Standort: science.ORF.at / Meldung: "Einsamkeit macht hungrig"

Nahaufnahme von Mund beim Chips essen

Einsamkeit macht hungrig

Dass einsame Menschen gern zu einer Tafel Schokolade greifen, hat womöglich handfeste Gründe. Eine kleine Studie an Frauen zeigt: Sie sind tatsächlich hungriger, wie sich an ihrem Hormonspiegel ablesen lässt.

Hormone 30.04.2015

Einsamkeit ist für die allermeisten Menschen kein angenehmes Gefühl. Soziale Isolation kann sich aber auch körperlich negativ auswirken, und zwar drastisch, wie etwa eine Studie aus dem Jahr 2010 verdeutlicht hat: Demnach ist mangelnde soziale Integration so riskant wie Alkoholismus, sie wiegt stärker als der Verzicht auf Sport und sie ist sogar zweimal so schädlich wie Dickleibigkeit. Sie soll sogar genauso viel schaden wie 15 Zigaretten pro Tag.

Die Studie in "Hormones and Behavior":

"Loneliness predicts postprandial ghrelin and hunger in women" von L. Jaremka et al., erschienen im Februar 2015.

Ö1-Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 30.4. um 13:55.

Um das Gefühl der Einsamkeit zu lindern, greifen Menschen mitunter zu Ersatzhandlungen - eine davon ist das, was gern als "Frustessen" bezeichnet wird: Wahllos werden möglichst süße, fette und kalorienreiche Nahrungsmittel wie Chips und Schokolade in sich reingestopft. Der empfundene Hunger ist aber vielleicht gar nicht so eingebildet, wie man gemeinhin annehmen möchte - das legen zumindest die Ergebnisse der neuen Studie nahe.

Hormon steigert Appetit

Lisa Jaremka und ihre Kollegen haben dafür eine kleine Gruppe von 40 Frauen Anfang 50 gebeten, zwölf Stunden vor dem Experiment nichts mehr zu essen. Im Labor angekommen, erhielten sie eine ausgiebige Mahlzeit: Eier, Wurst und Brot, insgesamt 930 Kalorien. Vor dem Essen und in den sieben Stunden danach mussten die Probandinnen angeben, wie hungrig sie sind. Gleichzeitig wurde ihr Ghrelin-Spiegel im Blut gemessen. Das sogenannte Hunger-Hormon regt den Appetit an. In den fünf Monaten vor dem Test war die Einsamkeit der Teilnehmerinnen mit standardisierten Fragebögen erhoben worden.

Und tatsächlich hatten jene, die in den vergangenen Monaten stärker unter Einsamkeit gelitten haben, am Ende des Versuchstages mehr Ghrelin im Blut, und sie fühlten sich auch hungriger. Allerdings galt das nur für normalgewichtige Frauen. Waren sie bereits übergewichtig, zeigten sich keine Auswirkungen der Einsamkeit. Soziale Isolation kann laut Jaremka aber bei Normalgewichtigen zur Gewichtszunahme führen und späteres Übergewicht begünstigen.

Essen verbindet

Bereits in einer früheren Studie hat dasselbe Forscherteam von einem ähnlichen Zusammenhang berichtet: Demnach hatten Frauen mit zwischenmenschlichem Stress mehr Grehlin und weniger Leptin im Blut als andere. Das Hormon Leptin ist der Gegenspieler von Ghrelin, es hemmt den Appetit. Andere Arten von Stress hatten auf die beiden Hormone übrigens keine Auswirkung.

Warum aber macht das Gefühl von Einsamkeit so hungrig? Wahrscheinlich handelt es sich um ein altes evolutionäres Erbe, so die Forscher. Wer hungrig ist, isst, und Essen erzeuge ein Gefühl von sozialem Zusammenhalt. "In der menschlichen Evolution war Essen immer ein höchst sozialer Akt", schreiben die Autoren. Sozial Isolierte fühlen sich vielleicht deswegen hungrig, weil sie implizit oder auch explizit gelernt haben, dass Essen verbindet bzw. Sozialkontakte ermöglicht. Warum sich der Mechanismus bei Übergewichtigen - zumindest hormonell - nicht äußert, bleibt allerdings unklar.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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