Standort: science.ORF.at / Meldung: "Otto Neuraths Streben nach Glück"

Porträt Otto Neurath

Otto Neuraths Streben nach Glück

Ob in der Siedlerbewegung oder im Wiener Kreis - Otto Neurath zählt zu den einflussreichsten Sozialwissenschaftlern der Zwischenkriegszeit. Aus Österreich vertrieben fand er in England eine neue Heimat. Dort erhob er das Glück der Menschen zum Maßstab aller Reformideen.

Wissenschaftsgeschichte 01.06.2015

Er war ein politischer Wissenschaftler und ein forschender Sozialreformer: Otto Neurath zählt zu den intellektuell einflussreichsten Persönlichkeiten der österreichischen Arbeiterbewegung. In den 1920er Jahren war er an der Gründung des "Wiener Kreises" beteiligt und gab dem bedeutenden philosophischen Zirkel seinen Namen. Ziel der interdisziplinären Wissenschaftsrunde war unter anderem, eine wissenschaftliche Weltauffassung, den Logischen Empirismus, zu entwickeln und zu verbreiten.

Politisches Engagement in Wien

Der Ökonom und Sozialforscher engagierte sich in der "Siedlerbewegung", um die Wohnungslage im Wien der Zwischenkriegszeit zu verbessern. Von den unzumutbaren Wohnverhältnissen nach dem Ersten Weltkrieg waren vor allem Angehörige der Arbeiterklasse betroffen.

Er war auch Leiter des "Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum" und dort an der Entwicklung der bahnbrechenden "Wiener Methode der Bildstatistik" beteiligt. Seine Bildsprache sollte das Bildungsprivileg der herrschenden Klasse brechen.

Flucht nach Holland

Als Otto Neurath 1934 vom Ausbruch des Bürgerkriegs in Österreich erfährt, befindet er sich in Moskau. An eine Zukunft in seinem Heimatland ist nicht länger zu denken. Schon in den Jahren zuvor wurden er und seine Kollegen aus dem "Wiener Kreis" politisch ausgegrenzt. Jetzt sind sie offiziell Verfolgte.

Der Sozialdemokrat und Arbeiterbildner flüchtet nach Holland, die "Wiener Methode der Bildstatistik" im Gepäck. Im holländischen Exil wird daraus ISOTYPE (System of Typographic Picture Education) - eine Bildsprache, die zur "Demokratisierung des Wissens" führen soll.

Neurath und seine Kollegen wollen komplexe Statistiken, soziale Entwicklungen oder Fragen der Wirtschaft anhand von Piktogrammen vermitteln, verständlich für jeden, unabhängig von Herkunft und Bildungsprivilegien. Eine neue Heimat findet der Sozialreformer hier dennoch nicht.

Ö1 Sendungshinweis:

Über dieses Thema berichtet auch das Dimensionen-Magazin, am 29.5.2015 um 19.05Uhr.

Internierung in England

Als die Nationalsozialisten im Mai 1940 in Holland einmarschieren, flüchtete er gemeinsam mit seiner engen Mitarbeiterin und späteren Ehefrau Marie Reidemeister auf einem Boot nach England. Als Österreicher gelten sie hier als "enemy aliens", als feindlicher Ausländer. Beide werden sofort - getrennt voneinander - auf der Isle of Man interniert.

Im Lager sind 1.400 Männer untergebracht, alle stammen aus Österreich und Deutschland. Die meisten sind hoch gebildet. Um sich zu unterhalten und zu bilden, gründen die Männer eine "öffentliche Universität" und halten Vorträge zu ihren Fachgebieten. Neuraths Vorlesung, die beliebteste im Lager, trägt den Titel "Was macht Tennisplätze so beständig?".

Das Glück der einfachen Dinge

Die Kulturwissenschaftlerin Michelle Henning von der Universität Brighton hat versucht, Otto Neuraths Aufenthalt auf der Isle of Man zu rekonstruieren. Sie hat das Internierungslager besucht. Der Tennisplatz, den Neurath vermutlich als Ausgangspunkt seiner Vorlesung nahm, liegt dort, auf dem Gelände des Lagers. "Der Text der Vorlesung ist leider verloren gegangen. Wegen anderer Arbeiten zu ähnlichen Themen ist aber gut vorstellbar, dass es Neurath über den Tennisplatz im Lager sprach und wie oft über Glück und Lebensqualität, selbst in schwierigen Situationen wie dem Gefängnis", sagt Henning.

Zur Person:

Die Kulturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Michelle Henning war im Rahmen der internationalen Tagung Politics, Democratic Education and Empowerment. The Case of Otto Neurath in Wien zu Gast, die am 28. Mai 2015 am Institut Wiener Kreis stattgefunden hat.

In Otto Neuraths Zugang zu den alltäglichen Dingen des Lebens, von Gebrauchsgegenständen bis zur Planung von Lebens- und Bildungsräumen, liegt für die Kulturwissenschaftlerin Michelle Henning die politische Dimension seiner Arbeit - sei es als Wissenschaftler oder als Sozialreformer. Die Grundlage seiner Projekte war, die Lebensweise der Menschen zu studieren, sei es im Wohn- oder im Bildungsbereich, und daraus mögliche Verbesserungen der Lebensqualität abzuleiten.

Planung des Wiederaufbaus

Als Neurath 1941, nach acht Monaten aus dem Lager entlassen wird, kann er seine Tätigkeit als Wissenschaftler schnell wieder aufnehmen. Im selben Jahr heiratet er die mit ihm geflohene Marie Reidemeister. Mit ihr gründet er das Isotype-Institute, wo sie die Bildsprache weiterentwickeln.

Er hält Vorlesungen an der Universität Oxford über den Logischen Empirismus des Wiener Kreises und arbeitet schließlich für britische Regierung an Siedlungsprojekten für den Wiederaufbau. "Eine britische Zeitung nannte ihn damals 'den Mann, der uns Glück und Zufriedenheit bringen wird'. Er wurde also als diese Figur betrachtet, die Großbritannien das Glück bringen würde", erläutert Michelle Henning.

Spuren in der Gegenwart

Die Realisierung seines Siedlungsprojektes wird Neurath nicht mehr erleben. Er stirbt 1945 unerwartet. Doch seine Arbeit hat Spuren hinterlassen: Die von ihm entwickelte Bildsprache beeinflusst die bildliche Darstellung von Statistiken bis heute, etwa in Zeitungen wie der New York Times. Bildmaterial und Lerntafeln, die er für britische Schulen gestaltet hat, haben dort verwandte Nachfolger gefunden.

Und sein "Streben nach Glück" bei der Gestaltung einer modernen Gesellschaft sei aktueller denn je, resümiert Michelle Henning: "Neuraths Interesse galt der sozialen Planung. Doch anders als vielen Zeitgenossen, ging es ihm nicht um einen moralischen Kreuzzug, darum Menschen zu besseren Menschen zu machen. Ihm ging es darum, ihr Glück zu steigern."

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

Mehr zu diesem Thema: