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Ausschlag eines Seismografen

"Das Beben war leider zu erwarten"

Magnitude 7,5 hatte das schwere Erdbeben in Nepal am Wochenende. Mit einem Beben in dieser Stärke sei rein statistisch zu rechnen gewesen, sagt der Geophysiker Birger Lühr. Und er warnt: Weitere Nachbeben stehen bevor, und sie können noch deutlich zu spüren sein.

Erdbeben in Nepal 27.04.2015

Denn jedes Erdbeben sei ein Flächenbruch, bei dem Spannung umverteilt, aber nicht gänzlich abgebaut wird, so der Experte vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam.

Warum ist das schwere Beben genau dort passiert?

Birger Lühr: Die Erde ist ein geodynamischer Planet, im Himalaya-Gebirge finden ständige Veränderungen statt. Das passiert nicht gleitend, deshalb ist insbesondere der Randbereich nach Süden eine Erdbebenzone. Indien bewegt sich nach Norden und kollidiert mit einer Geschwindigkeit von rund vier Zentimetern pro Jahr mit der eurasischen Platte.

Ist es ungewöhnlich, dass ein so starkes Erdbeben auftritt? 80 Jahre war ja Ruhe…

Ö1 Sendungshinweis:

Birger Lühr war auch in den Nachrichten zu hören.

80 Jahre ist für Menschen natürlich ein ganzes Leben, aber bei geologischen Prozessen ist es ein Wimpernschlag. Es hat schon in der Vergangenheit vergleichbare und sogar stärkere Beben gegeben. Am 15. Jänner 1934 gab es ein Beben mit einer Magnitude von 8,4 - es war also fünf- bis sechsmal stärker als das jetzige Beben.

Immer wieder hört man jetzt, dass mit Nachbeben zu rechnen ist, einzelne haben ja auch schon stattgefunden - woher weiß man das so genau?

Jedes Erdbeben ist ein Flächenbruch. Dieses Mal hat es auf einer Fläche von rund 150 Kilometern in der Länge und 30 Kilometern in der Breite eine Verschiebung gegeben. Nach dieser Verschiebung ist nicht die gesamte Spannung abgebaut, sondern sie wird umverteilt. Dadurch treten diese Nachbeben auf. Das sind viele tausend, die aber sehr stark werden können - unsere Erfahrungen zeigen, dass sie bis zu eine Magnitudenstufe unter jener des Hauptbebens liegen können. Im aktuellen Fall wären also Nachbeben bis Magnitude 6,9 bzw. 7 zu erwarten und "normal". Die Wahrscheinlichkeit von starken Nachbeben nimmt allerdings mit der Zeit ab.

Stimmt es, dass Nepal durch das Beben kleiner wurde?

Ja. Stellen Sie sich eine Wolldecke vor - die eine Seite halten Sie fest, und mit der anderen Hand schieben Sie die Decke zusammen. Dann bilden sich Falten, und das Ganze wird insgesamt kürzer. Abstände verkürzen sich, genau das passiert auch mit Nepal. Dafür werden die Gebirge höher.

Wie oft muss man denn in dieser Region mit einem so schweren Beben rechnen?

Rein von der Statistik her muss man alle 75 Jahre mit einem so schweren Beben rechnen. Das aktuelle Beben war also leider zu erwarten. Das Problem ist der Umgang damit. Sehr viele Bauten in Nepal bestehen aus Ziegeln, und Ziegelbauten sind in Erdbebengebieten sehr ungünstig, weil sie den Erschütterungen nicht standhalten. Also zusammengefasst: Um Katastrophen zu verhindern, muss man die Gefährdung durch Erdbeben, Hangrutschungen, Vulkane etc. richtig einschätzen. In Nepal sind leider viele Gebäude nicht darauf ausgerichtet, um risikoarm darin zu leben.

Interview: Barbara Riedl-Daser, Ö1 Wissenschaft

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