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Zeitschriftenstapel

Umstrittene Studie mit 1.000 Autoren

Ein Fliegengenetik-Paper mit ungewöhnlich vielen Autoren sorgt in der Fachgemeinde für Diskussionen. Wieviel muss ein Forscher beitragen, um sich als Studienautor zu qualifizieren? Die Antworten offenbaren Kulturunterschiede zwischen den Disziplinen.

Debatte 15.05.2015

Titel, Autorenzeile, Abstract. So ist der Beginn des typischen wissenschaftlichen Papers gegliedert. Bei einer aktuellen Studie im Fachblatt "G3: Genes Genomes Genetics" ist die Autorenzeile ein bisschen länger geraten, als es normalerweise der Fall ist. 1.014 Forscher sind hier angeführt - 900 davon sind nach Auskunft der Projektleiterin, Sarah Elgin, Studenten.

Nicht, dass es so etwas noch nie gegeben hätte: In der Hochenergiephysik ist die Autorenliste mitunter sogar länger als der Textteil der Studie. Auch in der Genetik waren in den letzten Jahren Konsortien mit Hundertschaften von Forschern am Werk - allen voran beim Humangenomprojekt.

So gesehen sollte ein an wenig prominenter Stelle publiziertes Paper mit überlanger Autorenliste keine große Aufregung erzeugen. Dass das dennoch der Fall ist, hat vermutlich mit der Tatsache zu tun, dass hier vor allem Studenten angeführt wurden. Deren Autorenschaft zu kritisieren ist nicht besonders riskant.

"Konzept von Autorenschaft bedeutungslos"

Kritiken gab es jedenfalls in mehrfacher Ausfertigung. William Alexander, Systembiologe an der University of Wisconsin–Madison, reagierte auf die Studie mit einem Tweet: "Über 1.000 Autoren bei diesem G3-Paper? Ich bin entgeistert." Und Zen Faulkes, Neurobiologe an der University of Texas-Pan American, monierte in seinem Blog: Damit "wird das Konzept von Autorenschaft bedeutungslos."

Screenshot: Ausschnitt aus dem Paper in "G3: Genes Genomes Genetics"

G3: Genes Genomes Genetics

Screenshot: Die Studie in G3: Genes Genomes Genetics

Wer oder was ein Autor ist, könne man nachlesen, betont Faulkes. Etwa in den Regelungen des "International Committee of Medical Journal Editors". Dort steht: Ein Autor ist jemand, der oder die "am Entwurf des Beitrags beteiligt war und diesen kritisch überarbeitet hat" - und zwar unter Beisteuerung "wichtiger intellektueller Inhalte".

Das sei der Fall gewesen, hält Elgin entgegen. Die Studenten hätten nicht nur die Sequenzierung von DNA-Abschnitten im Fliegengenom händisch korrigiert, sondern auch das Manuskript gelesen und kommentiert. Faulkes wiederum meint: "Wenn die Zahl der Autoren eines Papers in 'Kiloautoren' gemessen werden kann, sollte so eine Studie nicht bei Promotionen oder Anstellungen zählen."

Würde man diese Forderung auf die Physik anwenden, hätte das originelle Konsequenzen. Jene Studie, in der CERN-Forscher vor drei Jahren über die Entdeckung des Higgs-Bosons berichteten, hatte mehr als 2,9 "Kiloautoren". Freilich käme unter Physikern niemand auf die Idee, das als Ausschließungsgrund zu betrachten.

So treten denn in dieser Debatte auch disziplinäre Kulturunterschiede zutage. Die Teilchenphysik hat den Sprung zur Großwissenschaft längst absolviert und die Molekularbiologie ist im Begriff, ihr auf diesem Pfad zu folgen. Dass dabei der Autor gleichsam schrumpft, weil er nur mehr als Teil eines Kollektivs auftritt, liegt in der Natur der Sache. Das kann man bemängeln, ändert aber nichts an der Tatsache, dass manche Experimente eben nur von Großteams durchgeführt werden können.

Der amerikanische Teilchenphysiker Gordon Watts kommentierte die Diskussion gegenüber "Nature News" gelassen: "Bei uns haben lange Autorenlisten Tradition. Wir wissen sie zu interpretieren."

Robert Czepel, science.ORF.at

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