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Eingang in die KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Die Befreiung von Mauthausen

Vor 70 Jahren, am 8. Mai 1945, kapitulierte die deutsche Wehrmacht, der Krieg war zu Ende. Drei Tage zuvor war das Konzentrationslager Mauthausen befreit worden. Dieses und das benachbarte Gusen gelten als zwei der schlimmsten Konzentrationslager der Nationalsozialisten, berüchtigt für besondere Grausamkeit.

70 Jahre Kriegsende 08.05.2015

Gedenken, aber auch Forschung

In Mauthausen und seinen 49 Außenlagern wurden von 1938 bis 1945 rund 100.000 Juden, Roma und Sinti sowie politische Häftlinge aus vielen europäischen Ländern ermordet.

Hackangriff am Gedenktag:

Heute, am Gedenktag des Kriegsendes, haben Hacker die Homepage des Mauthausen Memorial angegriffen und dort Kinderpornos platziert. Die Seite wurde deaktiviert und am Vormittag stand auch eine Reaktion der Innenministerin dort zu lesen. Laut Ministerium laufen Ermittlungen.

Mehr dazu in oesterreich.ORF.at

Ö1 Sendungshinweise:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 8.5. um 13:55.

Journal Panorama
5.Mai 2015 18:25 Uhr: "Rückkehr unerwünscht: Das Konzentrationslager Mauthausen"

TV-Tipp:

Am Sonntag wird in Mauthausen der Befreiung vor 70 Jahren gedacht - das ORF Fernsehen überträgt live die Feierlichkeiten.
ORF 2, 10.5.2015 9:05 Uhr
"Befreiungsfeier mit Gottesdienst in Mauthausen"

Das KZ Mauthausen:

  • Mauthausen war das größte Konzentrationslager auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Rund 200.000 Menschen wurden dort gefangen gehalten. Etwa die Hälfte davon überlebte die Vernichtungsmaschinerie nicht.
  • Bereits am 8. August 1938 trafen die ersten Gefangenen aus dem KZ Dachau in Mauthausen ein. Die Anlage dehnte sich rasch aus, bei ihrer Befreiung durch amerikanische Soldaten am 5. Mai 1945 umfasste sie mehr als 40 Außenlager, die über das gesamte Gebiet des heutigen Österreich verteilt waren.
  • 1943 war Mauthausen ein reines Vernichtungslager. Es wurde als KZ der Stufe III - mit den härtesten Haftbedingungen - klassifiziert. Seit 1941 war eine Gaskammer Teil der Tötungsmaschinerie.Je länger der Krieg dauerte, umso mehr Häftlinge wurden in den Außenlagern als Arbeitssklaven, etwa für die Rüstungsindustrie, eingesetzt. Die "Zentrale" in Mauthausen entwickelte sich immer mehr zu einem Sterbelager für Gefangene, die zu schwach für die schweren Tätigkeiten waren.
  • Als klar war, dass der Krieg verloren ist, ergriffen die SS-Angehörigen in der Nacht auf den 3. Mai 1945 die Flucht. Am 5. Mai trafen erstmals Einheiten der US-Armee in Mauthausen ein. Große Teile wurden von den Alliierten u.a. wegen der Seuchengefahr niedergebrannt. Seit 1949 ist der Kernbereich des ehemaligen KZ eine Gedenkstätte.
  • Viele Verantwortungsträger entzogen sich durch Flucht oder Selbstmord der Gerichtsbarkeit. Der ehemalige Lagerkommandant Franz Ziereis wurde im Mai 1945 von amerikanischen Soldaten aufgestöbert und erschossen, dem als "Doktor Tod" bekannten KZ-Arzt Aribert Heim gelang es sich abzusetzen. 61 Personen mussten sich 1946 in einem US-Militärprozess in Dachau verantworten. Der Großteil, unter ihnen der ehemalige Gauleiter von Oberdonau August Eigruber, wurde zum Tod verurteilt und hingerichtet, die übrigen bekamen lebenslange Haftstrafen.

Die heutige Gedenkstätte in Mauthausen erinnert an die Opfer - aber hier wird auch geforscht: so wird zum Beispiel seit 2007 eine Täterdatenbank erstellt. Die Datenbank ist als Rechercheinstrument zu sehen (Namen, Biografien, das System der SS-Wachmannschaft)- eine Veröffentlichung ist aus Datenschutzgründen nicht möglich.

science.ORF.at hat Barbara Glück, Leiterin der KZ-Gedenkstätte, nach dem Stand des Projekts gefragt: "Das ist ein sehr umfassendes Projekt, mit dem wir 2007 begonnen haben. Nächstes Jahr werden wir wahrscheinlich so weit sein, dass wir einen ersten Teil publizieren können. Das bedeutet aber nicht, dass wir am Ende des Forschungsprojektes sind. Denn ich möchte nicht behaupten, dass wir dann ein abgerundetes Bild haben und einen endgültigen Forschungsstand aufweisen können."

Es gebe nach wie vor Lücken, so die Leiterin. So laufe zwar eine Kooperation mit der Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin, im Zuge derer Archivmaterial ausgetauscht werde; doch bei anderen Archiven sei das noch nicht so selbstverständlich. Barbara Glück nennt als Beispiel das Sonderarchiv in Russland.

Neue Rechtsform "Bundesanstalt"?

Das Mauthausen Memorial ist dem Innenministerium unterstellt, schon länger steht eine Ausgliederung im Raum – als Bundesanstalt. In einem Zeitungsinterview ("Der Standard", 7.4.2015) meinte Barbara Glück, dass sie sich dadurch mehr und grenzüberschreitende Forschungsprojekte erhoffe.

Die Leiterin der Gedenkstätte erklärt, warum: "Eine Gedenkstätte kann heute nicht isoliert und alleine arbeiten, erst recht keine internationale Gedenkstätte. Uns geht es um die internationale Vernetzung zu anderen Gedenkstätten, Initiativen, Archiven, Museen und Einrichtungen. Um ein Beispiel zu nennen: Die EU unterstützt Projekte, wenn man grenzübergreifend und in mehreren Staaten gemeinsam arbeitet."

Schachspiel führt zu Überlebenden

Die jetzige Dauerausstellung ist erst vor zwei Jahren neugestaltet worden. Doch immer wieder werden Objekte gefunden und ergänzt oder von Opfern oder ihren Angehörigen der Gedenkstätte überlassen, schildert Barbara Glück: "Wir zeigen in der Ausstellung ein Schachspiels – das ein (mit unserem Wissensstand 2013) unbekannter Häftling angefertigt hat. Vor circa zwei Wochen hatten wir Besuch eines ungarischen Überlebenden - und er hat uns die Geschichte seines Schachspiels erzählt, das er in Mauthausen angefertigt hat."

Pál Ferenczi und sein Schachspiel

Barbara Glück

Pál Ferenczi und sein Schachspiel.

Die Geschichte des Spiels und seines Schöpfers: Der 1920 in Ungarn geborene Pál Ferenczi war Jude und Gewerkschaftsaktivist. Er wurde im April 1944 nach Mauthausen deportiert und blieb dort bis zur Befreiung, geführt wurde er als politischer Gefangener, Häftlingsnummer 66201. Vor dem Krieg war er ein guter Schachspieler, ein Vereinsspieler. Im KZ spielte er mit anderen Gefangenen zunächst blind, also ohne Schachspiel. Später hatte er Gelegenheit, die Figuren zu schnitzen. Einer seiner Freunde arbeitete als Tischler.

Von ihm bekam er das Holz, bereits in Stücke passender Größe geschnitten. Er hat dann mit dem Messer die Figuren geschnitzt. Farbe oder Holzlack hatte er nicht. Daher hat er zunächst die dunklen Figuren mit Erde gefärbt. Das Schachbrett hat er erst nach der Befreiung in Ungarn gemacht. Die Figuren hat er im Hosensack mitgenommen.

Vor wenigen Tagen war Ferenczi in der Gedenkstätte. "Wir haben gemeinsam die Vitrine geöffnet und seinen Namen eingefügt. Das zeigt, dass so eine Ausstellung ständig weiter wächst und sich weiter entwickelt", erklärt Barbara Glück.

Barbara Riedl-Daser, Ö1 Wissenschaft

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