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Gesicht einer Frau, die ofenbar unter Schmerzen leidet

Schmerzbehandlung in der Krise

Die Schmerzbehandlung ist in Österreich in der Krise. In den letzten fünf Jahren sind neun Schmerzambulanzen zugesperrt worden, sechs weitere stehen knapp vor der Schließung, das ergibt eine aktuelle Studie.

Gesundheitswesen 28.05.2015

Sie wird bei der heute beginnenden wissenschaftlichen Tagung der Österreichischen Schmerzgesellschaft präsentiert. Der Hauptgrund für die Schließungen: Geldmangel - denn Schmerzambulanzen sind für Spitäler auf den ersten Blick teuer, auf den zweiten Blick sind sie allerdings genau das Gegenteil. Langfristig ersparen sie dem Gesundheitssystem - und damit dem Steuerzahler - rund eine Milliarde Euro.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch das Morgenjournal am 28.05. um 7:00.

Komplexes Krankheitsbild

Jeder fünfte Mann, jede fünfte Frau leidet in Österreich an chronischen Schmerzen. Kann ein akuter Kopfschmerz noch ohne großes Fachwissen einfach mit einer Tablette zum Abklingen gebracht werden, schaut die Situation bei chronischem Schmerz ganz anders aus. Denn die Ursachen dafür sind vielschichtig.

Dem chronischen Schmerz können reelle körperliche Beschwerden zu Grunde liegen, aber auch seelische und soziale, sagt Studienautor Andreas Sandner-Kiesling von der MedUni Graz gegenüber science.ORF.at, z.B. wenn jemand arbeitslos ist. Aber auch scheinbar Unbeteiligte können das Gesundwerden eines Patienten behindern, nämlich wenn er sieht, dass andere Schmerzpatienten Zuwendung erhalten. Der Schmerz habe also in gewisser Weise auch einen sozialen Nutzen.

Der chronische Schmerz besitzt ein komplexes Krankheitsbild, daher braucht es Spezialisten, die ihn behandeln können, sagt Sandner-Kiesling. Doch von diesen gibt es in Österreich immer weniger. In den letzten fünf Jahren sind in allen Bundesländern Ambulanzen geschlossen worden, mehrheitlich aus Geld- und Personalmangel. "Am meisten aufgefallen ist dies in Oberösterreich, da wurden zwei Ambulanzen gemeldet. Kritisch ist es natürlich, wenn es in einem Bundesland eine einzige Schmerzambulanz gibt, wie zum Beispiel im Burgenland. Hier steht in Güssing die Schließung knapp bevor."

Luxus Schmerzambulanz?

Aus Sicht der Schmerzexperten ist das eine verheerende Entwicklung, die sich durch das neue Ärzte-Arbeitszeitgesetz verschärfen wird.

Noch gibt es 44 Ambulanzen, die aber auch zum Teil bedroht sind. Denn der zum Sparen angehaltene Spitalserhalter kann die spezialisierte Schmerzbehandlung mit den Krankenkassen nicht gegenrechnen, dafür fehlten sogenannte Leistungsziffern. "Wir haben nichts, wo wir diese Leistung abrechnen können. Also ist es für den Spitalserhalter uninteressant, eine Schmerzambulanz zu betreiben, weil er viel Geld investiert. Denn es ist ja sehr personalaufwändig. Auf der anderen Seite bekommt er an direkten Kosten nichts retour", so Sandner-Kiesling.

Nur indirekt habe der Spitalbetreiber Vorteile, z.B. beim Wettbewerb und der rechtlichen Sicherheit. Es gebe weniger Klagen gegen das Spital, Patienten werden nicht zu früh entlassen und es treten auch weniger Komplikationen nach Operationen auf.

"Die Umwegrentabilität einer gut funktionierenden Schmerzambulanz im Haus ist extrem hoch", so der Experte. Schmerzambulanzen zu schließen, bringe also vielleicht kurzfristig ausgeglichene Bilanzen, aber langfristig betrachtet könnten die Schließungen zu einem massiven finanziellen Bumerang werden.

Gudrun Stindl, Ö1 Wissenschaft

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