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Grafische Darstellung einer Hautkrebszelle

Kleine Moleküle besiegen Krebs durch Stress

Die Immuntherapie gegen Krebs könnte zur Alternative für klassische Chemo- oder Strahlentherapien werden: Körpereigene Abwehrsysteme sollen dabei den Tumor bekämpfen. Doch bei vielen Krebsarten greift die Therapie bisher nicht. US-Forscher haben nun einen Mechanismus entdeckt, mit dem sich das ändern könnte.

Medizin 29.04.2015

Dabei lösen kleine Moleküle eine so komplexe Stressreaktion aus, dass die Tumorzellen absterben, berichtete die Medizinerin Laurie Glimcher, Dekanin des Weill Cornell Medical College in New York City, am Montag im Rahmen der Landsteiner Lecture des Zentrums für molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

Tumoren mit eigener Umgebung

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 29.04., 13:55 Uhr.

Mit den eigenen Abwehrkräften den Krebs besiegen, gehört zu den derzeit vielversprechendsten Konzepten in der Krebsforschung. Die Idee ist simpel: Ein Tumor kann nur dann gefährlich werden, wenn es ihm gelingt, das Immunsystem zu umgehen. Nimmt man ihm diese Fähigkeit, kann der Körper sein Arsenal wieder gegen die Krebszellen richten.

Gegen einige Haut-, Lungen- und Blutkrebsarten hat man bereits Wirkstoffe gefunden, durch die sich das Immunsystem auf die entarteten Zellen stürzt. Bei vielen anderen Krebsarten sind sie jedoch wirkungslos, sagt Laurie Glimcher.

"Ein Teil des Problems ist, dass sich viele Tumoren eine Umgebung schaffen, die das Immunsystem unterdrückt. Deshalb funktioniert der Ansatz nicht, selbst wenn es gelingt, die körpereigene Abwehr gegen die Tumorzellen zu richten", so Glimcher. Besonders bei festen Tumoren, die weder wandern noch streuen, ist das der Fall: Sie umgeben sich mit Zellen des angeborenen Immunsystems, die angreifende T-Zellen in Schach halten. Das gilt auch für Eierstocktumore, eine der gefährlichsten Krebserkrankungen bei Frauen.

Stressreaktion wirkt zweifach

Laurie Glimcher hat mit ihrer Arbeitsgruppe nun einen Weg gefunden, mit dem die Immuntherapie auch bei diesen Tumoren wirken könnte. Mit einer bestimmten Art von sogenannten niedermolekularen Verbindungen gelang es ihr, sowohl im Tumor, als auch in den ihn umgebenden Zellen des angeborenen Immunsystems eine komplexe Stressreaktion auszulösen.

"Das Spannende an diesen kleinen Molekülen ist, dass sie gleich zweifach wirken: Sie heben die Unterdrückung des Immunsystems auf und wirken gleichzeitig tödlich auf die Tumorzellen. Es ist quasi ein Doppelschlag", erklärt Glimcher.

Bisher konnte sie diesen Effekt in der Zellkultur und in Tierexperimenten nachweisen. Ob das auch beim Menschen funktioniert, muss sich erst zeigen. Laurie Glimcher rechnet noch mit einigen Jahren Forschungsarbeit, bis es zur ersten klinischen Testphase kommt.

Wolfgang Däuble, Ö1 Wissenschaft

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