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Eine Lehrerin steht in einer Schulklasse mit geöffnetem Buch

"Belehrung kommt gegen Erfahrung nicht an"

Umfragen zeigen: Der Ruf nach Autorität in der Bevölkerung wird lauter. Politische Bildung bereits in der Schule könnte dem entgegenwirken. Die Vermittlung von politischem Wissen allein reicht aber nicht, meinen Experten – politische Bildung müsse an den Erfahrungen und Interessen der Schüler und Schülerinnen ansetzen.

Politische Bildung 04.05.2015

Wie das funktionieren könnte, klären die Politikwissenschaftler Gudrun Hentges aus Deutschland und Günther Sandner aus Österreich in einem Interview. Sie zeigen dabei auch die Unterschiede der politischen Bildung zwischen Österreich und Deutschland.

science.ORF.at: Eine Umfrage des SORA-Instituts aus dem Jahr 2014 ergab, dass sich 29 Prozent der Österreicher nach einem autoritären Machthaber sehnen, der sich "nicht um Wahlen und Parlament kümmern muss". Das spricht nicht unbedingt für die politische Bildung in Österreich …

Günther Sandner: Ich bin mir nicht sicher, ob sie allein solche Fragen lösen kann. Aber dass es so ein autoritäres Potenzial in der Bevölkerung gibt, ist durchaus bekannt. Natürlich wäre eine besser strukturierte und stärker verankerte politische Bildungsarbeit im Schul- wie im Erwachsenenbereich eine Möglichkeit, autoritären Verhaltens- und Denkmustern entgegenzuwirken. Hier existiert in Österreich definitiv sehr viel Luft nach oben.

Gudrun Hentges ist Professorin für Politikwissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Fulda. 2013 erschien ihr Buch "Staat und Politische Bildung"

Günther Sandner ist Obmann der "Interessengemeinschaft Politische Bildung" und unterrichtet Politikwissenschaften an der Universität Wien.

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Aktionstage Politische Bildung:

Von 23. April bis 9. Mai 2015 finden in ganz Österreich die Aktionstage Politische Bildung statt. Zum diesjährigen Thema "Macht und Ermächtigung" gibt es Angebote zur Fort- und Weiterbildung für Lehrende, Studierende, Schulklassen, aber auch die interessierte Öffentlichkeit.

Wie ist das in Deutschland? Wie ist hier vor allem auch die Bewegung "Pegida" einzuordnen?

Gudrun Hentges: Im Herbst letzten Jahres erschien eine Studie der Friedrich Ebert Stiftung, die ein ähnliches Ergebnis hatte. Phrasen wie "Wir brauchen einen Führer, der das Volk mit einer festen Hand regiert", "Die Demokratie ist unproduktiv" oder "Das Parlament ist eine Quasselbude" stoßen auch in Deutschland auf ziemlich große Zustimmung.

Die Bewegung "Pegida" hat deutlich gemacht, dass es ein "politisches Vakuum" gibt. Ein immer größer werdender Anteil der Bevölkerung fühlt sich nicht mehr durch die etablierten Parteien vertreten - Politikwissenschaftler sprechen hier von einer Repräsentationskrise. Personen wie Lutz Bachmann ist es nun gelungen, dieses Vakuum – das Gefühl von Politikverdrossenheit und Demokratiedefizit - aufzugreifen und Woche für Woche Personen zu mobilisieren, auf die Straße zu gehen.

Günther Sandner: Der Grund, weshalb Pegida in Österreich vermutlich nicht so stark wird, ist die Existenz einer großen "rechtspopulistischen" Partei wie die FPÖ, die diese Lücke füllt. Das heißt, anders als in Deutschland werden diese politischen Einstellungen in Österreich durch eine große Partei repräsentiert.

Welche Rolle spielt hier politische Bildung?

Gudrun Hentges: Sie ist wichtig, nämlich nicht nur, um Kenntnisse und Wissen über die Funktionsweise von parlamentarischer Demokratie oder Institutionen zu vermitteln. Vielmehr geht es darum, Möglichkeiten politischer Partizipation aufzuzeigen und Personen zu befähigen und zu motivieren, selbst politisch aktiv zu werden – und zwar in unterschiedlichen Bereichen, ob in Schulen, Hochschulen, am Arbeitsplatz, im eigenen Wohnviertel etc. Aber sie kann diese Probleme nicht allein lösen.

In Deutschland wurde bereits seit Anfang der Bundesrepublik Deutschland auf politische Bildung gesetzt. Welche Ziele wurden damals verfolgt?

Gudrun Hentges: Mit dem Sieg über den Hitler-Faschismus und mit Ende des Zweiten Weltkriegs standen die alliierten Besatzungsmächte vor der Herausforderung, Strategien für eine Demokratisierung der deutschen Bevölkerung zu entwickeln. Zunächst standen Konzepte der Re-Education auf der Agenda.

Mit Gründung der „Bundeszentrale für Heimatdienst“ im Jahre 1952 (heute: „Bundeszentrale für politische Bildung“) etablierten sich dann Begriffe wie "staatsbürgerliche Erziehung". "Politische Bildung" wurde erst Anfang der 1960er Jahre bedeutsam.

Anfangs gab es massive Auseinandersetzungen über ihre mögliche Ausrichtung – einige politische Akteure im Umfeld des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung forderten, sie müsse Propaganda im Interesse der Regierung sein. Andere wiederum verlangten die Etablierung einer unabhängigen Zentrale, die Wissen über politische Institutionen vermittelt und Menschen dazu befähigt, im Sinne des demokratischen europäischen Gedankens zu handeln. Im Laufe der 1960er Jahre nahm dann vor allem die Studentenbewegung und die außerparlamentarische Opposition Einfluss auf die Ausrichtung der politischen Bildung und auf die Bundeszentrale für politische Bildung.

Seit wann spielt politische Bildung in Österreich eine Rolle?

Günther Sandner: In Österreich hat sich im Vergleich in den 1950er und 1960er Jahren relativ wenig getan. Im Wesentlichen knüpfte man an die Situation von vor 1933 an – damals gab es schon so etwas wie den Gedanken der Staatsbürgererziehung. Allerdings hatte das nichts mit einem emanzipatorischen Bildungsbegriff zu tun, sondern orientierte sich eher am "staatsbürgerlichen Funktionieren", wenn man so will. Die Veränderung kam schließlich vor allem Ende der 1970er Jahr im Rahmen der sozialistischen Alleinregierung, als der sogenannte "Grundsatzerlass Politische Bildung" verfasst wurde.

Dieser besagt, dass politische Bildung in jedem Unterrichtsfach eine Rolle spielen soll. Eigentlich ist das ein guter Gedanke, gescheitert ist man aber an dessen Umsetzung – seit damals gibt es nämlich zwölf bis 15 solcher Unterrichtsprinzipien, und die meisten Lehrer hatten nicht die entsprechenden Kenntnisse dafür. Danach gab es keine grundsätzlichen Veränderungen mehr. Es gab zu viele Vorbehalte gegenüber der politischen Bildung – zum einen fürchteten politische Parteien die Indoktrination durch den jeweiligen politischen Gegner und zum anderen gab es auch stets große Widerstände seitens der Lehrergewerkschaft.

Warum hat sich die politische Bildung in Österreich viel später als in Deutschland entwickelt?

Günther Sandner: Österreich hat sich in seinem Selbstverständnis lange als Opfer des Nationalsozialismus gesehen. Dadurch ist ein Re-Education Programm oder der Gedanke der Re-Orientation in Österreich niemals so stark mit politischer Bildung und Demokratieerziehung verknüpft worden. Wir haben auch bis dato keine Institution, die mit der Bundeszentrale für Politische Bildung vergleichbar wäre – und es war auch nie Gegenstand einer umfassenden Diskussion.

Derzeit wird in Österreich darüber diskutiert, politische Bildung als Pflichtfach einzuführen. Was halten Sie davon?

Günther Sandner: Man muss sich natürlich davor hüten, zu denken, dass damit alle Probleme gelöst sind. Aber grundsätzlich bin ich für ein Pflichtfach Politische Bildung. Insbesondere weil das unmittelbare Konsequenzen für die Ausbildung der Pädagogen hätte, die diese Ausbildung heute schlichtweg nicht haben.

Es ist aber vor allem wichtig, dass politische Bildung in allen Schultypen gleichermaßen eine Rolle spielt. Wir haben in Österreich die Situation, dass es mit der Unterteilungen in Gymnasium und Hauptschule früh zu einer relativ starken Differenzierung zwischen Schülern kommt. Das stellt natürlich auch die politische Bildung vor eine Herausforderung.

Wie müsste dieses Fach Ihrer Meinung nach konkret aussehen?

Günther Sandner: Bei politischer Bildung geht es vor allem darum, die Bedeutung von Mitbestimmung und politischen Gestaltungsmöglichkeiten zu vermitteln und durch Projekte anschaulich zu machen. Dabei ist es wichtig, an der Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler anzuknüpfen – also daran, was sie interessiert und was sie selbst betrifft. Natürlich sind die Kapazitäten für solche Projekte im Unterricht beschränkt. Dennoch denke ich, dass so an der Praxis orientierte Unterrichtsformen wichtig sind. Auch weil damit weitere Lerneffekte verbunden sind, wie Argumentieren oder der Erwerb von Handlungskompetenzen.

Zudem müsste im Lehrplan wieder mehr auf sozialwissenschaftliche Grundlagen zurückgegriffen werden. Im Moment sind Bereiche wie Ökonomie, Soziologie oder Politikwissenschaften im Lehrplan kaum berücksichtigt – diese gehören aber alle zur politischen Bildung. Und letztlich geht es darum, den entsprechenden Umgang mit aktuellen Themen wie Migration und Ökologie zu erlernen.

Wie ist das in Deutschland?

Gudrun Hentges: Ab der siebten Klasse gibt es je nach Bundesland das Pflichtfach "Sozialkunde" oder "Politische Weltkunde", später in der Oberstufe haben die Schüler dann die Möglichkeit, "Sozialkunde" auch als Leistungskurs zu wählen. Man kann also sagen, dass die Voraussetzungen für politische Bildung gegeben sind. Aber anhand der aktuellen Entwicklungen zeigt sich, dass das keine Garantie für Demokratisierungsprozesse ist.

Wo liegt ihrer Meinung nach das Problem in der politischen Bildung?

Gudrun Hentges: Der Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer sagte einmal: "Belehrung kommt gegen Erfahrung nicht an." Darin wird deutlich, dass konkrete Erfahrungen – unter Umständen von sozio-ökonomischer Ausgrenzung oder Ohnmacht – so wirkungsmächtig sind, dass alleine die Vermittlung von Wissen und Kenntnissen über die Funktionsweise von Demokratie nicht viel hilft. Ich denke, politische Bildung und sozioökonomische Maßnahmen zur Integration von Teilen der Bevölkerung, insbesondere von Jugendlichen, müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Es geht darum, immer parallel zu schauen, welche Erfahrungen Jugendliche machen.

Inwieweit sollte politische Bildung über den Bereich der Schulen hinausgehen?

Gudrun Hentges: Es gab insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren ein ganz breites Spektrum unterschiedlicher Angebote sowohl im Bereich der politischen Jugend- als auch Erwachsenenbildung. Es war vor allem das Anliegen der außerparlamentarischen Opposition, Wissen über Politik und über Möglichkeiten der politischen Partizipation zu vermitteln – und das nicht nur in den Schulen. Wir können beobachten, dass sich dieser Bereich der politischen Bildung in den vergangenen zehn bis 20 Jahren stark reduziert hat.

Professuren, die es in diesem Bereich an den Universitäten gab, wurden beispielsweise nicht mehr nachbesetzt - es wird für Studenten daher immer schwieriger, sich für dieses Berufsfeld zu qualifizieren. Hinzu kommt, dass die Finanzierung für außerschulische politische Bildungsarbeit zunehmend reduziert wird, obwohl dieser Bereich in der momentanen Situation sehr wichtig wäre.

Günther Sandner: Das Problem ist auch, dass die Integrationskraft traditioneller Jugendorganisationen stark sinkt - egal ob aus dem konfessionellen, dem gewerkschaftlichen oder dem parteipolitischen Bereich. Aber letztlich geht die Frage generell an die Struktur des Schulsystems zurück. Gäbe es in Österreich die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen, könnte man natürlich auch die politische Bildung für alle dieser Altersgruppe gleich gestalten - ich denke, das wäre schon einmal eine gute Voraussetzung.

Interview: Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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