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Mann mit Haube und  weißem Bart vor Bäumen

Die Wiederentdeckung des Ulster Scots

Nur knapp 24 Kilometer trennen die Küste Schottlands von jener Irlands. Viele schottische Familien leben auf der anderen Seite der Meerenge, im Norden der Grünen Insel. Seit ein paar Jahrzehnten besinnt man sich wieder verstärkt auf deren Sprache: das sogenannte Ulster Scots.

Sprachwissenschaften 21.05.2015

Vor mehr als 400 Jahren immigrierten viele Menschen aus den schottischen Lowlands in den Norden Irlands. Angezogen vom Hamilton & Montgomery Settlement zu Beginn des 17. Jahrhunderts versuchten tausende schottische Familien, vor allem Presbyterianer, sich eine neue Existenz in der Provinz Ulster aufzubauen.

Sprache oder Dialekt?

Linguist Bernhard Bauer im ORF-Funkhaus

J. Nagiller/ORF

Zur Person

Bernhard Bauer schreibt gerade am Institut für Sprachwissenschaften der Universität Wien an seiner Dissertation über innerkeltische Lehnwörter. Im Rahmen des interdisziplinären Symposiums der Wiener Keltologie referiert er am Freitag, 22. Mai gemeinsam mit Dieter Reinisch über "Ulster Scots & Irish Studies in the 21st Century".

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag in "Wissen aktuell", 21.5.2015; 13:55 Uhr.

"Sie wurden zum Teil bewusst angesiedelt und zum Teil waren es auch Schotten, die auf Grund von Ernteausfällen und Hungersnöten auswanderten", erzählt Bernhard Bauer, Doktorand am Institut für Sprachwissenschaften der Universität Wien. Diese sogenannten Ulster Scots brachten ihre Religion, Musik und auch Sprache mit nach Irland. Blieben aber auch immer eng verbunden mit ihrer früheren Heimat Schottland. "Denn bereits damals dauerte die Überfahrt nur drei Stunden", so Bauer.

Das Scots, die Muttersprache der Siedler, hat sich im Norden Irlands sehr lange gehalten und über die Zeit auch verändert. Denn das Lowland-Scots der Siedler vermischte sich mit dem Irischen und dem sogenannten Mid-Ulster-Englisch, das in der Provinz Ulster am weitesten verbreitet ist. Das daraus entstandene Ulster Scots ist, je nach Sichtweise, eine Varietät von Scots oder von Englisch, sagt Bauer. "Es ist sehr umstritten, ob es eine eigene Sprache oder einfach ein Dialekt des Englischen ist."

Keine standardisierte Rechtschreibung

Ulster Scots wurde allerdings nie gelehrt. "Die erste Generation konnte zwar noch Scots schreiben, mit der zweiten Generation ging diese Fähigkeit aber zumeist verloren. Denn es wurde in den Schulen nur Englisch unterrichtet." Bis heute gibt es daher keine einheitliche Orthographie. Seit ein paar Jahrzehnten könne man eine Art Wiederbelebung des Ulster Scots beobachten.

Ausschnitt aus Gedichtband auf Ulster Scots

J. Nagiller/ORF

So klingt Ulster Scots: Bernhard Bauer liest Strophe zwei des Gedichts "Ah Jist Wunner?"

Daran geknüpft sind laut Bauer auch Bestrebungen eine Standardorthographie zu etablieren. "Diese zielt darauf ab, sich vom Englischen zu unterscheiden, um eine eigene Sprache zu rechtfertigen." Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Scots-Orthographie verwendet, die aber im Laufe der Zeit in Vergessenheit geriet. Diese altertümlichen Schreibvarianten seinen noch in Briefen aus dieser Zeit erhalten.

Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts war in Nordirland das Leinengewerbe von großer Bedeutung. Es wurde vor allem von Ulster Scots sprechenden Personen betrieben. Aus dieser Zeit stammen die rhyming weavers, Gedichte oder kurze Prosa in Ulster Scots (siehe resp. höre Audio oben). "Das ist auch der größte Teil der Literatur, den wir heute noch finden können und der auch in den vergangenen Jahren wiederentdeckt wurde", sagt Bauer. Denn diese Gedichte wurden damals in Zeitungen veröffentlicht und auf diese Art archiviert.

"Stour-sucker" - Staubsauger

"Gesprochen wird Ulster Scots heutzutage vor allem im ländlichen Raum", sagt Bernhard Bauer, der bei einer Keltologie-Tagung in Wien über Ulster Scots referieren wird. Die Wiederentdeckung von Ulster Scots gehe derzeit aber vorwiegend vom urbanen Raum aus. Die nach dem Belfast Agreement 1998 gegründete Ulster Scots Agency setzt sich etwa für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Ulster Scots als eigene Sprache ein.

Die Wiederentdeckung könne man gut an sogenannten Neologismen, neu erfundenen Wörtern, beobachten. Beispielsweise gebe es nun eigene Wörter für Telefon, Direktor oder Staubsauger. "'Stour-sucker' bezeichnet den Staubsauger. 'Stour' ist Scots und heißt 'Staub'. Und 'sucker', der Sauger, wurde aus dem Englischen übernommen", erläutert Bauer.

Muttersprachler gesucht

Bauer sieht diese Neologismen kritisch. "Die Menschen im ruralen Gebiet, wo Ulster Scots vorwiegend gesprochen wird, werden es weiterhin so sprechen, wie sie es kennen und nicht die neuen Wörter aus den offiziellen Dokumenten lernen und verwenden". Um Ulster Scots langfristig zu erhalten, wäre es wichtig, dass Kinder mit Ulster Scots als Muttersprache aufwachsen. Der Zensus aus dem Jahr 2011 hat ergeben, dass knapp 15 Prozent der 1,8 Millionen Einwohner Nordirlands Ulster Scots verstehen. Allerdings sprechen nur vier Prozent selbst Ulster Scots und nur ein Prozent kann die Sprache auch schreiben.

Dennoch zählt Ulster Scots wie Englisch und Irisch zu den Amtssprachen Nordirlands. In manchen Regionen Nordirlands gibt es daher zwei- oder sogar dreisprachige Beschilderungen. Und auch offizielle Dokumente müssen in drei Sprachen herausgegeben werden. "Ein gutes Beispiel ist der Umstieg auf das digitale Fernsehen. Da wurden Broschüren in allen drei Sprachen veröffentlicht", erzählt Bernhard Bauer.

Bis vor ein paar Jahren war Ulster Scots außerhalb akademischer Zirkel kaum bekannt. Für den Sprachwissenschaftler ist klar, dass man die irische Geschichte nur verstehen kann, wenn man sich auch mit den Ulster Scots, ihrer Kultur und Sprache, auseinandersetzt. Denn der seit je her bestehende, enge Austausch zwischen Schottland und dem Norden Irlands sei nicht nur aus kulturwissenschaftlicher Sicht interessant.

Juliane Nagiller, Ö1 Wissenschaft

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