Standort: science.ORF.at / Meldung: "Mehr als 30.000 "Befreiungskinder" in Österreich"

Eine junge Frau an eine Wand gelehnt, neben ihr zwei Kinder.

Mehr als 30.000 "Befreiungskinder" in Österreich

Sie galten als "Kinder des Feindes", ihre Mütter als Landesverräterinnen und "Flitscherln": Mehr als 30.000 Besatzungskinder sind nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Welt gekommen. Die Mehrheit sei aus Liebesbeziehungen entstanden, heißt es in einem neuen Buch. Die Nachkommen bevorzugen heute die Bezeichnung "Befreiungskinder".

Zeitgeschichte 07.05.2015

Barbara Stelzl-Marx, stellvertretende Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung und Silke Satjukow, Historikerin an der Universität Magdeburg, haben in einem Sammelband wissenschaftliche Erkenntnisse und Berichte von Besatzungskindern zusammengefasst.

"Stolz und froh"

Eleonore Dupuis als zweijähriges Mädchen. Als sie 1946 geboren wurde, bestand schon lange kein Kontakt mehr zu ihrem Vater.

Eleonore Dupuis

Eleonore Dupuis als zweijähriges Mädchen. Als sie 1946 geboren wurde, bestand schon lange kein Kontakt mehr zu ihrem Vater.

Neun Jahre war Eleonore Dupuis alt, als sie von ihrer Mutter erfuhr, dass ihr Vater ein sowjetischer Besatzungssoldat war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die heute 69-Jährige Niederösterreicherin keine Ahnung.

An ihre Reaktion kann sie sich aber noch heute erinnern, wie sie im Gespräch mit science.ORF.at erzählt: "Ich war stolz und froh, ich hatte ein gutes Gefühl - ich weiß selbst nicht warum, denn als Kind kann man das noch gar nicht richtig einschätzen. Aber ich war stolz darauf, einen russischen Vater zu haben."

Mehrheit aus Liebesbeziehungen

Nicht alle Besatzungskinder konnten mit der Nachricht, dass ihr Vater ein alliierter Soldat war, so positiv umgehen. Teilweise war daran auch die Umgebung schuld, denn die Besatzungskinder wurden als "Kinder des Feindes" verunglimpft, den Müttern wurde unterstellt, sich für Nahrungsmittel prostituiert zu haben oder vergewaltigt worden zu sein.

Diese Vorfälle habe es auch tatsächlich gegeben, sagt Forschungsleiterin Barbara Stelzl-Marx vom Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung. Eine Fragenbogenuntersuchung gemeinsam mit der Universität Leipzig habe aber ergeben, "dass die überwiegende Mehrheit der Kinder aus freiwilligen Liebesbeziehungen entstanden ist und nur ein sehr kleiner Prozentsatz - vor allem in der sowjetischen Zone - aus Vergewaltigungen."

Zum Teil sei es auch die "große Liebe" gewesen, so Stelzl-Marx im Interview mit science.ORF.at, wobei man aber dazu sagen müsse, dass es in der Besatzungszeit immer eine Hierarchie gegeben habe zwischen den Besatzern und den besetzten Frauen.

Strenge Regeln in der Roten Armee

Das Buch:

"Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland" ist im Böhlau Verlag erschienen (ISBN: 978-3-205-79657-2).

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Besatzungskinder berichtete auch das Mittagsjournal am 7. Mai 2015.

Rund die Hälfte der Besatzungskinder entstammte laut den nun veröffentlichten Studien aus Beziehungen mit sowjetischen Soldaten, was die Forscherin auf die massive Präsenz der Roten Armee zurückführt. Immerhin waren zu Kriegsende 400.000 sogenannte Rotarmisten in Österreich, zehn Jahre später waren es noch immer 40.000. Die sowjetische Armee hatte auch die strengsten Regeln, erklärt Barbara Stelzl-Marx, weil es ihren Soldaten nicht gestattet war, eine Österreicherin zu heiraten bzw. im Land zu bleiben oder die Frau mitzunehmen.

"Die sowjetischen Besatzungskinder sind deshalb beinahe ausschließlich ohne ihren leiblichen Vater aufgewachsen", so die Historikerin. Auch die Suche nach dem Vater war aufgrund der politischen Verhältnisse in der Sowjetunion über Jahrzehnte hinweg kaum möglich.

In den westlichen Besatzungszonen hingegen war es möglich, eine Österreicherin zu heiraten, weshalb tausende Frauen in den Jahren nach dem Krieg als sogenannte "war brides" in die USA, nach England oder Frankreich emigrierten. Ein berühmtes Beispiel: Die Schauspielerin und Sängerin Marianne Faithfull, deren Mutter in Wien einen britischen Besatzungsoffizier kennengelernt hat und mit ihm nach Großbritannien gegangen ist.

Befreiungs- statt Besatzungskind

In vielen Fällen machten aber die Mütter aus der Vaterschaft ein Geheimnis, um den Kindern und sich selbst die üble Nachrede zu ersparen. Das Leben der Familie war oft von Tabus und Lügen geprägt, manchmal wurden die Kinder aus der eigenen Familie ausgestoßen und wuchsen bei Pflegeeltern oder in Heimen auf.

Das blieb Eleonore Dupuis erspart, denn ihre Mutter erzählte ihr viel Gutes von ihrem Vater, der sein Bein wegen einer späten Kriegsverletzung behandeln lassen musste und danach nicht mehr zurückkehrte.

Finden konnte sie ihn bis heute nicht, und das, obwohl sie Russisch gelernt und mehrmals in Russland nach ihm gesucht hat. Von sich selbst spricht sie jedenfalls nicht mehr als Besatzungskind. Sie mag - wie auch die meisten anderen Betroffenen - lieber das Wort Befreiungskind.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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