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Blick auf Mount Everest in den Himalayas

Himalaya-Gletscher könnten verschwinden

Wenn der Klimawandel voranschreitet, könnte das riesige Gletschergebiet rund um den Mount Everest im Himalaya fast völlig verschwinden. Zwischen 70 und 99 Prozent seines momentanen Volumens könnte er laut einer aktuellen Studie bis 2100 verlieren.

Prognose 27.05.2015

Falls Ihnen eine derartige Prognose bekannt vorkommt: Eine ähnliche, noch weit drastischere Vorhersage hat vor fünf Jahren zu einer heftigen Kontroverse um den Weltklimarat (IPCC) geführt. Im vierten IPCC-Bericht aus dem Jahr 2007 hieß es, dass die Himalaya-Gletscher bis zum Jahr 2035 nahezu vollständig geschmolzen seien. Drei Jahre später hat der Weltklimarat diese Panne eingestanden.

"Die aktuelle Studie ist mit dieser alten Vorhersage überhaupt nicht vergleichbar", sagt der Klimaforscher Georg Kaser von der Universität Innsbruck gegenüber science.ORF.at. "Diesmal handelt es sich um saubere Schätzungen, damals ist ein Fehler passiert."

Was in dem vierten IPCC-Bericht geschehen ist, ist laut Kaser noch immer nicht ganz klar. Vermutlich wurde aus Schlamperei der Prognosezeitraum "350 Jahre" mit "35 Jahren" verwechselt, danach folgte eine Reihe von Fehlern und Missverständnissen. Bei der aktuellen Arbeit einer Gruppe um Joseph Shea vom International Centre of Mountain Development in Kathmandu sei das anders, kommentiert Kaser, der an der Studie nicht beteiligt war. "Das sind sehr robuste Daten." Allerdings handle es sich auch dabei um Modelle, "nicht aber um ein endgültiges Ergebnis".

Große Wasserreserven

Die Studie:

"Modelling glacier change in the Everest region, Nepal Himalaya" von J.M. Shea et al. ist am 27. Mai 2015 in der Fachzeitschrift "The Cryosphere" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 27.6. um 13:55.

Die Wasserversorgung im Himalaya-Gebiet ist von Schnee und Eis abhängig. Abseits der Regenzeit bewahrt das Schmelzwasser große Gebiete vor dem Austrockenen. Würde dieses riesige Reservoir schrumpfen oder gar verschwinden, hätte dies gravierende Folgen für die Region, für die Landwirtschaft, für die Energiegewinnung aus Wasserkraft, für öffentliche Einrichtungen und für die einzelnen Haushalte.

Für ihre Studie haben die Forscher um Joseph Shea die Entwicklung der Gletscher im Dudhkoshi-Becken in Nepal untersucht. Hier befinden sich einige der höchsten Berge der Welt, allen voran der Mount Everest. Das vergletscherte Gebiet umfasst mehr als 400 Quadratkilometer. Das Klima in der Region ist durch große Schwankungen bei den Temperaturen sowie bei Niederschlägen gekennzeichnet. 77 Prozent des jährlichen Regen fällt während des Monsuns.

Schon in der jüngeren Vergangenheit haben die Gletscher einiges an Masse verloren. Dadurch sind am Rand teilweise kleine Seen entstanden, die ebenfalls ein Risiko für die Bevölkerung darstellen. In Schmelzzeiten drohen extreme Überflutungen.

Klare Tendenz

Zum Abgleich ihrer Prognose haben die Forscher vorerst die Veränderungen der vergangenen 50 Jahre erhoben, soweit Daten vorhanden sind. Um zu sehen, wie die Gletscher auf zukünftige Klimaveränderung reagieren werden, haben sie dann acht verschieden Szenarien mit unterschiedlichen Temperaturen und Niederschlagsmengen auf die modellierten Gletscher angewandt. Die Tendenz ist klar: Jeder Temperaturanstieg wird die Schmelze vorantreiben. Die berechneten Prognosen sehen einen Verlust zwischen 70 und 99 Prozent der Masse bis Ende des Jahrhunderts.

Die dramatischen Veränderungen liegen vor allem an der Verschiebung der Nullgradgrenze. Derzeit variiert diese zwischen 3.200 Höhenmetern im Jänner und 5.500 im August. Bis 2100 könnte sie laut den Berechnungen um 800 bis 1.000 Meter steigen. Mit der Temperatur steigt auch die Schneefallgrenze, statt Schnee fällt dann auch in sehr hohen Regionen nur noch Regen, was die Schmelze zusätzlich beschleunigt. "Dadurch könnte die nun vergletscherte Fläche in der wärmeren Jahreszeit um 90 Prozent schrumpfen", so der Koautor Walter Immerzeel von der Universität Utrecht in einer Aussendung.

Natürlich, so die Autoren in ihrer Studie, müsse man die Ergebnisse mit Vorsicht betrachten, es gebe noch zahlreiche Unwägbarkeiten. Zum einen sind die historischen Klimadaten für die Region recht dünn, vor allem für die hochgelegenen Gebiete. Außerdem habe man die Bewegungen der Gletscher noch zu wenig berücksichtigen können. Aber eines sei eindeutig: Viel Eis wird schmelzen, auch in den konservativsten Modellen.

Eva Obermüller / Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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