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Mit Malariaparasiten befallene rote Blutzellen

Neuer Wirkstoff gegen Malaria

Eine neue Klasse von Medikamenten, die Malaria bekämpfen sollen, stellen jetzt Forscher aus Harvard in Aussicht. In einer Studie beschreiben sie den andersartigen Wirkmechanismus eines Stoffes aus einer Wurzel, die seit fast 2.000 Jahren in der chinesischen Medizin als Heilmittel gegen Malaria eingesetzt wird.

Pharmazie 22.05.2015

Altes Heilmittel mit Nebenwirkungen

Febrifugin heißt der Wirkstoff in der Wurzel eines Hortensiengewächses, das in der traditionellen chinesischen Medizin als Chang Shan bekannt ist. Auch die westliche Schulmedizin weiß schon seit Jahrzehnten, dass das Mittel wirksam gegen Malaria ist. Weit verbreitet ist die Behandlungsmethode trotzdem nicht, weil sie mit starken Nebenwirkungen einhergeht und Leber und Darm schädigen kann.

Die Studien:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen Aktuell am 22.5. um 13:55.

Es gibt viele Medikamente gegen Malaria, aber die Erreger - mehrere Arten des Plasmodium Parasiten - sind zunehmend resistent dagegen. Die Suche nach neuen Medikamenten hat ein Forschungsteam in Harvard dazu gebracht, Febrifugin wieder genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie haben jetzt gleich mehrere Durchbrüche geschafft.

Der wichtigste: Man versteht nun den Wirkmechanismus von Febrifugin, sagt Ralph Mazitschek, Co-Autor der Studie: "Es ist eine Wirkungsweise, die bisher von keinem anderen Antimalariawirkstoff ausgenutzt wird." Das heißt, es handelt sich um eine ganz neue Klasse von Antimalaria-Mitteln. Febrifugin und analoge Stoffe, wie sie auch in der Studie verwendet wurden, hemmen die Bioproteinsynthese des Malaria-Parasiten. Das heißt der Parasit kann für ihn überlebensnotwendige Stoffe nicht herstellen.

Weniger Nebenwirkungen

Weil man den Mechanismus so genau versteht, konnte man den Wirkstoff auch abändern, und das Mittel besser verträglich machen, sagt Mazitschek. Die Verbindung Halifuginol, die von den Forschern in Harvard entwickelt und in der Studie untersucht wurde, wirkt genau wie Febrifugin, aber ohne die starken Nebenwirkungen.

Getestet wurde an Hefekulturen, wie auch an Mäusen. Dass der neu entwickelte Stoff sich als Medikament eignet, bezweifelt Chemiker Mazitschek: normalerweise würden dutzende bis hunderte Analoga getestet, bevor man einen passende Verbindung findet, die möglichst wenige unerwünschte Wirkungen hervorbringt. "Was wir aber zeigen konnten, ist, dass wir verträglichere Verbindungen machen können", erklärt Mazitschek.

Wirkung in mehreren Phasen

Auch neu ist die Erkenntnis, dass Febrifugin nicht erst wirkt, wenn der Parasit schon im Blut ist, sondern bereits im ersten Stadium der Infektion in der Leber. Der Malaria-Parasit wird von der Anopheles-Mücke übertragen, wandert bei Übertragung erst in die Leber, wo er sich vermehrt, bevor dann ein bis zwei Wochen später die Krankheit wirklich ausbricht. Das heißt der neue Wirkstoff könnte sehr früh eingreifen, und damit verhindern, dass sich Malaria-Symptome überhaupt zeigen.

Wichtig sei das für den Kampf gegen Malaria, sagt Mazitschek. Er weist darauf hin, dass das eine Krankheit ist, die viele Menschen betrifft - aber in den "falschen" Teilen der Welt, um als lukratives Forschungsfeld zu gelten. Er bedankte sich ausdrücklich bei der Gates-Stiftung, die diese Studie mitfinanziert hat - und ähnlichen Einrichtungen, die sich dem Ziel verschrieben haben, Krankheiten wie Malaria auszurotten. Jährlich sterben 600.000 Menschen an Malaria, ungefähr 200 Millionen erkranken laut Schätzungen der WHO daran, zum größten Teil in den tropischen und subtropischen Gebieten Afrikas und Asiens.

TCM auch gegen Übergewicht

Der Autor der Malaria-Studie Ralph Mazitschek hat auch einen kleinen Beitrag zu einer ebenfalls gerade erscheinen Harvard-Studie geleistet. Reiner Zufall sei es, sagt Mazitschek, dass beide sich mit Wirkstoffen aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) beschäftigen. Hier geht es um Wilfords Dreiflügelfrucht, ein Spindelbaumgewächs - in der TCM als 'Lei gong teng' bekannt.

In der TCM wird sie für die Behandlung einer Vielzahl von Krankheiten angewendet, von Hautausschlägen bis zu Rheuma. In der Pflanze kommen mehrere Verbindungen vor, die - auch neueren wissenschaftlichen Studien zufolge - jeweils auf verschiedene Art wirksam sind. Eine der Verbindungen – Celastrol – hat man jetzt untersucht.

Sättigungsgefühl zurückgewonnen

Ein Problem bei vielen Menschen mit Übergewicht sei, dass zwar das Sättigungshormon Leptin, dass dem Hungerhormon Ghrelin gegenübersteht, in ausreichendem Maße produziert wird – aber der Organismus auf die Signale des Hormons unempfindlich geworden ist.

In einem Versuch mit Mäusen zeigte sich, dass Celastrol übergewichtige Mäuse, die nicht mehr auf Leptin reagieren, auf die Signale des als Sättigungshormon resensibilisiert. Die Mäuse in der Studie zeigten nach Gabe einer - so Mazitschek - ziemlich kleinen Dosis von Celastrol keinen Appetit mehr über ihren Hunger hinaus und aßen dann die einer normalen Maus entsprechende Ration. Bei Mäusen, bei denen der Leptin-Rezeptor deaktiviert wurde, zeigte sich keinerlei Effekt und auch nicht bei Mäusen, die zu wenig Leptin produzierten. Daraus schließe man, dass Celastrol vornehmlich auf die Wahrnehmung des Hormons Leptin wirke, und dadurch die Nahrungsaufnahme vermindere.

Niedrige Konzentrationen von Leptin signalisieren dem Körper zudem, dass er seine Energiereserven aufstocken und den Verbrauch von Energie für diverse physiologische Funktionen minimieren soll. Insofern scheint eine bessere Wahrnehmung von Leptin auch den Energieverbrauch wieder zu normalisieren. Die fettleibigen Mäuse in der Studie haben 45 Prozent ihres Gewichts verloren.

Wie genau Celastrol aber wirkt, das wird man in Folgestudien herausfinden müssen. Und auch wie man es eventuell bei der Behandlung von extremen Übergewicht einsetzen könnte.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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