderer Zeitzeugenbericht, den Robert Streibel vor kurzem zum ersten Mal gehört hat, betrifft einen Häftling, der von Angehörigen der SS bei seiner Wanderung von Krems in sein Heimatdorf angeschossen wurde. Die Nichte des Mannes hat den Historiker kontaktiert. Ihr Onkel war als kommunistischer Widerstandskämpfer in Stein interniert. Nach seiner Freilassung wandert er drei Stunden Richtung Waidhofen. Er wird von einer SS-Streife angehalten.

"Er zeigt seine Papiere vor und will weiter gehen, plötzlich hört er ein Klacken hinter sich und dreht sich um", erzählt Streibel. Der Schuss, der ihn tödlich hätte treffen sollen, verfehlt sein Genick. Schwer verletzt bricht der Mann zusammen.

Unbekannte Geschichte

Stunden später kann der Mann wieder aufstehen und geht zur nächsten Gendarmeriedienststelle. Der Beamte verheimlicht der SS, dass der Häftling noch lebt und bringt ihn mit dem Auto in die Nähe von Waidhofen. Er kann sich bis zum Ende des Krieges verstecken und überlebt die "Hasenjagd".

"Diese Geschichte war bis heute unbekannt. Leider wird jetzt, 70 Jahre später, ungeklärt bleiben, wer dieser Gendarm war", sagt Streibel. Die Nichte berichtete dem Historiker auch, dass ihr Onkel Jahre später in einem Bus auf den Mann traf, der den Schuss auf ihn abgefeuert hatte: "Der Täter bittet ihn, ihn nicht anzuzeigen, wegen seiner vier Kinder. Und er hat ihn tatsächlich nicht angezeigt".

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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