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SS-Offiziere auf archäologischer Spurensuche.

Wissenschaftler im Rassenwahn

Die Nationalsozialisten waren von der Überlegenheit des "arischen Volkes" überzeugt. Das sollte auch die Wissenschaft beweisen. Eines der obskuren NS-Forschungsprojekte führt nach Österreich - zur Venus von Willendorf.

Wissenschaftsgeschichte 11.05.2015

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 beginnt ein düsteres Kapitel der Wissenschaftsgeschichte. Vor allem die Archäologie, die Ur- und Frühgeschichte, sollen - vermeintlich objektiv - untermauern, dass die Germanen allen anderen Völkern überlegen seien. Ihre Aufgabe ist es, die "Überlegenheit der nordischen Rasse", des arischen Volkes und der germanischen Kultur zu belegen, um damit die Eroberungen, den Krieg und den Genozid historisch zu legitimieren. Im Dienst der NS-Ideologie wird der Germanen-Begriff immer weiter ausgedehnt, zeitlich wie geographisch.

Finanzielle Zuwendungen

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmeten sich auch die Dimensionen am 7. Mai um 19:00.

Dafür wurden diese Wissenschaften entsprechend unterstützt: 1933 gab es nur einen Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte in ganz Deutschland. Bis 1945 wächst diese Zahl auf 24 an, sagt Uta Halle, Ur- und Frühhistorikerin von der Universität Bremen: "Daran sieht man, welche bedeutende Rolle die Ur- und Frühgeschichte für die Ideologie des Nationalsozialismus gespielt hat". Auch die Archäologie konnte sich über finanzielle Zuwendungen freuen. Die Mittel für die staatliche Bodendenkmalpflege, für Expeditionen und Ausgrabungen wurden stark erhöht.

SS heuert Forscher an

Eine der Institutionen, die dieses neue "wissenschaftliche" Interesse ideologisch gesteuert hat, war die "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe" der SS. Heinrich Himmler, "Reichsführer SS", gründete das Ahnenerbe 1935. Neben eigenen Mitarbeitern beauftragte das Ahnenerbe regelmäßig Wissenschaftler der verschiedenen Universitäten Hitler-Deutschlands, um die pseudowissenschaftlichen Fragestellungen zu beantworten. Oft handelte es sich bei diesen Projekten, um Himmlers private, obskure Interessen.

Obskure Forschungsvorhaben

Die "Experten" des Ahnenerbes sollten etwa nachweisen, dass die griechisch-römische Kultur eine Schöpfung der Germanen gewesen sei oder dass die Germanen sich ausschließlich zur Sommersonnenwende fortgepflanzt hätten. Auf diese Weise wären alle Germanenkinder im Frühling, "zur besten Zeit", geboren worden. Ein anderes pseudowissenschaftliches Vorhaben des SS-Ahnenerbe beschäftigte sich mit einem altsteinzeitlichen Fund aus Österreich: der Venus von Willendorf.

Heinrich Himmler entdeckte eine Abbildung dieser Venusfigurine in einem rassekundlichen Buch. Die kleine Skulptur stellt eine Frau mit großen Brüsten, einem hervorstehenden Bauch und einem ausgeprägten Gesäß dar. Himmler, der Laien-Anthropologe, assoziiert die Körperformen sofort mit Frauen vom Stamm der Khoi und der San in Afrika, die damals als Hottentotten bezeichnet werden. Himmlers Schlussfolgerung war absurd: Er ging davon aus, dass die Vorfahren der Hottentotten Europa besiedelt hätten, jedoch von überlegenen germanischen Siedlern ausgerottet worden wären. Das Ahnenerbe sollte diese Annahme "wissenschaftlich" untersuchen.

Rassekundliche Untersuchungen

Reena Perschke, prähistorische Archäologin aus Berlin, hat diese Untersuchung wissenschaftshistorisch aufgearbeitet. Wolfram Sievers, der Geschäftsführer des Ahnenerbes, kontaktiert einen interdisziplinären Kreis von Wissenschaftlern, um ein Gutachten für seinen Vorgesetzten erstellen zu können, erläutert Reena Perschke: "Unter anderem Otto Huth, einen deutschen Religionswissenschaftler, der in seiner Antwort erklärte, dass es sich bei den Figurinen um Göttinnen handle und nicht um eine Darstellung der Urmenschen selbst." Der nächste auf der Liste des Ahnenerbes war der Afrikanist Walter Hirschberg in Wien. "Der antwortet, dass es diese rassetypischen Hottentotten in Afrika durchaus gäbe, dass sie allerdings nie in Europa waren."

Anthropologie im Dienst der Nazis

Dann bittet das Ahnenerbe Bruno Beger um seine Einschätzung. Der Anthropologe Bruno Beger war während der NS-Zeit ein "Experte für Rassenkunde". Er war an schweren Menschheitsverbrechen in Konzentrationslagern beteiligt. Neben anthropologischen Vermessungen, unterstützte er das NS-Regime auch dabei, eine rassekundliche Skelettsammlung anzulegen, für die unzählige KZ-Häftlinge ermordet wurden. "Und dieser Bruno Beger schlug dann auch vor in Konzentrationslagern oder auch im Warschauer Ghetto nach Frauen afrikanischer Abstammung bzw. Jüdinnen zu suchen, die ein besonders ausgeprägtes Gesäß haben, um diese Frauen rassekundlich zu untersuchen", erläutert Perschke weiter.

“Historischer Genozid“

Laut Beger sollte der Fettsteiß zu einem Kennzeichen von "minderrassigen" Frauen werden. Seiner Idee folgend, hätten die Germanen die Hottentotten ausgerottet - eine historische Legitimation für den Genozid der NS-Zeit. Aufgrund dieses "positiven" Gutachtens vergab das Ahnenerbe einen Forschungsauftrag an den deutschen Archäologen Joseph Wiesner, der die Fragestellung abschließend beantworten sollte. Seine Erkenntnisse wurden nie publiziert. Doch er versicherte dem Ahnenerbe, mit seiner Untersuchung die Annahmen über frühe indogermanische Geschichte zu untermauern.

Joseph Wiesners berufliche Laufbahn ist beispielhaft für den archäologischen Wissenschaftsbetrieb nach dem Ende der NS-Herrschaft: 1949 wird er Professor an der Universität Halle, in den 50er Jahren an die Universität Freiburg berufen. Wie Wiesner können auch in Österreich zahlreiche Archäologen, Ur- und Frühhistoriker an ihre NS-Karriere anschließen und bekommen wichtige Positionen an Universitäten, im Bundesdenkmalamt, in Museen oder der Akademie der Wissenschaften. Die historische Aufarbeitung dieser Missstände hat gerade erst begonnen.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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