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Abguss des Oberkiefers des entdeckten Australophithecus deyiremeda

"Lucy" hatte Cousinen

Lange galt der Urmensch "Lucy" als einziger Menschenvorfahre, der vor rund 3,5 Millionen Jahren gelebt hat. Der bisher stärkste Beweis dagegen wurde nun sehr nahe an "Lucys" Fundstätte in Äthiopien ausgegraben: Knochen einer ganz neuen Art Urmensch, die zur gleichen Zeit gelebt hat.

Paläoanthropologie 28.05.2015

Die Forschergruppe um Yohannes Haile-Selassie vom Cleveland Museum of Natural History taufte die Art passenderweise "Australophithecus deyiremeda". Sie gehört wie "Lucy" zur Gattung der Australophitecinen, "deyiremeda" indes bedeutet "naher Verwandter" auf Afar - der Sprache, die von den Einheimischen in Äthiopien benutzt wird.

Afarensis war nicht alleine

"Lucy" wurde 1974 im Afar-Dreieck, einer Tiefebene in Ostafrika, entdeckt. Weitere Funde danach in der gleichen Region nährten die Annahme, dass es in der Zeit zwischen 3,7 und 3 Millionen Jahren vor unserer Zeitrechnung nur eine Art von Menschenvorfahren gegeben hat: Australopithecus afarensis.

In den vergangenen Jahren wurden diese Annahmen immer stärker in Zweifel gezogen. Nicht zuletzt auch durch Haile-Selassie, dessen Gruppe vor drei Jahren Fußknochen entdeckt hat, die nicht recht zu "Lucy" passen wollten, aber mit 3,4 Millionen Jahren ungefähr gleich alt waren. Die Forscher gingen damals noch nicht so weit, diese Knochen einer eigenen Art zuzuordnen.

Oberkiefer, Unterkiefer und Zähne entdeckt

Dies ist bei der aktuellen Studie anders: Die Fossilien von Ober- und Unterkiefern sowie von einigen Zähnen, die sie im März 2011 im Rahmen der "Woranso-Mille-Grabungen" entdeckt und nun in einer Studie vorgestellt haben, gehören laut Forschern eindeutig zu einer neuen Art.

Die Studie:

"New species from Ethiopia further expands Middle Pliocene hominin diversity" von Yohannes Haile-Selassie und Kollegen ist am 27. 5. in "Nature" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen Aktuell am 28.5. um 13:55.

Der Oberkiefer des Australophithecus deyiremeda, gefunden am 4. März 2011

Yohannes Haile-Selassie

Der Oberkiefer des Australophithecus deyiremeda, gefunden am 4. März 2011

Die Knochen sind zwischen 3,3 und 3,5 Millionen Jahre alt. Ihr Fundort - rund 520 Kilometer nordöstlich der äthiopischen Hauptstadt Adis Abeba - liegt nur 35 Kilometer von der Stelle entfernt, an der "Lucy" entdeckt worden war.

Die Ober- und Unterkiefer unterscheiden sich in Form und Größe, weshalb die Forscher auf eine unterschiedliche Ernährungsweise ihrer Träger schließen. "Australophithecus deyiremeda" hatte kräftigere Kiefer und konnte deshalb besser kauen als "Lucy" und ihre Genossen.

Wie lebten die Arten zusammen?

"Die neue Art aus Äthiopien bringt die Diskussion um die Diversität früher Menschenvorfahren auf ein neues Niveau", sagt Haile-Selassie in einer Aussendung, "auch wenn einige Kollegen skeptisch sein mögen." Der Paläoanthropologe geht davon aus, dass zwei oder drei Arten in dieser Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft gelebt haben.

Abguss der Kiefer des Australophithecus deyiremeda

Laura Dempsey

Abguss der Kiefer des Australophithecus deyiremeda

Das führt zu der Frage, wie ihnen das gelungen ist. Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig versucht in einem "Nature"-Begleitkommentar zu antworten: "Aufteilung in Nischen, unterschiedliche Nahrungssuche und Essverhalten sowie verschiedene Bewegungsmuster sind wahrscheinlich die Schlüsselelemente gewesen." Die genauen Zusammenhänge zwischen diesen Elementen und den anatomischen Unterschieden der Knochen herzustellen, sei aber alles andere als einfach.

Wenn "Lucy" nicht alleine gelebt hat, sondern auch noch eine Reihe von Cousinen hatte - wie die aktuelle Studie nahelegt - dann ist auch eine Frage wieder offen: Nämlich jene, aus welcher Art sich die Gattung Homo und damit auch der moderne Mensch entwickelt hat.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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